Kamal (18) darf nach fünf Jahren Trennung mit seiner Mutter zusammenziehen

Familiennachzug: Als 13-Jähriger flieht Kamal Inalo 2014 nach Deutschland. Nach fünf Jahren darf seine Mutter einreisen – muss allerdings im 100 Kilometer entfernten Wickede leben. Das nehmen Kamals Helfer nicht hin.

Kerstin Spieker

Wie der kleine Bruder: Handwerksmeisterin Sarah Kuklinski und ihr Lebensgefährte Florian Gahlstorf unterstützen den syrischen Auszubildenden Kamal Inalo. - © Kerstin Spieker, HK
Wie der kleine Bruder: Handwerksmeisterin Sarah Kuklinski und ihr Lebensgefährte Florian Gahlstorf unterstützen den syrischen Auszubildenden Kamal Inalo. (© Kerstin Spieker, HK)

Halle/Werther. Endlich 18! Die meisten jungen Leute lassen anlässlich des Erreichens der Volljährigkeit richtig die Korken knallen. Kamal Inalo allerdings erlebte seinen 18. Geburtstag mit gemischten Gefühlen. „Ich dachte, jetzt sehe ich meine Mutter nie wieder", erinnert sich der junge Syrer. Volljährige Flüchtlinge haben keinen Anspruch auf den Nachzug ihrer Eltern und bis zum 18. Geburtstag hatten Kamal Inalos Vater und Mutter keines der limitierten Visa für die Einreise nach Deutschland erhalten. Seit Februar ist seine Mutter nun dennoch in Deutschland. Zeit miteinander haben Mutter und Sohn seither aber kaum verlebt.

Sarah merkt schnell, dass Kamal Sorgen hat

Im Alter von 13 Jahren kam Kamal Inalo, begleitet von einer Tante, 2014 nach Deutschland. Vater, Mutter und drei Geschwister blieben im Nordwesten Syriens, in Afrin, zurück. Im August 2018 mit 17 Jahren stellt Kamal Inalo für seine Eltern den Antrag auf Familiennachzug. Zum 1. August 2018 war der Zuzug der Eltern unbegleiteter Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz per Gesetz möglich geworden. Als bis Jahresende kein positiver Bescheid der deutschen Behörden bei ihm eingeht, denkt Kamal Inalo zunächst, dass er seine Eltern vielleicht nie wieder sehen wird. Dann kommt die Nachricht, dass ihnen die Einreiseerlaubnis doch noch erteilt werden soll.

Im Libanon steigt am Ende nur die Mutter ins Flugzeug. Der Vater bleibt bei den beiden noch minderjährigen Kinder und der 20-jährigen Tochter. Kamal Inalo organisiert die Abholung seiner Mutter vom Frankfurter Flughafen. Als sie sich nach fünf Jahren der Trennung wieder in die Arme schließen, denken sie nicht im Traum daran, dass man sie schon bald wieder trennen wird.

Mutter und Sohn fahren nach Halle. Bei der Stadtverwaltung habe man seine Mutter an die Zentrale Ausländerbehörde in Bielefeld verwiesen. Dort habe sie ihren Asylantrag gestellt, erzählt Kamal Inalo. Von Bielefeld aus sei sie dann in die Asylbewerberunterkunft im 100 Kilometer entfernten Wickede geschickt worden. Er habe sich sofort um den Antrag auf Umverteilung nach Halle gekümmert. Die Stadt Halle habe ihre Erklärung, Kamals Mutter aufnehmen zu wollen, zur zuständigen Bezirksregierung Arnsberg geschickt. Aber nichts geschieht. Mutter und Sohn warten.

Am 1. August dann startet Kamal Inalo seine Ausbildung beim Malerfachbetrieb Lieneweg in Werther. Dort hatte er bereits ein Schülerpraktikum absolviert und seitdem Kontakt zu Handwerksmeisterin Sarah Kuklinski gehalten. „Es gab für 2019 keinen anderen Bewerber auf den Ausbildungsplatz. Wir waren froh, in Kamal einen jungen Mann gefunden zu haben, der sich die Arbeit im Handwerk gut vorstellen kann", so die Fachfrau. Sie merkt schnell, dass Kamal Sorgen hat und schließlich vertraut er sich ihr an, berichtet von der Mutter in Wickede und der Hoffnung, endlich nach den vielen Jahren der Trennung wieder zusammen leben zu dürfen. In der Flüchtlingsunterkunft in Gartnisch hat der junge Mann bereits ein Familienzimmer angemietet. Das Bett für seine Mutter bezahlt er zwar – aber es bleibt leer.

Sarak Kuklinski berichtet zu Hause ihrem Lebenspartner vom Gehörten. Für den selbstständigen Großhandelskaufmann Florian Gahlstorf steht fest: Das kann doch nur ein Versehen sein. „Ich dachte, ich ruf da mal an und dann ist das auch schnell geklärt", erinnert er sich, richtet sich schon auf die Umzugsfahrt nach Wickede ein. Inzwischen weiß er es besser. Denn auch nach zahlreichen Telefonaten mit Arnsberg und mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) blieb Kamals Mutter auf Geheiß der Behörden in Wickede. Selbst ein Besuchsantrag sei vom BAMF abgelehnt worden. „Sie hätte dann wenigstens für 30 Tage bei ihrem Sohn in Halle sein dürfen, das wäre ja schon mal was gewesen", sagt Florian Gahlstorf. Eine Begründung für die Entscheidung gebe es nicht. „Mir wurde erklärt, das liege im Ermessen der Behörde."

Hinnehmen wollen Sarah Kuklinski und Florian Gahlstorf die Sache allerdings nicht. Vor allem nicht, seitdem sie mit Kamal in Wickede waren. „Wenn man vor Mutter und Sohn steht und beide weinen beim Abschied, das kann man kaum ertragen", berichten beide. Florian Gahlstorf beantragt Akteneinsicht beim BAMF, schließt auch rechtliche Schritte nicht mehr aus. „Ich wollte ja eigentlich nur mal da anrufen und die Sache klären. Dass ich kurz davor stand, mich mit dem Staat anzulegen, hätte ich nicht gedacht und habe ich auch nie gewollt", sagt er.

Auch mit 18 braucht er seine Familie

„Kurz davor stand" heißt es deshalb, weil es zu der juristischen Auseinandersetzung nun wohl doch nicht mehr kommen wird. BAMF und Bezirksregierung lenken ein: Dem Asylantrag der Mutter ist stattgegeben worden. Sie soll nun kurzfristig ins nahe Herford umziehen dürfen. In zwei Wochen geht es dann zu Kamal Inalo nach Halle, so ist der jetzige Stand. Dann ist das Bett in seinem Familienzimmer endlich nicht mehr leer. „Natürlich ist Kamal volljährig, aber wie jeder andere 18-Jährige braucht er die Unterstützung seiner Familie noch. Und gerade ihm wäre es so sehr zu wünschen, einfach mal von der Arbeit nach Hause zu kommen und die Mutter hat für ihn gekocht", hofft Sarah Kuklinski.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.