Gerry Weber: Belegschaft hofft auf Kontinuität und fürchtet Heuschrecke

Am Dienstag tagt die Gläubigerversammlung der ebenfalls insolventen Filialgesellschaft Retail GmbH. Der Betriebsrat des Haller Konzerns wird dabei sein, um die Interessen der Mitarbeiter zu vertreten. Doch die treibt auch eine ganz andere Frage um

Marc Uthmann

Hoffnung auf Kontinuität: Vom Ausgang des Bieterverfahrens mit verschiedenen potenziellen Investoren bei Gerry Weber hängt auch für die Arbeitnehmerseite weiterhin viel ab. Für sie ist wichtig, dass es bei dem aktuell vereinbarten Sanierungspaket bleibt. - © Nicole Donath
Hoffnung auf Kontinuität: Vom Ausgang des Bieterverfahrens mit verschiedenen potenziellen Investoren bei Gerry Weber hängt auch für die Arbeitnehmerseite weiterhin viel ab. Für sie ist wichtig, dass es bei dem aktuell vereinbarten Sanierungspaket bleibt. (© Nicole Donath)

Halle. Von dem Treffen der Gläubiger der Retail GmbH in der Bielefelder Stadthalle heute erwartet sich Lutz Bormann, Betriebsratsvorsitzender der Gerry Weber International AG, zunächst einmal ein Abtasten: „Es wird darum gehen, den Gläubigerausschuss zu bestätigen." Anders als bei der Zentralverwaltung, für die der Betriebsrat auch das nicht gezahlte Weihnachtsgeld geltend macht (das HK berichtete), geht es bei den Filialangestellten nur um Überstunden.

„Heuschrecke wäre nicht im Sinne der Gläubiger"

Dennoch ist jeder Termin in dieser Phase auch für die Arbeitnehmervertreter wichtig, um Stimmungen abzuklopfen oder neue Sachstände zu erfahren. Über allem steht weiter die Suche nach einem Investor für den schwächelnden Konzern, die gerade in die entscheidende Phase mit den verbliebenen Interessenten geht. Innerhalb der nächsten 14 Tage soll sich womöglich eine Perspektive herauskristallisieren.

Für den Betriebsrat ist der Ausgang dieses Bieterverfahrens essenziell. Mühsam hatte er im Januar einen Sanierungstarifvertrag ausgehandelt, der durch die Insolvenz hinfällig war. Nun hat er sich mit dem Vorstand wie berichtet erneut auf ein Paket zur Restrukturierung geeinigt: 145 Vollzeitstellen wurden am Stammsitz abgebaut, hinzu kommt die Schließung von 146 Filialen mit bis zu 330 weiteren betroffenen Mitarbeitenden. Damit es dabei bleibt, müsste auch der neue Investor von dem Sanierungsplan überzeugt sein. Dass ein Unternehmen einsteigt und dann sofort weitere Stellen streicht, „wäre für uns ein Worst-Case-Szenario", räumt Lutz Bormann ein.

Gesprächsebene mit dem Vorstand

Er blickt lieber positiv auf die Zukunft: „Dass hier eine Heuschrecke zum Zuge kommt, wäre nicht im Sinne der Gläubiger, die ihre Verluste minimieren wollen." Die Arbeitnehmerseite hofft vielmehr, dass die aktuell eingeleitete Sanierung auch unter neuer Regie durchgezogen wird. Vorstandschef Johannes Ehling, der als Sanierer geholte Florian Frank und der für Produkte und Kreationen verantwortliche Urun Gursu harmonieren dem Vernehmen nach gut. „Ich würde mir wünschen, dass dieses Team an Bord bleibt – es gibt eine Gesprächsebene", sagt auch Lutz Bormann.

Und das, obwohl beide Seiten gerade schwer eingebunden sind: Der Vorstand sowie Sachwalter Stefan Meyer und der Generalbevollmächtigte Christian Gerloff bei der Investorensuche, der Betriebsrat bei der unangenehmen Aufgabe, den Stellenabbau in den Filialen zu kommunizieren.

„Die erste Phase der Gespräche ist heute abgeschlossen, sie werden in zwei weiteren Etappen bis August fortgesetzt", erklärt Lutz Bormann. Zwar wüssten die Mitarbeitenden, welche Läden geschlossen würden, doch mitunter gibt es für Betroffene noch Perspektiven in anderen Filialen. „Das alles erklären wir wenn möglich persönlich", sagt der Betriebsratsvorsitzende.

Er hofft, dass sich die vielen schmerzhaften Schritte für das Unternehmen und die verbliebene Belegschaft auszahlen: „Man lässt uns nicht fallen wie eine heiße Kartoffel, sondern es gibt Interessenten. In uns wird also Zukunft gesehen."

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.