Psychokrieg in der Haller Podologie-Schule: Ex-Schüler sprechen von unzumutbaren Umständen

Massive Kritik: Ex-Schüler sprechen von unzumutbaren Umständen, während sich die Geschäftsführerin als Stalking-Opfer sieht. Landesschulbehörde und Bezirksregierung stoppen den Betrieb und die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt wegen Betrugs

Uwe Pollmeier

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Halle. Beworben wurde die Podologieschule NRW im Vorfeld der Eröffnung im Sommer 2018 als ein neues Zentrum für Fußheilkunde. Die einzige Berufsfachschule für Podologie in ganz Ostwestfalen-Lippe sollte pro Jahr rund 300 Schüler für den therapeutischen Beruf ausbilden. Ein Jahr danach steht fest, dass diese Versprechungen ins Leere liefen. Alle Schüler sind weg, niemand konnte seine Ausbildung abschließen. Stattdessen haben sich hinter den Türen der Räume im Gesamtkomplex des Gerry Weber Sportpark Hotels Szenen abgespielt, die nun Bezirksregierung und Staatsanwaltschaft beschäftigen.

„Die Bezirksregierung hat der Berufsfachschule für Podologie in Halle die staatliche Anerkennung mit Wirkung zum 28. Februar entzogen. Diese Entscheidung ist seit dem 3. Mai rechtskräftig", teilt Peter Westphal, Sprecher der Bezirksregierung Detmold, auf HK-Anfrage mit. Die Gründe dafür seien vielfältig. „Die Schule hat keine qualitativ gute Ausbildung garantiert und zu diesem Zweck nicht vertrauensvoll mit der Anerkennungsbehörde zusammengearbeitet", sagt Westphal. Unterricht sei in erheblichem Maße ausgefallen und es seien ungeeignete Unterrichtsformen gewählt worden. Zudem sei der Unterricht fachfremd gegeben worden.

„Erhebliches Gesundheitsrisiko"für die Patienten

„Ein wesentlicher Mangel lag zudem darin, dass Schülerinnen und Schüler abweichend von gesetzlichen Vorschriften nicht beaufsichtigt und angeleitet wurden, während sie auf Anordnung der Schulleitung Patienten behandelt haben", sagt Westphal. „Patienten waren dadurch einem erheblichen Gesundheitsrisiko ausgesetzt."

Eine zentrale Rolle in dem Konflikt spielt offenbar Sonja P. (alle Namen geändert), Geschäftsführerin der Schule. Die Diplom-Kauffrau aus dem Landkreis Osnabrück hatte als Vorgängerschule für Halle bereits im Januar 2015 eine Schule in Bad Rothenfelde eröffnet. Die Entwicklung dort zeigt deutliche Parallelen zur Haller Einrichtung.

Podologie-Schule im Gerry Weber Sportpark - © Uwe Pollmeier
Podologie-Schule im Gerry Weber Sportpark (© Uwe Pollmeier)


Das HK hat mit ehemaligen Schülerinnen und Mitarbeitern beider Standorte gesprochen. Demnach sollen sich in den Räumen Szenen abgespielt haben, die bei denen Beteiligten mitunter seelische Schäden hinterließen. „Das war Psychoterror. Die Frau (Geschäftsführerin Sonja P., Anmerkung der Redaktion) kann einem eine Gehirnwäsche verpassen. Auf mich wirkt sie wie eine Art Sektenführerin", schildert die ehemalige Schülerin Birgit A., die ihre Ausbildung inzwischen an einer anderen Schule abgeschlossen hat. „Man hat uns das Blaue vom Himmel erzählt. Alles war nur gelogen", fährt sie immer noch spürbar empört über die Vorgänge fort. Niemand habe an der Schule einen Abschluss gemacht, sagt A.. Dazu hätten ohnehin die notwendigen Grundlagen gefehlt, denn es habe stets zuwenig Dozenten gegeben. Dennoch habe sie monatlich 420 Euro zahlen sollen. Vertraglich hatte sie sich vorab verpflichtet, diese Summe zwei Jahre lang zu überweisen. Nach dem Weggang habe sie einfach die Zahlungen gestoppt, da die Gegenleistung längst fehlte.

„Man hat uns bis zum letzten Tag etwas vorgemacht", schildert Johanna B., ebenfalls eine frühere Podologie-Schülerin. „Diese Frau (Geschäftsführerin Sonja P., Anmerkung der Redaktion) ist gefährlich. Sie hat mich bis nach Hause verfolgt und mich gezwungen, Unterschriften zu fälschen", sagt B.. Die ganze Sache habe psychische Schäden bei ihr hinterlassen. P. sei, obwohl ohne jegliches Podologie-Fachwissen ausgestattet, auch öfters mal als Dozentin eingesprungen. Ein ehemaliger Mitarbeiter stützt die Aussagen der Schülerinnen. „Es gab immer weniger Dozenten und ich sollte den Unterricht von mehreren Kollegen übernehmen", schildert Olaf K. Die Geschäftsführerin habe ihn stets motiviert, indem sie ihm konkrete Aufstiegsmöglichkeiten aufgezeigt habe. Erst später wurde ihm klar, dass es sich dabei um leere Versprechungen gehandelt habe.

