Akuter Wassermangel: Halles Bäche trocknen aus

Der Ruthebach in Hörste führt bereits seit Mitte Juni kein Wasser mehr. Gartenbrunnen oberhalb der B 68 fallen trocken. Auch die Vegetation leidet unter akutem Wassermangel

Rolf Uhlemeier

Halles Umweltbeauftragter Stephan Borghoff im ausgetrochneten Bachbett des Ruthebach. - © Rolf Uhlemeier
Halles Umweltbeauftragter Stephan Borghoff im ausgetrochneten Bachbett des Ruthebach. (© Rolf Uhlemeier)

Halle. „Das könnte die Spur eines Waschbären sein und der Abdruck stammt vermutlich von einem Nutria." Halles Umweltbeauftragter Stephan Borghoff steht im Bett des Ruthebaches. Viele Spuren gibt es dort in diesen Tagen zu entdecken, auch von Rehen und sogar von einem Mountainbike-Fahrer, der hier offensichtlich unterwegs war. Doch davon, was man eigentlich hier erwarten würde, fehlt jede Spur: Wasser führt der Bach, der in Hörste die Feuchtwiesen durchschneidet, nicht in diesen Tagen. Das Bett ist trocken wie ein Sandkasten und auch die angrenzenden Grasflächen sind derzeit mehr Trockenrasen als Feuchtgebiete. „2018 ist der Ruthebach auch trockengefallen", sagt Borghoff: „Das war aber deutlich später – erst im August."

Wo kein Wasser ist, da sind auch keine Libellen

In diesem Jahr führt der Bach unweit des Haller Ortsteils bereits seit Mitte Juni kein Wasser mehr. „Eigentlich würden sich hier Prachtlibellen tummeln, aber wo kein Wasser ist, da sind auch keine Libellen", sagt der Umweltbeauftragte und setzt seinen Weg im trockenen Bachbett fort. „Die Fische wandern mit dem abfließenden Wasser mit", erklärt Borghoff und ergänzt: „Wenn sie in einem Kolk gefangen sind, dann haben sie nur eine Chance, wenn der Bach wieder ins Fließen kommt, bevor auch die tiefen Stellen austrocknen oder der Sauerstoffgehalt zu gering wird." Eigentlich sind im Ruthebach Stichlinge und Gründlinge zuhause. Längst haben sie ihre Lebensgrundlage verloren, ebenso wie Kleinkrebse, Strudelwürmer und Schnecken. Auch Eintagsfliegen, Köcherfliegen und Steinfliegen trifft man im ausgetrockneten Bett nicht mehr an.

Ausgetrockneter Bachlauf des Ruthebaches im Bereich der Hörster Feuchtwiesen - © Rolf Uhlemeier
Ausgetrockneter Bachlauf des Ruthebaches im Bereich der Hörster Feuchtwiesen (© Rolf Uhlemeier)

„Unterhalb der ehemaligen Hörster Kläranlage läuft noch ein kleines Rinnsal", sagt der Umweltbeauftragte: „Viel mehr ist es auch dort nicht." Am Besten sieht es aktuell noch beim Künsebecker Bach aus. Auf Höhe des Sandforther Sees wird er vom gereinigten Abwasser der Kläranlage gespeist – oberhalb ist er allerdings auch nur noch ein langsam fließendes Rinnsal. Auch der Laibach leidet unter der anhaltenden Trockenheit. Im Gegensatz zum Ruthebach kann er aber auch sein zweigeteiltes Bachbett rund um den Vennteich und das Schloss mit Wasser speisen. Wie der Künsebecker Bach wird auch er zumindest zum Teil durch gereinigtes Abwasser aus der Kläranlage Brandheide aufgefüllt. Doch nicht nur an den Haller Bächen ist der anhaltende Niederschlagsmangel deutlich abzulesen. Auch die Vegetation leidet unter akutem Wassermangel.

Die Trockenheit frisst sich in den Baumbestand hinein

„Die Trockenheit frisst sich in den Baumbestand hinein", sagt Borghoff. Am Waldrand sind vor allem Buchen betroffen. Schon früh im Jahr weisen sie braune Bereiche auf und werfen Blätter ab, die sie nicht mehr versorgen können. Weil dadurch der nötige Schatten verloren geht, kann sich der Jungbestand kaum entwickeln und droht in vielen Bereichen einzugehen. „Da vertrocknet in zwei Jahren Holz, dass in 50 Jahren nicht nachwachsen kann", sagt der Umweltbeauftragte mit sorgenvollem Blick: „Früher haben wir den Altbestand reduziert, damit die jungen Bäume eine Chance hatten, sich zu entwickeln. Jetzt muss man Sorge tragen, dass das Blätterdach zu bleibt, damit nicht noch mehr vertrocknet."

Für Stephan Borghoff ist klar, dass ein Umdenken einsetzen muss, um möglichst flexibel auf die Trockenheit des vergangenen und aktuellen Jahres zu reagieren: „Wenn die Niederschläge auf der einen Seite weiter zurückgehen und auf der anderen Seite der Wasserverbrauch ansteigt, dann werden wir massive Probleme bekommen."

Laut Borghoff sind es in erster Linie die fehlenden Niederschläge in den Wintermonaten, die zu Problemen im Wasserhaushalt und zum Absinken des Grundwassers fühlen: „Wenn die Vegetation ruht, werden die Wasserspeicher aufgefüllt. Die Niederschläge im Sommer bringen da wenig, weil das Wasser nicht bis in die tieferen Schichten vordringen kann, von den Pflanzen aufgesogen wird oder verdunstet." Auch Starkregenereignisse bringen nach längeren Trockenphasen wenig: „Dann ist der Boden steinhart und das Wasser wird oberflächlich abgeführt."

Müssen Wasser in den Wintermonaten zurückhalten

Was ist also zu tun? „Wir müssen in den Wintermonaten möglichst viel Wasser zurückhalten", sagt der Umweltbeauftragte, „uns gleichzeitig aber auch vor den zunehmenden Starkregenereignissen schützen." Schon jetzt bemühen sich Verwaltung und Politik darum, dass Niederschläge möglichst auf öffentlichen und privaten Flächen versickert werden. Dadurch wird das Abwassersystem der Stadt entlastet und gleichzeitig die Grundwasserbildung gefördert.

Wasserknappheit in den Bächen in Halle

Künsebecker Bach mit wenig Wasser nach der Kläranlage - © Rolf Uhlemeier
Wasserknappheit in den Bächen in Halle
Künsebecker Bach mit wenig Wasser nach der Kläranlage (© Rolf Uhlemeier)

Laut Borghoff haben sich bereits erste Anwohner oberhalb der B 68 gemeldet, deren Gartenbrunnen trocken gefallen sind: „Das sind Brunnen, die in der Regel bis in eine Tiefe von vier, fünf Metern reichen. Da kommt aktuell nicht mehr viel." Wie sich die rückläufigen Niederschläge langfristig auswirken, lässt sich nach Einschätzung des Umweltbeauftragten kaum voraussagen und hängt natürlich davon ab, wie sich das Wetter in den kommenden Jahren entwickelt.

Eines dürfte aber auf jeden Fall klar sein: Wenn sich Niederschlagsmengen und Wasserverbrauch weiter gegenläufig entwickeln, werden ein ausgetrockneter Ruthebach, verdorrte Bäume und leere Brunnen nur der Anfang sein.

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