Investoren übernehmen Gerry Weber - Gründerfamilien Weber und Hardieck sind raus

Das insolvente Modeunternehmen aus Halle macht einen kräftigen Schritt nach vorn. Die Gründerfamilien sind endgültig außen vor, die Aktionäre gehen leer aus

Stefan Schelp,Marc Uthmann

Endlich eine Perspektive: Zwei Investoren steigen beim Haller Modekonzern Gerry Weber ein. Bis zum Herbst soll das Insolvenzverfahren abgeschlossen sein. - © Ulrich Fälker
Endlich eine Perspektive: Zwei Investoren steigen beim Haller Modekonzern Gerry Weber ein. Bis zum Herbst soll das Insolvenzverfahren abgeschlossen sein. (© Ulrich Fälker)

Halle. Der insolvente Modekonzern Gerry Weber International AG hat den vielleicht wichtigsten Schritt auf dem langen Weg der Sanierung geschafft. Die Investoren Robus Capital Management Ltd und Whitebox Advisors LLP schießen dem Unternehmen 49,2 Millionen Euro zu. De facto sind sie die neuen Eigentümer des Unternehmens. Ihr Plan: Im ersten Schritt werden sämtliche Aktien eingezogen und auf Null gesetzt, im zweiten Schritt werden neue Aktien ausgegeben, die ausschließlich von den beiden Investoren gezeichnet werden.

Neben den vielen Kleinanlegern verlieren somit auch die Gründerfamilien Weber und Hardieck ihre Aktien und damit jeglichen Einfluss auf das Unternehmen. Die Familie Weber hatte im Investorenprozess zunächst noch mitgeboten, war dann aber ausgestiegen. Voraussichtlich wird die Gerry Weber AG auch von der Börse genommen. Durch das Einziehen der Aktien verliere die Gesellschaft ohnehin ihre Börsenzulassung. Die müsste dann neu beantragt werden. Ob das passiert, ist noch offen.

Die Gründerfamilien Weber und Hardieck sind raus

"Damit gewinnt die Gerry Weber International AG eine hervorragende Perspektive für die Zukunft", freut sich der Vortandsvorsitzende Johannes Ehling. Der Schritt schaffe Klarheit für den Markt, die Mitarbeiter und die Lieferanten. Das sei angesichts der bevorstehenden Orderrunde und kurz vor der Modemesse CPD ein wichtiges Signal.

Vorangegangen sei ein "intensiver Bieterwettkampf", sagt Sanierungsvorstand Florian Frank. "Das war ein Kopf-an-Kopf-Rennen." Letztlich habe sich das Konzept durchgesetzt, das für die Gläubiger das günstigste Ergebnis bringe. Der Gläubigerausschuss habe die Transaktion mit all seinen Aspekten einstimmig gebilligt. Die Gläubigerversammlung, also die Gemeinschaft aller Gläubiger soll voraussichtlich im letzten Quartal 2019 tagen, sie muss dem Insolvenzplan dann auch noch einmal zustimmen.

Ehling geht davon aus, dass sich das Thema Insolvenz spätestens zum November erledigt haben wird. Die Geschäftsentwicklung liege sowohl beim Umsatz als auch beim Roh-Ertrag über dem Plan. Offen ließ der Vorstand, ob über den bisherigen Plan hinaus weitere Stellen in den Läden und der Konzernzentrale abgebaut werden müssen. Über den derzeitigen Stellenabbau hatte es nach langen Verhandlungen eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft gegeben.

Übernahme in mehreren Schritten

Die Übernahme der Gerry Weber AG verläuft in mehreren Schritten. Zunächst schießen die beiden Fonds Robus und Whitebox bis zu 49,2 Millionen Euro in das Unternehmen. Im nächsten Schritt soll eine sogenannten Kapitalherabsetzung auf Null Euro vollzogen werden. Daran anschließend wird es eine Barkapitalerhöhung geben. Die alten Aktien werden eingezogen, eine "Entschädigung" für die Aktionäre gibt es nicht.

So bitter das ist - die Aktionäre sind gewissermaßen Miteigentümer des Unternehmens und keine Gläubiger und stehen daher ganz am Ende der Kette. Das ist im Insolvenzrecht so geregelt. Die neuen Aktien sollen dann anschließend ausschließlich von Robus und Whitebox gezeichnet werden.

Nicht die Aktionäre, wohl aber die Gläubiger könnten mit einem mehr oder weniger blauen Auge davonkommen. Sie können zwischen drei Optionen wählen - "ein Potpourri", das es so bei einer Insolvenz noch nicht gegeben habe, versichert der Gerry-Weber-Vorstand. Die Gläubiger können entweder eine Barabfindung fordern. Wie hoch diese sein wird, hängt von der Quote ab, die erst in zwei bis drei Wochen feststehen werde, heißt es. "Sie wird aber deutlich überdurchschnittlich sein", versichert Sachwalter Stefan Meyer. Im Raum steht eine deutlich zweistellige Quote.

Gesamtschulden betragen rund 300 Millionen Euro

Zweite Option ist eine Kombination: Die Gläubiger können sich 60 Prozent auszahlen lassen und 40 Prozent in eine Anleihe einbringen, die 2022 mit Verzinsung zurückgezahlt werden soll.

Dritte Option ist, die gesamte Gläubiger-Summe in die Wandelschuldanleihe einzubringen. "Wer sich dafür entscheidet, wird für das Risiko, das er eingeht, eine höhere Befriedigung erhalten", erklärt Ehling.

Die Gesamtschulden der Gruppe belaufen sich derzeit auf rund 300 Millionen Euro bei 1.500 Gläubigern, davon entfallen 262 Millionen auf die AG und rund 35 Millionen auf die Gerry Weber Retail GmbH. Über die Retail-Gesellschaft ist ein eigenes Insolvenzverfahren eröffnet worden. Ehling hofft, dass beide bis Anfang November abgeschlossen werden können und das Unternehmen dann endgültig seinen Neustart in Angriff nehmen kann.

Info
Logistik-Zentrum

Gut voran geht nach Aussage der Gerry-Weber-Spitze auch die Verhandlung um die Zukunft des Logistik-Zentrums im Ravenna-Park. Das Zentrum ist stark überdimensioniert. Die Verkaufsverhandlungen seien weit fortgeschritten, man rechne mit einer Entscheidung in den nächsten zwei bis drei Wochen. Wie auch immer die ausfällt: Mindestens in den nächsten beiden Jahren werde das Zentrum Gerry Weber noch zur Verfügung stehen.

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