Streit um Bauprojekt: Anwohner in Halle sorgen sich um ihr Viertel

Stadtentwicklung: Die Verwaltung möchte 14,4 Hektar zwischen Schützenberg, Apothekerstraße, Oldendorfer Straße und Wertherstraße zukunftsfähig gestalten. Einige Bürger fühlen sich überrumpelt – denn Auslöser ist unter anderem ein umstrittenes Projekt

Marc Uthmann

Umstrittenes Fleckchen: Die Fläche des Spielplatzes Fahlenbreede an der Hagedornstraße könnte künftig schrumpfen. Foto: Marc Uthmann - © Marc Uthmann
Umstrittenes Fleckchen: Die Fläche des Spielplatzes Fahlenbreede an der Hagedornstraße könnte künftig schrumpfen. Foto: Marc Uthmann (© Marc Uthmann)

Halle. Es ist ein schönes Stück Halle, das da gerade in den Fokus der Debatte rückt: Am Hang gelegen, mit großen Grundstücken, bietet das Stadtviertel planerisch zugleich einigen Raum für Nachverdichtung. Und die ist in Zeiten zunehmender Flächenknappheit ausdrücklich erwünscht. Nun will die Stadt für das Gebiet einen neuen Bebauungsplan aufstellen, und nicht nur das sorgt für Unmut.

Vorgesehen ist, aus dem reinen Wohngebiet ein allgemeines Wohngebiet zu machen. Damit würden einige Schutzrechte für die Einwohner wegfallen. Und nur mit dieser neuen Festsetzung ließe sich ein Bauprojekt an der Hagedornstraße 12 realisieren, das schon jetzt die Gemüter erhitzt. Die Diakonische Stiftung Ummeln betreibt unter dieser Adresse ein Wohnprojekt der Behinderten- und Jugendhilfe mit derzeit neun Plätzen. Dieser Komplex soll modernisiert und um einen ebenfalls zweigeschossigen Erweiterungsbau vergrößert werden. Künftig stünden 24 Plätze für Bewohner zur Verfügung, ein Investor will das Projekt umsetzen. Der Haller Planungs- und Stadtentwicklungsausschuss hatte im September seine grundsätzliche Zustimmung bekräftigt – doch kamen erstmals auch die Probleme auf den Tisch (das HK berichtete).

"Ein brachiales Objekt"

Und da sehen die Anwohner um Sprecher Torsten Kröner-Jussack so einige. Am Mittwoch hatten sich 25 von ihnen getroffen, um sich über das Projekt auszutauschen. „Da soll jetzt ein brachiales Objekt hingeknallt werden, das so überhaupt nicht in die Landschaft passt – und das ganze im Hauruck-Verfahren ohne Umweltprüfung", kritisiert der Haller. Bäume müssten gefällt werden, der Neubau würde zum Teil in die bisherige Fläche eines Spielplatzes hineinragen. Zwar akzeptiert Kröner-Jussack, selbst Geschäftsführer des Greffener Entsorgungsunternehmens Grumbach, die Erwägungen des Investors: „Erst ab 24 Plätzen bekommt er die maximale Fördersumme. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar." Doch nehme die Planung keinerlei Rücksicht auf ein Gebiet, das „garantiert schützenswert" sei. „Den Spielplatz hat die Stadt einst gegen alle Widerstände sogar vor dem Verwaltungsgericht durchgeboxt. Und bei den Bäumen wurde jüngst erst aufgeforstet – jetzt kann das alles weg?"

Vor allem sorgen sich die Anwohner, dass sich in einem allgemeinen Wohngebiet künftig auch an anderer Stelle gewerbliche Betriebe ausbreiten könnten, die bisher nicht zulässig gewesen wären. Und sie befürchten, dass ohne Umweltprüfung das Gebiet nicht ausreichend geschützt wird: „Wir haben angrenzend das Naturschutzgebiet Steinbruch Schneiker. Hier gibt es die Fledermäuse und Bachstelzen wirklich", sagt Torsten Kröner-Jussack in Anspielung auf die Fledermaus-Debatte rund um die A 33.

"Naturschutzgebiet ist tabu"

Mit dem Charakter des Wohnprojekts hat er nach eigenem Bekunden keine Probleme: „Die Einrichtung gibt es hier seit rund 15 Jahren – das Zusammenleben lief bislang sehr gut", erklärte der Sprecher. Dass es manche Anlieger besorge, wenn künftig 24 statt neun Menschen mit psychischen Erkrankungen dort wieder in den Alltag integriert würden, mochte er indes auch nicht verhehlen.

Bei der Stadt Halle sind die Bedenken der Bürger wohlbekannt, der zuständige Abteilungsleiter Michael Flohr geht entspannt mit ihnen um: „Bislang war das eine rein politische Entscheidung. Der Planungsausschuss steht diesem Inklusionsvorhaben positiv gegenüber, es sollte Bestandteil des Bebauungsplanentwurfes werden. Das ist jetzt so." Grundsätzlich könne er aber die Argumente beider Seiten nachvollziehen, so Flohr.

Dass die 14,4 Hektar künftig allgemeines Wohngebiet werden sollen, sei jedoch üblich. „Reine Wohngebiete werden eigentlich gar nicht mehr ausgewiesen. Im Übrigen ist die Rate möglicher Umnutzungen künftig begrenzt." Der Spielplatz werde durch den Neubau zwar verkleinert, in seiner Funktion aber nicht beeinträchtigt. Dass keine Umweltprüfung geplant ist, begründet der Fachmann aus dem Bauamt so: „Wir verändern nur einen bestehenden Bebauungsplan und verdichten nach. Das angrenzende Naturschutzgebiet ist tabu."

Öffentliche Beteiligung bis zum 25. November

Bis zum 25. November läuft die erste Phase der öffentlichen Beteiligung noch. „Von uns werden einige Einwendungen kommen, das wird nicht entspannt durchlaufen. Wir haben unter anderem Kontakt mit dem Nabu aufgenommen", kündigt Torsten Kröner-Jussack an. Er werde notfalls auch klagen, betont er.

Michael Flohr sieht an der derzeitigen Debatte derweil gar nichts Ungewöhnliches: „So soll es in einer öffentlichen Beteiligung doch sein, dass Einwendungen zu einer Planung kommen. Dazu lade ich die Bürger ausdrücklich ein." Entscheiden werde letztlich dann der Stadtrat.

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