Warum hat Halle keinen Baumarkt?

Heimwerker müssen zur Materialbeschaffung für ihre Projekte die Lindenstadt verlassen. Kunden für einen Fachmarkt gäbe es sicher, aber warum lassen sich die Unternehmen hier nicht nieder?

Melanie Wigger

Man wird ja noch träumen dürfen: Auch wenn es unwahrscheinlich ist, zeitnah eine Fläche für einen Baumarkt in Halle zu finden, ist es immer noch möglich, andere Lösungen zu entwickeln – etwa ein kleines Lädchen im Zentrum. - © Foto: Ulrich Fälker / Montage: Andreas Frücht
Man wird ja noch träumen dürfen: Auch wenn es unwahrscheinlich ist, zeitnah eine Fläche für einen Baumarkt in Halle zu finden, ist es immer noch möglich, andere Lösungen zu entwickeln – etwa ein kleines Lädchen im Zentrum. (© Foto: Ulrich Fälker / Montage: Andreas Frücht)

Halle. Kaum wird darüber diskutiert, was in der Haller Innenstadt und Einkaufslandschaft fehlt, taucht ein Thema immer wieder auf. „Baumarkt" ist das Zauberwort, bei dem viele Haller direkt ein sehnsüchtiges »Warum« hinterher schieben: Warum gibt es in Halle keinen Baumarkt? Eine vor allem im Netz bewegende Frage, welche die Redaktion an die Stadt weitergegeben hat.

„Jetzt haben Sie aber ein Fass aufgemacht", reagiert Michael Flohr. „Das ist ein komplexes Thema!" Zwar fände der Abteilungsleiter im Haller Bauamt einen solchen Fachmarkt für Halle auch „cool" und sehe den Bedarf, aber die Lindenstadt erfülle momentan leider nicht die notwendigen Kriterien.

„100.000 Einwohner in einem Umkreis von 10 bis 15 Kilometer sollten es schon sein"

Das Straßennetz müsse für den potenziellen Kundenandrang geeignet sein. Zudem erwarten die Unternehmen eine möglichst gute Anbindung. Und vor allem brauchen diese Märkte viel Platz – der entscheidende Knackpunkt in Halle. „Es geht ja nicht nur um die Ladenfläche. Auch Stellplätze für Autos müssten berücksichtigt werden", führt Flohr aus.

Sprecher größerer Baumarkt-Ketten bestätigen diese Aussage. Bauhaus-Märkte planen mit 15.000 bis 20.000 Quadratmetern. Hornbach verkauft im Schnitt auf 11.700 Quadratmetern. Beide Pressesprecher erklären, dass die Unternehmen auf ein vollständiges Sortiment setzen. „Am besten mit Platz, um die Möbel aufbauen und präsentieren zu können", sagt der Bauhaus-Sprecher Robert Köhler.

Im Zentrum gebe es momentan kein Grundstück, das für solche Bedingungen frei und geeignet wäre, sagt Flohr. Außerhalb der Innenstadt sieht das zwar theoretisch anders aus – und dort könnte auch die Anbindung zu B 68 oder A 33 für Betreiber interessant sein, aber rechtliche Vorgaben machen einen Strich durch diese Rechnung: „In kleinen Städten dürfen innerhalb von NRW solche Geschäfte nur in den Siedlungsbereichen entstehen", erklärt Flohr. „Mit dieser Regelung will man die Innenstädte schützen." Die Verkehrsströme werden auf diese Weise weiterhin zu den Einzelhändlern geführt. In großen Städten mit mehr Bevölkerung spiele diese Regel keine Rolle. „Es gibt genug Kunden für beide Bereiche."

100.000 Einwohner sollten es im Umkreis schon sein

Die potenzielle Kundenzahl ist für die Eröffnung neuer Märkte ebenfalls entscheidend. „100.000 Einwohner in einem Umkreis von 10 bis 15 Kilometern sollten es schon sein", erklärt der Bauhaus-Sprecher – das gilt ebenfalls für Hornbach. Für die knapp 22.000 Einwohner starke Lindenstadt ist das selbst mit der Nachbarschaft nicht erfüllbar.

Einen Pluspunkt gibt es jedoch: „In ländlichen Gebieten mit vielen Eigenheimen können es auch weniger Einwohner sein", so der Bauhaus-Sprecher. Bei einem passenden Grundstück wäre die Fachmarkt-Kette folglich nicht von einer Filiale in Halle abgeneigt.

Eisenwarengeschäft Heß: Wo heute Mode verkauft wird, gab es früher Schrauben und Co. - © Archivfoto (2008): Nicole Donath
Eisenwarengeschäft Heß: Wo heute Mode verkauft wird, gab es früher Schrauben und Co. (© Archivfoto (2008): Nicole Donath)

Bei konkreten Verhandlungen würde es noch ein weiteres Hindernis geben. Die Stadt würde vorab zum Schutz der Einzelhändler abwägen, welche Konkurrenzsituationen durch den Baumarkt entstehen könnten, erläutert Flohr. Schließlich haben diese längst mehr als das klassische Hand- und Heimwerker-Sortiment. Mit Bäckereien, Gartenbedarf und Kleinmöbeln bringen sie Waren in die Stadt, mit denen auch andere ihre Existenz sichern. Eine solch vorausschauende Planung empfiehlt auch der Bauhaus-Sprecher von Mannheim aus an die Lindenstadt: „Stärken Sie Ihren Einzelhandel! Sonst wird die Innenstadt irgendwann öde."

Kleiner Fachhandel als Alternative

Eine Strategie, mit der sich das Problem der fehlenden Schräubchen, Nägel oder Dichtungen sogar lösen ließe: Wer elf Jahre zurückdenkt, erinnert sich vielleicht an das Eisenwarengeschäft Heß im Herzen der Stadt. An der Bahnhofsstraße 11 verkaufte die Familie Heß und später unter gleichem Namen die Verler Familie Schwab dort Kleinigkeiten für den Heimwerkerbedarf. „Der Laden hatte alles, was man im Alltag so braucht", sagt Flohr. Die Inhaber schlossen das Traditionsunternehmen 2008 aus gesundheitlichen Gründen.

Und für ein solches Geschäftsmodell – mit den wesentlichen Waren auf kleinem Raum – sieht der städtische Abteilungsleiter auch weiterhin Potenzial in der Innenstadt. „Eigentlich verstehe ich gar nicht, warum darauf noch kein Händler gekommen ist."

Steinhagens Fachmarkt floriert

Ein Trostpflaster bleibt für die Haller Heimwerker: Der Hagebau-Markt in Steinhagen sichert zumindest 10 bis 15 Autominuten entfernt den Grundbedarf an Schrauben und Co. Ein Geschäft, das seit mehr als zehn Jahren gut läuft, wie Hagebau-Sprecher Frank Roth deutlich macht: „Der Gesellschafter ist mit dem Standort sehr zufrieden und hat deshalb auch erst vor ein paar Jahren den Betrieb aufwendig renoviert." Ob die Bigplayer der Branche langfristig auf riesige Geschäftsflächen setzen, sei ungewiss, erklärt Bauhaus-Sprecher Robert Köhler: „Auch wir haben durch den Onlinehandel veränderte Bedingungen und können nicht voraussagen, wie lange sich die großen Märkte noch lohnen."

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