Kirchen im Altkreis: Austritte nehmen deutlich zu

Herbert Gontek

St. Johannis: Auch für die Kirche mitten im Haller Herz sind leere Gottesdienstbänke mittlerweile ein Problem geworden. Der Gläubigenschwund zeigt sich in den harten Zahlen. - © hego
St. Johannis: Auch für die Kirche mitten im Haller Herz sind leere Gottesdienstbänke mittlerweile ein Problem geworden. Der Gläubigenschwund zeigt sich in den harten Zahlen. (© hego)

Halle. In das Zimmer 22 des Haller Amtsgerichtes kam in den vergangenen Jahren werktäglich im Jahresschnitt ein Besucher, um den Austritt aus seiner Kirche zu Protokoll zu geben und damit juristisch verbindlich zu machen. Eine Entwicklung, die Protestanten und Katholiken seit Jahren mit Sorge betrachten.

Nun scheint sich der Trend sogar noch zu verstärken: Im ersten Quartal diesen Jahres waren es oft sogar zwei Austritte pro Tag, im zweiten ein paar weniger. In nüchternen Zahlen: 113 Menschen verließen im ersten Quartal 2019 im Altkreis die Kirche, immerhin 106 Austritte waren es im zweiten. Und: Der Anteil der katholischen Gläubigen daran ist außergewöhnlich hoch.

Bei der katholischen Kirchenleitung in Halle läuten die Alarmglocken, aber nicht nur da, denn dieser Trend ist deutschlandweit festzustellen, wie aus den jüngsten Veröffentlichungen der Bischofskonferenz hervor geht.

Zum Jahresende rechnen die Leute

Herz Jesu: Die katholische Kirche an der Bismarkstraße bietet Plätze für 250 Gläubige, die sind nicht immer besetzt. - © Hego
Herz Jesu: Die katholische Kirche an der Bismarkstraße bietet Plätze für 250 Gläubige, die sind nicht immer besetzt. (© Hego)

Rechtspfleger Udo Keldenich ist im Haller Amtsgericht derjenige, in dessen Arbeitsbereich die Kirchenaustritte fallen. Er beobachtet die Entwicklung genau. „Üblicherweise übersteigt die Hunderterschwelle bei den Austritten nur das letzte Quartal eines Jahres", sagt er. „Dann rechnen die Leute, denken an die Steuern, die sie auf ihr Weihnachtsgeld zahlen, und kündigen schnell, um die neun Prozent Kirchensteuer von der Lohnsteuer zu sparen." Sonst sei das Jahr 2018 unauffällig gewesen: Im ersten Quartal kündigten 71, im zweiten 77, im dritten 82 und im vierten 131 Kirchenmitglieder, also 361 Austritte insgesamt.

Über die Finanzverwaltung werden nur die Kirchensteuern der jüdischen, evangelischen, altkatholischen und katholischen Kirche eingezogen. Deshalb brauchen sich auch nur deren Mitglieder bei Gericht abzumelden, um nicht mehr steuerlich belastet zu werden. Zahlen zu den Ein- und Austritten bei den verschiedenen Freikirchen hat die Verwaltung deshalb nicht.

Auch eine separate Statistik darüber, wer aus welcher Kirche austritt, wird es erst in Kürze mit einer neuen EDV beim Amtsgericht geben. Nach Einschätzung der Mitarbeiter sei der Anteil der katholischen Kirche allerdings ein überproportionaler. Die evangelischen Gemeinden im Altkreis Halle haben 42.300 Mitgliedern, die katholischen rund 12.000.

Katholiken verlieren überproportional

Superintendent Walter Hempelmann, verantwortlich für den Kirchenkreis Halle der evangelischen Kirche, beziffert die Verluste bei seiner Kirche im ersten Quartal mit 70 und im zweiten Quartal mit 50. Ein Großteil der verbleibenden 43, beiziehungsweise 56 Ausgetretenen sind katholisch. Damit wird der überproportionale Austritt deutlich.

Hempelmann erklärt sich den Austrittstrend damit, dass sich die Menschen heute nicht mehr so einfach an ihre Kirche binden ließen, häufig würde eine »Kosten-Nutzen-Analyse« gemacht. Letztlich könne man nicht jeden Austritt verhindern. Häufig würden auch Austrittsgründe genannt, auf die die evangelische Kirche keinen Einfluss habe und es gebe auch Eintritte. Gravierend treffe die Glaubensgemeinschaft auch der demografische Wandel.

In den kommenden fünf Jahren werde die evangelische Kirche mit einem Mitglieder- und Steuerverlust von 20 Prozent rechnen müssen. In diesem Kontext betont Hempelmann noch einmal, dass die evangelische Kirche vor Ort sehr sorgsam mit dem Steuergeld umgehe, viel in Kinder- und Jugendarbeit investiere und die Finanzen transparent halte.

Dechant Josef Dieste, verantwortlich für den Pastoralverbund Stockkämpen, kann die Ein- und Austrittszahlen seiner Konfession nicht genau beziffern, da sie nicht zentral geführt würden, wie er sagt.

Über die Höhe der Zahlen sei er deshalb erschrocken. „Wir werden es genauer untersuchen müssen", kündigt er an. Auffällig sei, so der Dechant, dass auch Katholiken mit polnischen oder spanischen Wurzeln ihren Austritt erklärten, obwohl sie sich der katholischen Kirche meist deutlich enger verbunden fühlten.

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