Luftballon-Verbot und Riesen-Demo: Diese Frau verlässt sich nicht auf die Politik

Nach dem Medienwirbel: Wenn es um Klimaschutz geht, setzt Anette Klee nicht auf die Politik, sondern auf sich selbst. Und mit dieser Einstellung hat sie in den vergangenen Monaten nicht nur Luftballonmüll reduziert

Melanie Wigger

Nicht nur bei der Demo ein Team: Anette Klee und ihr Ehemann Ingold Klee reden im Alltag viel über das Themen wir Umwelt und Mobilität.
Nicht nur bei der Demo ein Team: Anette Klee und ihr Ehemann Ingold Klee reden im Alltag viel über das Themen wir Umwelt und Mobilität.

Halle/Gütersloh. Was haben das Gütersloher Luftballon-Verbot, die Fahrrad-Demo auf der B 61 und die kreisweit aktiven »Parents for Future« gemeinsam? Hinter allem steckt Anette Klee. Zwar bei den Eltern für Klimaschutz „nur" als Gründungsmitglied, bei dem Antrag gegen das massenhafte Aufsteigen von Gas-Luftballons bei öffentlichen Veranstaltungen jedoch federführend. Und bei der Demo gegen den vierspurigen Ausbau der B 61 wurde Klee Versammlungsleiterin.

Die 49-Jährige, die in einem Haller Immobilienbüro arbeitet und im Altkreis auch als Musikerin im Duo »Fortezza« bekannt ist, bekommt seit Wochen Post aus ganz Deutschland: Ihr Antrag, der im September dazu führte, dass die Stadt Gütersloh sich von Luftballon-Aktionen verabschiedete, wird bereits in anderen Stadträten bis nach Bayern diskutiert. „Ich komme mir komisch vor, dass ich mit so einer Kleinigkeit so viel Wirbel verursacht habe", kommentiert Klee.

„Wir müssen Dinge verändern, wenn wir unseren Planeten behalten wollen"

Die Kehrseite: Sie hat sich nicht nur Freunde damit gemacht. Das Verbot wurde vor allem im Netz stark kritisiert – und das häufig wenig sachbezogen, findet Klee: „Ich habe mich daran gewöhnt, dass im Internet oft auf diese Weise diskutiert wird. Deshalb hat mich das weniger getroffen. Ich halte mit Argumenten dagegen."

Medien, die deutschlandweit über Güterslohs Vorreiterrolle berichtet haben, hätten das Anliegen oft zugespitzt dargestellt- Das habe die Diskussionen unnötig angeheizt. Zudem wurden im Netz oft Vergleiche herangezogen, die nicht sinnvoll seien. „Ich kann das verstehen, wenn jemand kommentiert, dass erst die Kreuzfahrtschiffe abgeschafft werden sollten, bevor wir uns um Luftballons kümmern – aber das liegt nun mal nicht in den Händen der Stadt Gütersloh." Der Ärger darüber, dass eine solche Lappalie im Stadtrat diskutiert werde, dürfe nicht auf die Politik abgewälzt werden. „Die Stadt macht das nicht, weil es ihr wichtig ist, sondern weil ich den Antrag eingereicht habe."

Umgekehrt macht Klee auch Mut mit ihrer Aktion. Sie hätte viele Anfragen von Menschen bekommen, die sich vor Ort engagieren wollen und auch Kopien ihres Antrags verschickt. Anfangs hatte sie gar nicht vor, namentlich mit ihrer Idee in Erscheinung zu treten. „Aber nur so kann ich meine Botschaft dahinter weitergeben." Es sei wichtig, die Gefahren für Tiere und Natur durch Ballons und Schnüre zu erklären. „Wenn ich das Problem verstehe, dann will ich doch die Ballons gar nicht mehr – das gilt sowohl für Erwachsene wie auch für Kinder", erläutert die zweifache Mutter.

Trotz des Wirbels würde sie es sofort wieder machen, bestätigt Anette Klee, die sich in ihrer Freizeit um ihre Insektenwiese kümmert, Müll sammelt oder selbstgenähte Baumwollbeutel an Markttagen unter die Leute bringt. „Wir müssen Dinge verändern, wenn wir unseren Planeten behalten wollen", schiebt sie hinterher, „und ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich dabei auf die Politik verlassen kann. Also muss ich selbst etwas tun."

Eine Motivation, die sich bei ihr im September noch ein weiteres Mal abzeichnete: mit der Demo gegen den Ausbau der B 61. „Ich hatte in meinem Leben noch nie eine Demo angemeldet." Doch als die Bielefelder Aktivisten sie darauf ansprachen, sagte sie ja. „Ohne darüber nachzudenken, was auf mich zukommt." Ein paar schlaflose Nächte lagen vor ihr.

„Anfangs doof und kalt: Jetzt finde ich es bereichernd, das Auto stehen zu lassen"

200 Leute wurden erwartet. Am Ende trafen sich 2.000 Radler aus Bielefeld und Gütersloh. „Es war eine Mischung aus unglaublicher Freude und Überforderung", beschreibt Klee den Anblick der Menschenmasse. „Das ist ein Anfang – aber wenn wir tatsächlich etwas verhindern wollen, müssen wir noch jahrelang etwas tun. Und darauf stelle ich mich gerade ein."

Für den Erhalt des Klimas müssten sich die Menschen mit ihren Autofahrten auf das Notwendige beschränken. Der B 61-Ausbau sei Unsinn. „Wenn die Straße in zehn Jahren fertig ist, müssen wir längst so weit sein, dass wir weniger Autos auf den Straßen haben. Doch breitere Straßen bewirken das Gegenteil." Der gegenwärtige Stau zwischen Bielefeld und Gütersloh erhöhe hingegen den Leidensdruck und fördere, sich auf Alternativen einzulassen. Und genau diese müssten statt des Straßenausbaus verbessert werden.

„Ich habe für unsere Familie den Klimanotstand ausgerufen"

Klee selbst sitzt selten im Auto. Auch den Weg zur Arbeit – von Isselhorst nach Halle – bringt sie mit dem Fahrrad hinter sich. Das war am Anfang „doof, kalt und unpraktisch zum Einkaufen", gibt sie zu. Aber mit der Zeit habe sie Lösungen für jedes Problem gefunden. „Jetzt finde ich es bereichernd, das Auto stehen zu lassen." Ihr Umweltbewusstsein habe sich nach und nach entwickelt: Anfangs habe sie viele Impulse in Facebookgruppen gefunden. Inzwischen fallen ihr immer häufiger Umweltprobleme auf. „Zum Beispiel, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und die Welt aus der Sicht von Bienen betrachte. Dann fällt mir auf, wie gering das Nahrungsangebot ist. Auf 600 Metern gibt es oft nur eine Hand voll geeigneter Pflanzen."

Umwelt und Klima sind bei ihr permanent im Hinterkopf: „Ich habe für unsere Familie den Klimanotstand ausgerufen." Mitmachen müsse keiner, aber wenn ihr 18-jähriger Sohn die Tupperdose mitnimmt, um Müll beim Essengehen zu sparen, dann mache sie das „richtig stolz".

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