Gerry-Weber-Gläubiger dürfen auf Rückzahlung von 50 Prozent hoffen

Die Verantwortlichen sprechen von einem "maßgeschneiderten Plan". Großgläubiger könnten in vier Jahren ihr gesamtes Geld zurückbekommen. Das Unternehmen will an der Börse bleiben

Stefan Schelp

Die Haller Filiale schließt bald. - © Uwe Pollmeier
Die Haller Filiale schließt bald. (© Uwe Pollmeier)

Halle. Die Einschnitte für die Gläubiger der Gerry Weber International AG fallen voraussichtlich weniger heftig aus als zunächst erwartet. Das geht aus dem Insolvenzplan hervor, der jetzt beim Amtsgericht Bielefeld eingesehen werden kann. Kleinere Gläubiger können damit rechnen, dass bis zu 50 Prozent ihrer offenen Forderungen beglichen werden. Die Großgläubiger dürfen sogar darauf hoffen, ihre gesamten Außenstände zurückzubekommen - wenn sie sich dazu entschließen, das Geld in Gerry-Weber-Anleihen oder sogenannte Wandelschuldverschreibungen zu investieren. Für die Alt-Aktionäre bleibt es allerdings dabei - sie gehen leer aus. Die Gläubigerversammlung ist für den 18. September angesetzt.

"Mit der Annahme der Insolvenzpläne wäre der Durchbruch für eine nachhaltige Sanierung von Gerry Weber geschafft", sagt Rechtsanwalt Stefan Meyer, der im Insolvenzverfahren als Sachwalter eingesetzt ist. Der "kreative und maßgeschneiderte Insolvenzplan" werde den Gläubigerinteressen "in optimaler Weise" gerecht. Tatsächlich ist die Einteilung der Gläubiger in mehrere Gruppen ungewöhnlich und macht den Plan zu einer ambitionierten Angelegenheit. Immerhin versichern die Verantwortlichen, die Quote sei für die Gläubiger höher als in vergleichbaren Insolvenzverfahren.

Hallhuber-Anteil steht zur Disposition

Exakte Prozentzahlen kann das Unternehmen noch nicht nennen, weil unter anderem der geplante Verkauf des Logistik-Zentrums im Ravenna-Park eine große Unbekannte in der Rechnung bleibt. Der mögliche Erlös soll gewissermaßen an die Gläubiger durchgereicht werden. Es gebe mehrere Interessenten für das Gebäude, erklärt ein Unternehmenssprecher. Eine schnelle Entscheidung sei aber nicht zu erwarten. Denkbar sei zudem auch, dass das Gebäude ganz beim Unternehmen bleibe.

Zur Disposition steht auch der 12-Prozent-Anteil, den Gerry Weber noch an der ehemaligen Gerry-Weber-Tochter Hallhuber hält. Der Anteil sei keine strategische Beteiligung, die Haller wären gegebenenfalls auch bereit, sich vom Hallhuber-Anteil zu trennen.

Reisekosten und Boni nicht bezahlt

Je nachdem, was bei diesen Plänen herauskommt, könnte sich für die Arbeitnehmer und Gläubiger, deren Rechnung sich auf weniger als 2.500 Euro beläuft, die sogenannte feste Barquote von 27 Prozent auf bis zu 50 Prozent erhöhen. Eine Reihe von Mitarbeitern hatte aus Zeiten vor der Insolvenz zum Beispiel Reisekosten nicht erstattet bekommen, auch vereinbarte Boni waren nicht mehr bezahlt worden.

Gläubiger mit Forderungen von mehr als 2.500 Euro werden neben einem Barbetrag festverzinsliche Anleihen angeboten. Wem das Unternehmen mehr als eine Drittelmillion schuldet und damit als Großschuldner gilt, bekommt zudem Wandelanleihen, die er von 2023 an in Aktien umtauschen kann. Im günstigsten Fall könnten diese Gläubiger so ihr Geld komplett zurückbekommen.

Management kann sich über neue Aktien beteiligen

Damit das Unternehmen an der Börse bleiben kann, ist ein sogenannter sanierender Kapitalschnitt nötig. Das Grundkapital der Gerry Weber AGhttps://www.haller-kreisblatt.de/tagsuche?q=13233 wird von fast 46 Millionen Euro auf 8.733 Euro herabgesetzt und mittels einer Kapitalerhöhung dann wieder auf gut eine Million Euro hochgeschraubt. Ab 2023 können die Großgläubiger ihre Wandelschuldverschreibungen bis zu maximal 70 Prozent in Aktien umwandeln. Auch das Management bekommt die Möglichkeit, sich mit bis zu zehn Prozent am Aktienkapital zu beteiligen.

Bis dahin sind die Investoren Whitebox und Robus dank einer Finanzspritze von 49,2 Millionen Euro faktisch die neuen Eigentümer des Unternehmens und die einzigen Inhaber der neu auszugebenden Aktien. Die Altaktionäre, die bei der Insolvenz leer ausgehen, werden durch den Kapitalschnitt herausgedrängt.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

1 Kommentar

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.