Wie Minimalismus das Leben eines Hallers reicher macht

Vom Minimalismus inspiriert: Tim Flaskamp hat aussortiert – und zwar radikal. Der Verzicht auf Überflüssiges ist für den Haller eine Lebensphilosophie, die seinen Alltag bereichert. Das hat aus seiner Sicht ausschließlich Vorteile

Melanie Wigger

Grau und weiß bevorzugt: Tim Flaskamp bezeichnet sich zwar nicht als Minimalist, lebt aber wie es für diesen Lebensstil typisch ist bewusst mit wenig Besitz. Ein freier Tisch ist bei ihm Standard. - © Melanie Wigger
Grau und weiß bevorzugt: Tim Flaskamp bezeichnet sich zwar nicht als Minimalist, lebt aber wie es für diesen Lebensstil typisch ist bewusst mit wenig Besitz. Ein freier Tisch ist bei ihm Standard. (© Melanie Wigger)

Halle. Spätestens bei Umzügen, wenn alles verpackt und wieder ausgepackt werden muss, kommt der Moment der Wahrheit: Die Erkenntnis, dass man mehr hat, als man dachte – vermutlich bei weiten mehr als nötig und womöglich sogar einiges, das einem nicht einmal besonders gefällt.

So ging es auch Tim Flaskamp. Nach der Scheidung verließ er das gemeinsame Familienhaus. Sein gesamter Besitz stand in Kartons verpackt in der neuen Zwei-Zimmer-Wohnung. „Einfach alles – bis hin zu den Dingen aus meiner Kindheit", erinnert sich der 44-Jährige. Heute – rund drei Jahre später – erinnert nichts an die zusammengewürfelte Konstellation seines Neuanfangs.

„Andere haben Regale voller Ordner"

Nach und nach trennte er sich nicht nur von alten Möbeln, sondern sogar von dem, was in vielen Haushalten der Normalfall ist: Tschüss Telefon! Digitalisierte Musik statt CDs – abgespielt mit einer kleinen Soundbox. Diese steht auf einem kleinen Regalbrett im Wohnzimmer neben seinen allerletzten Büchern: Seine ehemalige Sammlung hat Flaskamp auf ein paar Ratgeber reduziert – daneben steht der »Herr der Ringe«. „Für meine Kinder – ich dachte, ich könnte ihnen daraus vorlesen. Aber ich hatte das Buch lange nicht mehr in der Hand. Nach den minimalistischen Grundsätzen müsste ich es jetzt eigentlich aussortieren."

Übertreiben wolle er es nicht. „Man könnte sagen, ich bin minimalistisch inspiriert. Aber ich würde mich nicht als Minimalisten bezeichnen." Und so darf der Fernseher, den er für sich nicht mehr einschaltet, dennoch bleiben – wegen der Kinder. Auch für Geschenke von seinen zwölfjährigen Zwillingen hat der Papa ein Plätzchen.

Der im Minimalismus typische Verzicht auf überflüssige Konsumgüter soll keinesfalls zum Dogma werden. Extreme Formen wie das Ziel mit 100 Dingen auszukommen (eine Idee des amerikanischen Minimalismus-Papstes Dave Bruno) visiert der Haller ohnehin nicht an. Es gehe eher um das gute Gefühl. „Aufräumen und vereinfachen ist mein Ding."

„Manchmal steht auch eine Tasse auf der Anrichte"

Seine Wohnung spiegelt das: wenig Sachen, wenig Farben. Grau und weiß dominieren. Kräftige Töne sucht man vergebens. Und vor allem gibt es jede Menge freier Flächen in der Dachgeschosswohnung. Auf dem Schreibtisch liegt nichts. Darunter steht ein kleiner Rollcontainer mit Utensilien. Seinen Papierkram mistet er regelmäßig aus und behält nur das Nötigste. Alles passt in eine 20 Zentimeter tiefe Din-A4-Box. „Andere haben stattdessen Regale voller Ordner – dabei kann man das meiste wegschmeißen."

Auch die Küche ist auffällig aufgeräumt. Das sei nicht immer so: „Manchmal steht auch eine Tasse auf der Anrichte." In den Hochschränken sind ein Set Geschirr und Gläser verstaut.

„Ein paar Gewürze und etwas Öl – das muss reichen"

Vorräte? Fehlanzeige. „Ein paar Gewürze und etwas Öl – das muss reichen. In vollgepackten Schränken läuft zu schnell etwas ab." Selbst sein Gefrierfach bleibe oft leer und auch im Kühlschrank seien die Lebensmittel überschaubar.

Bettwäsche, Hand- und Geschirrtücher, verschwinden in drei Schubladen in einer einfachen Kommode. In der vierten ist sein Technikkram verstaut. Im Kleiderschrank hängen bewusst zeitlose Hemden und Hosen. Für die Sachen der Kinder gibt es auch noch ein paar Schubladen. Im Keller steht eine einzige Plastikbox mit Erinnerungsstücken. Der gesamte Besitz des 44-Jährigen ist in wenigen Minuten gesichtet.

Ein Kontrast zu seinem früheren Leben: Mit der vierköpfigen Familie zog er in ein Haus, das er nach dem Kauf zuerst entrümpeln musste. „Die Besitzer waren verstorben und ein Großteil des Hausrats landete im Müll. Innerhalb von ein paar Jahren war das Haus wieder voll mit Zeug. Kinder wachsen und alle kaufen nach, man bekommt Dinge geschenkt und kommt kaum hinterher beim Weitergeben oder Entsorgen", erklärt er. „Ich denke, das hat mich geprägt."

Heute genieße er die Ordnung umso mehr. Seine überflüssigen Dinge haben mithilfe von Kleinanzeigen ein neues Zuhause gefunden. „Ich bin wochenlang immer wieder zur Post gegangen, bis alles verschickt war." Dadurch kam Geld für Neues zusammen – wobei auch das »Neue« in seiner Wohnung überwiegend secondhand ist. „Ich gucke sehr oft zuerst, was ich gebraucht kaufen kann", sagt der Sohn eines Angestellten in einem Entsorgungsunternehmen. Flaskamp selbst arbeitet in einer Haller Druckerei, die Verpackungen herstellt. Für ein Optimierungsprojekt am Arbeitsplatz setzte er sich mit japanischen Methoden zur Vermeidung von Verschwendung auseinander: aufräumen, ausmisten, reparieren, Platz schaffen, Abläufe optimieren, Einsparungen ermöglichen ... Erkenntnisse, die in sein Privatleben mit einfließen.

„Bei Ikea juckt es auch mir in den Fingern"

Davon profitieren auch Kollegen, für die er gelegentlich freiwillig aufräumt sowie das private Umfeld: Eine Freundin war so angetan von seinem Lebensstil, dass sie mit seiner Hilfe ebenfalls den kompletten Haushalt neu organisierte. „Mir macht das so viel Spaß, ich würde das sofort auch für andere machen", sagt er strahlend.

Bereut habe er das radikale Ausmisten nie. „Minimalismus heißt ja nicht, dass man auf etwas verzichtet, das man braucht. Man trennt sich von dem, das man nicht braucht. Ich sehe da keine Nachteile."

Und obwohl er Neukäufe gut abwägt, lassen ihn die Versuchungen des Konsums nicht ganz kalt: „Wenn ich im Ikea oder Ein-Euro-Laden bin, juckt es auch mir manchmal in den Fingern."

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