Kommentar zu Storck-Plänen: "Es gibt keinen Ersatz für Tatenhausen"

Nicole Donath

Schutzgut Wald: Ehe die Bäume im Osten des Paulinenwegs fallen, wird festgelegt, wie groß die Kompensationsflächen sein müssen und wo sie entstehen. Indes, den Tatenhauser Wald werden sie nicht ersetzen können. - © Nicole Donath
Schutzgut Wald: Ehe die Bäume im Osten des Paulinenwegs fallen, wird festgelegt, wie groß die Kompensationsflächen sein müssen und wo sie entstehen. Indes, den Tatenhauser Wald werden sie nicht ersetzen können. (© Nicole Donath)

Halle. Storck muss strenge Auflagen erfüllen, um expandieren zu dürfen. Trotzdem sind Kompensationsflächen nicht die Lösung, die es tatsächlich braucht, um Wirtschaftsinteressen und Naturschutz in Einklang zu bringen. HK-Redaktionsleiterin Nicole Donath kommentiert:

"Auf 358 Seiten werden die Expansionspläne von Storck erläutert, eine detaillierte Umweltstudie inklusive – so etwas hätte es früher nicht gegeben. Wenn ein wirtschaftliches Schwergewicht noch vor gar nicht mal so langer Zeit ein Projekt dieser Größenordnung vorhatte, auf diese Weise den Erhalt von tausenden von Arbeitsplätzen sicherstellte und obendrein noch weitere versprach, dann wurde der benötigte Platz eben freigeräumt. Wälder wurden abgeholzt, Natur wurde zerstört. Getreu dem Motto »Wo ist das Problem? Wir haben doch genug davon!«. Aber so funktioniert das heute ja längst nicht mehr, und das ist gut so.

Nicole Donath - © Marc Uthmann
Nicole Donath (© Marc Uthmann)

Wenn einem Konzern wie Storck jetzt die Möglichkeit gewährt werden soll, weitere 18 Hektar Fläche für sich in Anspruch zu nehmen und dabei 13,8 Hektar unverbrauchten Boden zu versiegeln, dann werden Auflagen gemacht. Viele Auflagen, bisweilen sehr strenge. Und: Im Gegensatz zu anderen Unternehmen haben die Verantwortlichen von Storck ihre Pläne bis ins Detail ausgearbeitet und dürften sich zumindest nicht sträuben, sich auf die Auflagen einzulassen. Da gibt es allein in Halle ganz andere Beispiele.

Und dennoch wird der Moment, da die Bagger anrollen, fürchterlich. Der Augenblick, da die Sägen aufheulen und ihre Arbeit aufnehmen. Vielleicht auch gerade deshalb, weil in der Umweltstudie so detailliert aufgelistet wird, wer alles in diesem Wald zu Hause ist und in oder von ihm lebt. Das war schon einmal so, als die Westumgehung gebaut wurde und plötzlich jene Zeiten unwiederbringlich vorbei waren, da wir Kinder vom Samlandweg über die Felder, vorbei an den Schrebergärten über den Postweg in den Wald gelaufen sind und dort am Laibach gespielt oder Buden gebaut haben.

Natürlich muss sich Wirtschaft entwickeln und das erfordert Opfer

Und jetzt sind es – auch – die Erinnerungen an regelmäßige Spaziergänge mit der Nachbars-Oma zum Schloss Tatenhausen. Spaziergänge, die Generationen von Familien genauso gemacht haben: Erste Station Storcks Ententeich mit einer Tüte voll altem Brot. Weiter über den sich gefühlt endlos ziehenden Paulinenweg hinunter in den Wald, umgeben von Vögeln, Kröten und auch mal einem Reh. Vorbei an dicken Eichen und Buchen und dem Laibach als ständig wiederkehrendem Begleiter, bis zur Bockemühle, bei der sich die Kleinsten nie ganz sicher waren, ob nicht plötzlich doch eine alte Hexe zur Tür herausschauen würde. Und schließlich als Höhepunkt der Rundgang ums Wasserschloss. Abenteuerspaziergang pur – vor allem jedoch ein Gefühl von Zuhause, zu dem dieser Wald selbstverständlich dazugehört(e).

Einen ersten Teil davon hat in den Siebzigerjahren die Westumgehung geschluckt. Ein großes Stück beansprucht der Bau der neuen Autobahn. Dass jetzt ein weiteres Quartier fallen wird, ist traurig. Natürlich muss sich Wirtschaft entwickeln und das erfordert Opfer. Aber gibt es hierfür nicht auch Grenzen? Nach meinem persönlichen Empfinden ist diese Grenze erreicht. Kritiker können jetzt zu Recht anbringen, dass auch ich über die A 33 fahre und Konsumenten versorgt werden müssen. Stimmt alles. Und auch ich habe leider keine Lösung dafür, wie wirtschaftliche Interessen und Erhalt des Waldes hier in Einklang zu bringen sind. Aber es braucht genau diese Lösungen und Konzepte. Denn es ändert sich nichts daran, dass keine Ausgleichsmaßnahme und keine frisch aufgeforstete Fläche den Tatenhauser Forst je wird ersetzen können."

Mehr über die Pläne des Unternehmens Storck

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.