Verlorene Speicherkarte beweist achtfachen Kindesmissbrauch in Bielefeld

Angeklagter (57) soll Tasche mit Videos der Tat in einem Wald bei Halle verloren haben. Zeugen brachten die Polizei auf seine Spur

Jens Reichenbach

Der Angeklagte wurde noch am Tag der Veröffentlichung seiner Fotos in der Nähe des Siegfriedplatzes festgenommen. - © privat
Der Angeklagte wurde noch am Tag der Veröffentlichung seiner Fotos in der Nähe des Siegfriedplatzes festgenommen. (© privat)

Bielefeld/Halle. Es begann im Februar mit einer verlorenen Tasche im Wald bei Halle (Kreis Gütersloh). Monate später wurde aus der scheinbar verlorenen Fundsache ein Kriminalfall. Wie Moritz Kutkuhn, Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte, ist der Besitzer dieser Tasche inzwischen wegen achtfachen sexuellen Kindesmissbrauchs vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Bielefeld angeklagt. Die Beweise dafür lieferte der 57-Jährige selbst. Denn in der Tasche hatte eine Mini-SD-Speicherkarte gesteckt, auf der Videos des Missbrauchs zu sehen waren.

Wie berichtet, hatte die Polizei Gütersloh im Mai Fotos eines bis dahin unbekannten Mannes veröffentlicht. Die Öffentlichkeitsfahndung hatte schnellen Erfolg: Noch am Tag der Veröffentlichung erkannten Bielefelder den Gesuchten wieder. Ein Zeuge legte sich sogar zur schnellen Aufklärung auf die Lauer, um den Verdächtigen abzufangen und mit dem Foto zu konfrontieren. Schließlich tauchte der Gesuchte in der Nähe des Siegfriedplatzes auf, der Zeuge rief die Polizei und diese nahm den 57-Jährigen daraufhin fest. Einen Tag später landete der Mann in Untersuchungshaft. Dort sitzt er bis heute.

Er soll die Enkelkinder seiner Lebensgefährtin missbraucht haben

Wie Moritz Kutkuhn von der Staatsanwaltschaft nun berichtete, ließen sich die Videoaufnahmen, die wohl mit einer GoPro-Kamera aufgenommen wurde, im Laufe der Ermittlungen dem Angeklagten zuordnen. Demnach soll der 57-Jährige, der in Hodenhagen (Niedersachsen) gemeldet ist, aber regelmäßig bei seiner Partnerin in Bielefeld lebte, zwei Kinder im Grundschulalter sexuell missbraucht haben. Bei den beiden Kindern - ein Junge und ein Mädchen - handelt es sich um die Enkelkinder seiner Lebensgefährtin. Die Tatorte liegen laut Kutkuhn jeweils in Bielefeld.

Die Ermittler gehen von insgesamt acht Missbrauchsfällen in der Zeit von August bis Dezember 2018 aus. Das jedenfalls lasse sich aufgrund der Videoaufnahmen belegen. Darüber hinaus wird dem Angeklagten noch in drei Fällen der Besitz von Kinderpornografie vorgeworfen. Kein Einzelfall: Denn die Bielefelder Polizei ermittelte schon vorher gegen den Mann wegen dieses Tatvorwurfs.

Erster Verdacht im Fundbüro

Die inkriminierende Tasche hatten Wanderer im Februar 2019 im Wald gefunden und kurz darauf beim Fundbüro abgegeben. Weil sich dort nach einer gewissen Wartezeit immer noch niemand gemeldet hatte, der die Tasche vermisste, machten sich die Beamten an die Auswertung der Speicherkarte - in der Hoffnung auf Hinweise zum Besitzer. Doch stattdessen mussten sie sich Dokumente einer schweren Straftat ansehen. Bei diesen Videos war der Angeklagte übrigens nicht erkennbar zu sehen. Weil auf dem Speichermedium aber auch Bilder zu sehen waren, die den nun angeklagten Mann auf einem Fahrrad zeigen, war eine Öffentlichkeitsfahndung möglich.

Vor einem Schöffengericht werden in der Regel Fälle der mittleren Kriminalität verhandelt, das heißt, die Justiz geht von einem zu erwartenden Strafrahmen zwischen 2 und 4 Jahren Haft aus. Ob der Angeklagte mit einem Geständnis zumindest ermöglicht, dass die beiden Opfer keine Zeugenaussage vor Gericht machen müssen, ist der Staatsanwaltschaft derzeit nicht bekannt. Der Prozess soll am 17. Oktober im Amtsgericht stattfinden.

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