"Sägen den Ast, auf dem wir sitzen": Leser zu Storck-Erweiterungsplänen

Die geplante Erweiterung des Süßwarenherstellers Storck in Halle sorgt für Kritik. Und die fällt bisweilen drastisch aus. Zwei Leserbrief machen das deutlich.

HK

"Zu tief sitzt der Glaube an Wachstum als ewig sprudelnde Quelle des Wohlstands." - © Ulrich Fälker
"Zu tief sitzt der Glaube an Wachstum als ewig sprudelnde Quelle des Wohlstands." (© Ulrich Fälker)

Annette Brockhoff aus Halle schreibt zum Thema Storck-Erweiterung:

„Die Tatsache, dass der Grund und Boden unvermehrbar und unentbehrlich ist, verbietet es, seine Nutzung dem unübersehbaren Spiel der freien Kräfte und dem Belieben des Einzelnen vollständig zu überlassen. Eine gerechte Rechts- und Gesellschaftsordnung zwingt vielmehr dazu, die Interessen der Allgemeinheit beim Boden in weit stärkerem Maße zur Geltung zu bringen als bei anderen Vermögensgütern (Bundesverfassungsgericht, 1967)." – Geht’s noch?, fragt ein zorniger Naturschützer, nachdem die Expansionspläne der Firma Storck in ihrem ganzen Ausmaß bekannt wurden [...]

Unfassbar, wie die Stadt Halle, während allenthalben die Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch als Mindestvoraussetzung zur Rettung des Planeten propagiert wird, die Augen vor dem sichtbaren Gesamtverlust an Lebensraum für Mensch und Tier verschließen und einem privatwirtschaftlichen Unternehmen die halbe Stadt anvertrauen kann, um sie für die Ewigkeit zu versiegeln. Man möchte meinen, der Blick in den Rückspiegel und auf die überdimensionierten Hinterlassenschaften unternehmerischer Großmannssucht im Ravenna-Park müsste bei unserer Volksvertretung die Einsicht befördert haben, dass unternehmerische Erfolgsgeschichten endlich sind und die Zukunftssicherung eines Unternehmens nur bedingt zur Zukunftssicherung eines Gemeinwesens taugt und letztlich immer auf Kosten der Allgemeinheit geht. Nichts dergleichen.

„Märchen von der Arbeitsplatzvermehrung"

Nein sagen, das kann hier offenbar keiner, zu tief sitzt der Glaube an Wachstum als ewig sprudelnde Quelle des Wohlstands, die Angst vor Produktionsverlagerungen, vor dem Verlust von Gewerbesteuereinnahmen und Arbeitsplätzen. In vorauseilendem Gehorsam und ohne zu wissen, was [...] in Zukunft produziert, gelagert oder verwaltet werden soll, hatte man schon 2017 der Storck-Erweiterung zugestimmt und zur Akzeptanzsteigerung und Selbstberuhigung das Märchen von der wundersamen Arbeitsplatzvermehrung in die Welt gesetzt. Irrtum vom Amt, was Wunder angesichts von Industrie 4.0.

Liest man die Umweltstudie zur Regionalplanänderung, kann man sich angesichts der aufgeführten Verluste an Wald, Boden und Lebensraumvielfalt, der „substanziell" erheblich verringerten Funktionalität des Biotopverbundes, auch für die „Kohärenz" der FFH-Gebiete, der „nachhaltig" verminderten Grundwasserneubildungsraten, der „deutlich wahrnehmbaren Veränderung des Landschaftsbildes" und nicht zuletzt der lufthygienischen und bioklimatischen Verschlechterung kaum vorstellen, dass man dieses riesige, nur noch leicht begrünte heiße Pflaster, auch Gewerbeklimatop genannt, einfach durchwinken kann.

Auch die Verweise auf die kumulativen Effekte mit anderen Vorhaben, geplanten und bereits realisierten, müsste unsere Entscheidungsträger eigentlich nachhaltig ins Schwitzen bringen, wenn die Planer die Verluste nicht durch Einzelbetrachtung mit dem Fokus auf „planungsrelevante" beziehungsweise „vorhabenskritische" Arten und inkonsistente Rechenoperationen mit Biotopwerten immer wieder unter die Erheblichkeitsschwelle drücken könnten. Melken bis Blut kommt: Mit diesem Instrumentarium, mit dem sich Natur bis zur Unkenntlichkeit entstellen lässt, kann, wie wir es in Halle gleich mehrfach erleben durften, gegen allen Augenschein jedes flächenfressende Großprojekt durchgesetzt und der Bedarf an Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen klein gehalten werden. [...]

Im Fall unseres Lebensraums mit A 33, Ravenna-Park, Storck-Expansion und Höchstspannungsleitung [...], dürfte die Nachvollziehbarkeit von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen und damit ökosystemarem Denken endgültig ihr Ende gefunden haben und die fremdbestimmte technische Überformung unserer einst wertvollen Kulturlandschaft in ein finales Stadium eintreten: als immerwährender Alptraum und Mahnmal einer rückwärtsgewandten Industrie-, Verkehrs- und Energiepolitik."

Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. wir behalten uns vor, Zuschriften zu kürzen.

Auch Leserin Ina Pfaff schreibt zum Thema Storck-Erweiterung:

"Tag für Tag roden und fällen wir Bäume und zerstören unseren Planeten. (...) 34 Prozent der befragten Deutschen nannten Umweltfragen als wichtigstes Thema. Aber was geschieht real, auch und gerade jetzt hier bei uns?

Wir brauchen nicht über andere Länder (Regenwald) zu meckern, denn wir sind genauso dumm und geldgeil. Wir alle haben die Connection zur Erde verloren.

Mittlerweile ist es für die meisten etwas Besonderes, in der Natur zu sein, frische Luft zu atmen, Tiere in freier Wildbahn zu sehen und einfach mal Stille genießen zu können. Wie weit wollen wir uns noch von uns selbst entfernen? Wann begreifen wir, dass zerstörte Natur für immer weg ist? Rundherum stirbt der Wald, sichtbar für jeden, der hinsieht! Hier wird ein kleines intaktes Stück auch noch plattgemacht.

Wir sägen den Ast ab, auf dem wir alle sitzen. Traurig. Wieder ein Teil von Halle für immer weg. Jedem sollte klar sein, wenn Storck noch mehr Wasser verbraucht, sterben auch oberhalb der B 68 noch mehr Bäume!"

Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Wir behalten uns vor, Zuschriften zu kürzen.

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