102 Jahre: Halles älteste Bürgerin ist geistig noch topfit

Marianne Bollack feiert am 12. Oktober ihr 102. Lebensjahr. Sie ist wohl die älteste Bürgerin der Stadt und noch immer geistig rege. Viel Glück und mehrere schwere Schicksalsschläge hat sie durchlebt

Ekkehard Hufendiek

102 Jahre alt: Marina Bollack feiert Geburtstag. - © Ekkehard Hufendiek
102 Jahre alt: Marina Bollack feiert Geburtstag. (© Ekkehard Hufendiek)

Halle. „Mein Kopf ist noch klar", sagt sie nicht ohne Stolz. Marianne Bollack steckt voller Erinnerungen. Als wären sie noch immer gegenwärtig, denkt sie präzise zurück an ihre Geburtsstadt Königsberg, an ihren liebenden Vater Karl-Hermann, oder an ihre drei geliebten Männer Helmut, Hans und Richard – alle längst verstorben.

Königsberg, die berühmte Universitätsstadt an der ehemaligen deutschen Ostseeküste heißt heute Kaliningrad. Ihr Vater verunglückte tödlich, als sie gerade einmal acht Jahre alt war. Ihre Männer starben nach nur wenig Ehejahren: Marianne Bollacks erste große Liebe Helmut, ein Medizinstudent aus Stuttgart, fiel im Zweiten Weltkrieg – „Er blieb im Krieg", erzählt sie lapidar. Ihr erster Ehemann Hans starb 1964 an einem Herzinfarkt, ihr letzter Ehemann Richard Bollack starb 1981 an einem Schlaganfall. Zwei Fehlgeburten hat sie in ihrem langen Leben durchlitten.

Der Körper hat in all den Jahren viel mitgemacht

Nicht nur die Seele hat viel aushalten müssen, auch der Körper und die Knochen haben viel mitgemacht: Zweimal brach sie sich ihr rechtes Bein, zwölf Mal wurde sie operiert. „Auf dem einen Auge bin ich blind, auf dem anderen habe ich nur noch zwei Prozent Sehkraft", sagt sie und fügt hinzu, dass sie nur ganz schlecht hören kann. Trotz der Altersleiden ist der Anflug eines Lächelns zu erkennen. Sie hat offensichtlich ihren Kopf immer hochgehalten und ist nie vor der Zeit eingeknickt.

Von ihrem Vater bekam sie einst einen Bernstein geschenkt. Den hütet sie seitdem in ihrem Zimmer wie einen Schatz. Zum Geburtstag holt sie ihn hervor und präsentiert ihn stolz den Besuchern. „Bernstein aus dem Samland", sagt sie und scheint die Ostseestrände ihrer Heimat dabei vor Augen zu haben. Wer sie fragt, welches ihre schönsten Lebenserinnerungen sind, erhält als Antwort die Ostseestrände und die Jugendzeit.

Erinnerung an eine zunächst glückliche Kindheit in Ostpreußen

Hinter ihr an der Wand hängt das Schwarz-Weiß-Bild ihres Vaters. Er sitzt als stolzer Gutsbesitzer auf einem Pferd. Daneben zeigt ein anderes Foto die Villa, die Marianne Bollacks Familie einst bewohnte. Das ostpreußische Mädchen ging nicht zur Schule, denn eine Hauslehrerin unterrichtete sie, an deren Namen sie sich ebenfalls noch gut erinnert: Löni Friese.

Erst der unglückselige Sprung ihres Vaters vom Fünfmeterturm ins Wasser der städtischen Flussbadeanstalt beendete 1926 jäh ihr Kindheitsglück: Karl-Hermann Wenck tauchte nicht mehr auf und stürzte seine Angehörigen mit ins Unglück: Das Gut ging pleite, Marianne Bollack, ihre sieben Jahre ältere Schwester Hertha und ihre Mutter Martha verloren ihr Zuhause.

Mit ihrem ersten Mann wohnte Marianne Bollack in Versmold

Die vaterlose Familie musste fortziehen und fand vorerst ein neues Zuhause in dem nur wenige Kilometer entfernten Ostseebad Cranz. Sie besuchte zunächst eine Mädchenschule. Später lernte sie Stenografie. „Damit habe ich 40 Jahre mein Brot verdient", erinnert sie sich.

Mit ihrem ersten Ehemann Hans zog sie 1949 zu Mutter und Schwester nach Versmold. Ab 1957 wohnte sie dann mit der Mutter und ihrem Mann in Halle. Nach dem Tod der Mutter 1963 und dem tödlichen Herzinfarkt ihres Mannes ein Jahr später, habe sie sich in die Arbeit als Stenografin gestürzt. Doch bald freundete sie sich mit der spanischstämmigen Familie Boada im Masurenweg an. Die Beziehung war so gut, dass sie 1995 zu ihnen zog. Deren Familienmitglied Angela Farina ist seitdem ihre Betreuerin. „Erwähnen Sie bitte, dass Angela mein Ein und Alles ist", bittet sie.

Zu ihrem heutigen 102. Geburtstag besucht sie ihr Großneffe. Marianne Bollacks Wunsch für die Zukunft ist einfach: Sie möchte – wie ihre Mutter – „ruhig einschlafen".

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