„Der Unterricht war zuletzt ohne fachliche Begleitung", verrät K., der selbst Ausbildungsfelder übernehmen sollte, für die er eigentlich gar nicht die entsprechenden Voraussetzungen erfüllte. Man habe ihm daher gefälschte Zertifikate über nie absolvierte Fortbildungsmaßnahmen ausgestellt.

An Urlaubstagen gab es keine Lohnfortzahlung

Zwischenzeitlich seien auch Gehaltszahlungen ausgesetzt worden, zudem gab es keine Lohnfortzahlungen bei Urlaub oder an Krankheitstagen. „Es herrschte ein permanenter Drill. Am Sonntagabend gegen 22 Uhr wurde noch telefonisch kontrolliert, ob ich auch genug gearbeitet habe", sagt K.

Ebenso wie die Schülerinnen berichtet auch er davon, dass durch Falschangaben Fördergelder flossen, obwohl die Podologieausbildung an sich nicht förderfähig sei. Ein Sprecher der Osnabrücker Staatsanwaltschaft bestätigt gegenüber dem HK, dass es zumindest im Zusammenhang mit der Bad Rothenfelder Schule ein Verfahren wegen des Vorwurfs des Subventionsbetruges gebe. „Dieses Ermittlungsverfahren läuft noch, daher können wir keine Details nennen", ergänzt der Sprecher.

Die in die Kritik geratene Geschäftsführerin Sonja P. äußert sich ebenfalls gegenüber dem Haller Kreisblatt und schildert eine komplett gegensätzliche Szenerie. „Der Betrieb in Halle ruht derzeit. Wir richten uns gerade neu aus", erklärt sie die aktuelle Situation in der Immobilie an der Roger-Federer-Allee und erwähnt dabei mit keinem Wort den Entzug der staatlichen Anerkennung. „Ich habe seit zwei Jahren mit einer Person zu tun, die versucht, mich persönlich zu vernichten", sagt P.

Die Sache habe viel Energie und Nerven gekostet und sie letztlich dazu gezwungen, mit der Schule von Niedersachsen nach NRW, sprich von Bad Rothenfelde nach Halle umzuziehen. Indirekt nennt sie dabei auch den Namen der Person beziehungsweise des sich inzwischen um diese herum gebildeten Personenkreises.

In Nordrhein-Westfalen habe das Stalking gegen sie jedoch eine Fortsetzung gefunden. „Ich möchte es nicht mehr mit dieser Klientel zu tun haben", sagt P. Sie werde daher die Schule in ihrer bisherigen Form nicht wiedereröffnen. „Der Fachbereich Podologie wird eingestellt, aber es wird dort Fortbildungen geben, schließlich ist der Standort ja wunderschön", sagt P. Sie selbst sei bewusst in den Hintergrund abgetaucht und niemand wisse, wo sie geblieben sei. Sie wohne an einem geheimen Ort und wolle Abstand vom Geschehen der vergangenen Monate gewinnen.

Rechtsstreit mit der Schulbehörde in Niedersachsen

Dem geschilderten freiwilligen Umzug der Schule über die Landesgrenze hinweg aus persönlichen Gründen widerspricht eine Aussage der niedersächsischen Landesschulbehörde. „Die staatliche Anerkennung der Podologieschule Bad Rothenfelde wurde zum 30. Juni 2018 wegen des Standortwechsels nach NRW widerrufen", teilt Bianca Schöneich, Pressesprecherin der Niedersächsischen Landesschulbehörde mit. Im Vorfeld habe es einen Rechtsstreit wegen diverser Unstimmigkeiten gegeben. Zu dessen Gründen werde man sich mit Blick auf Persönlichkeits- und Datenschutz nicht äußern.

„An der Schule herrschten mafiöse Methoden", sagt Heike J., eine weitere Podologieschülerin aus Halle. „Es gab zu wenig praktischen Unterricht. Stattdessen mussten wir sehr viele Hausaufgaben erledigen", sagt J. Schüler eines Kurses hätten sich komplett abgemeldet und gingen nun gemeinsam gerichtlich gegen die Schule vor.

Eine groß angekündigte Kooperation mit dem Nachbarn Saluto und dessen häufig anwesenden Spitzensportlern verpuffte ebenso. „Bei uns hat sich niemand von der Schule gemeldet. Das waren alles nur Lippenbekenntnisse", sagt die kaufmännische Geschäftsleiterin Marion Wienecke.

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