Gespanntes Warten bei Gerry Weber - was entscheiden die Investoren?

Sanierung: Betriebsrat und Belegschaft wollen wissen, welche ersten Akzente die neuen Eigentümer setzen werden. Finanziell nahen für die Mitarbeiter gute Nachrichten. Auf dem neuen Kurs gab es allerdings auch Misstöne

Marc Uthmann

Bald soll mehr Klarheit herrschen: Betriebsrat und Belegschaft bei Gerry Weber warten auf die ersten Akzente der Investoren. Foto: Nicole Donath - © Nicole Donath
Bald soll mehr Klarheit herrschen: Betriebsrat und Belegschaft bei Gerry Weber warten auf die ersten Akzente der Investoren. Foto: Nicole Donath (© Nicole Donath)

Halle. Die Arbeitsabläufe spielen sich ein, erste Kollektionen sind in den geänderten Strukturen erstellt worden, die Zahlen scheinen ansprechend zu sein. „Aber ich bin im Umgang mit positiven Meldungen vorsichtig", sagt Lutz Bormann, Betriebsratsvorsitzender bei Gerry Weber. „Es tut sich was, ich bin gespannt, wie es weitergeht."

Investoren justieren nach

Beruhigt die Logistiker: Gerry-Weber-Betriebsratschef Lutz Bormann. Foto: Marc Uthmann - © Foto: Marc Uthmann
Beruhigt die Logistiker: Gerry-Weber-Betriebsratschef Lutz Bormann. Foto: Marc Uthmann (© Foto: Marc Uthmann)

Vor einigen Wochen waren Vertreter der neuen Mehrheitseigner Robus Capital Management Ltd und Whitebox AdvisorsLLP erstmals im Haus, um sich einen Überblick zu verschaffen. Lutz Bormann ist optimistisch, dass die Investoren den von der Geschäftsführung eingeschlagenen Sanierungskurs halten und die verbliebenen Arbeitsplätze nach dem Abbau von 145 Vollzeitstellen am Stammsitz und 330 weiteren in den Filialen sicher sind. „Aber es gibt natürlich ein Feintuning. Was anderes würde ich bei einer Übernahme nicht erwarten. Da wird nach weiteren Einsparpotenzialen gesucht." Man warte nun gespannt „auf den zweiten Schritt" der Investoren. „Und dann müssen wir beteiligt werden."

Fragen zum Ravenna-Park

Der Insolvenzplan sieht unter anderem vor, das einst 90 Millionen Euro teure und erst vor knapp vier Jahren in Betrieb genommene Logistikzentrum im Ravenna-Park bis spätestens 2021 zu Geld zu machen. Voraussichtlich mit hohen Verlusten. Zugleich hat sich Gerry Weber in dem Konzept verpflichtet, seine Warenströme noch mindestens diese zwei Jahre über den Umschlagplatz abzuwickeln. „Natürlich sind Mitarbeiter auf mich zugekommen und haben gefragt, was aus ihren Arbeitsplätzen wird", sagt Lutz Bormann. „Ich habe ihnen empfohlen: Wartet doch ab!" Denn innerhalb der nächsten zwei Jahre könne nur ein Textilunternehmen oder ein Käufer aus einer verwandten Branche den Betrieb übernehmen: „Und die sind auf Fachkräfte angewiesen", so Bormann, der zugleich betont, dass es auf dem Markt Alternativen gebe und die Logistik gute Perspektiven besitze. „Bei uns haben die Mitarbeiter nichts auszustehen, die Modelogistik ist ein sauberes Geschäft und hier wird nicht in der Kühlkammer gearbeitet."

Arbeitnehmer als Gläubiger

Am 18. September tagt die Gläubigerversammlung in Bielefeld, Lutz Bormann wird als Mitglied des Gläubigerausschusses dabei sein – und auch selbst hat er noch offene Forderungen gegen seinen Arbeitgeber. Viele Mitarbeiter haben Weihnachtsgeld, Reisekosten, nicht gezahlte Boni oder Überstunden eingebracht und hoffen, zumindest teilweise ausbezahlt zu werden. „Ich denke, die Vereinbarung für die Mitarbeiter ist zufriedenstellend. Wir liegen zum Teil deutlich über dem, was in anderen insolventen Betrieben ausgehandelt wurde", sagt der Betriebsratsvorsitzende. Arbeitnehmer mit Forderungen von weniger als 2.500 Euro können über die feste Barquote von 27 Prozent hinaus auf bis zu 50 Prozent kommen.

Verärgerter Vorstandschef

War stocksauer: Johannes Ehling ärgerte sich über den mutwilligen Fehlalarm bei der Mitarbeiterversammlung. Foto: Nicole Donath - © Nicole Donath
War stocksauer: Johannes Ehling ärgerte sich über den mutwilligen Fehlalarm bei der Mitarbeiterversammlung. Foto: Nicole Donath (© Nicole Donath)

Dass die Sanierung des Konzerns nicht ohne Emotionen über die Bühne geht und es mitunter auch Misstöne gibt, belegt eine Episode kurz nach der Bekanntgabe der Übergabe. Vorstandschef Johannes Ehling hatte den Mitarbeitern die Einigung mit den neuen Investoren Mitte Juli im Showroom des Unternehmens verkündet und erläutert, als es einen Fehlalarm der Brandmeldeanlage gab (das HK berichtete). Die Versammlung ging spontan draußen weiter, doch im Nachgang wandte sich Ehling noch einmal in einem offenen Brief an die Mitarbeiter. Darin zeigte er sich befremdet über die Vorgänge: „Ein mutwillig eingeschlagener Feuermelder spricht Bände." Gerade vor dem Hintergrund, dass Gerry Weber sich „intensiv um Reputation und Öffentlichkeitsarbeit" bemühe, bedeute das eine „Peinlichkeit" und zeuge von „Geringschätzung von Kollegen und deren Arbeit". Abschließend wünschte sich Ehling einen „von Vertrauen und Wertschätzung geprägten Umgang miteinander".

Wachsame Belegschaft

Für diesen Vorfall hat der Betriebsratsvorsitzende nur einen Satz übrig: „Diesen Knöpfchendruck will ich nicht kommentieren." Insgesamt hat er bei den Mitarbeitern derweil eine „vorsichtig optimistische" Stimmung ausgemacht. „Aber wir alle sind weiterhin gespannt, was auf uns zukommt."

Lohnerhöhung naht

Seit dem 1. April gilt für 600 Beschäftigte bei Gerry Weber der so genannte Zukunftstarifvertrag, der für die Phase der Sanierung einige Einbußen der Mitarbeiter vorsieht und bis zum 31. März 2022 läuft. Nur verspätet erhalten sie etwa die Tariferhöhungen der Textil- und Bekleidungsindustrie. Dort war mit der IG Metall eine zweistufige Erhöhung um insgesamt 4,6 Prozent ausgehandelt worden, Stufe 1 trat in der Branche zum 1. August in Kraft, die Gerry-Weber-Mitarbeiter werden die Lohnerhöhung erst zum 1. November erhalten. „Wir schleichen uns Stück für Stück wieder an den regulären Tarif der Branche heran", kommentiert Betriebsratschef Lutz Bormann. In diesem Jahr verzichten die Mitarbeiter des Modekonzerns auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld, 2020 sollen sie 25 Prozent der Summe erhalten, 2021 dann 50 Prozent Weihnachtsgeld und 75 Prozent Urlaubsgeld.

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