Sozialarbeiter in Halle: „Inklusion – für mich das Unwort des Jahres“

Der Sozialarbeiter Felix Wenzel weiß, wovon er spricht. Er gehört selbst zur Gruppe der Menschen mit Behinderung. Kommenden Dienstag referiert er in den Räumen des Lebensbaums über Theorie und Praxis der Inklusion. Und will Beispiele nennen

Heiko Kaiser

Felix Wenzel und Sybille Florschütz - © Heiko Kaiser, HK
Felix Wenzel und Sybille Florschütz (© Heiko Kaiser, HK)

Halle-Künsebeck. Felix Wenzel hat selbst erlebt, mit welchen Schwierigkeiten Menschen mit Schwerbehinderung konfrontiert werden, welche Hindernisse sie tagtäglich überwinden müssen. „Es sind die kleinen Dinge, die passieren, wenn man sich traut, herauszugehen", sagt er und berichtet, wie Menschen mit Schwerbehinderung ständig mit Vorurteilen zu kämpfen haben. „Nicht schnell genug, nicht effizient genug", sind zwei davon, die auch heute noch verhindern, dass Arbeitgeber ihnen eine Chance auf den ersten Arbeitsmarkt geben.

So kommt Felix Wenzel zu dem Schluss, dass man in Deutschland auch zehn Jahre nachdem die UN-Behindertenkonvention geltendes Recht geschaffen hat, weit von einer tatsächlichen Inklusion entfern ist – in allen gesellschaftlichen Bereichen.

In seinem Vortrag will Felix Wenzel, der selbst Agrarwissenschaft und Sozialarbeit studiert hat und seit März die IGeL-Wohngruppe am Gartnischer Weg betreut, auf verschiedene von Inklusion betroffene Lebensbereiche, wie Wohnen, Bildung und Arbeit eingehen.

"Warum nicht Sonderschulen für alle öffnen?"

Der 38-Jährige zieht Bilanz. „Wenn es das Anliegen von Inklusion ist, dass Menschen mit Behinderung zu einem ganz normalen Teil der Gesellschaft werden und uneingeschränkt in allen Bereichen mitwirken können, dann sind wir auch zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenkonvention noch weit davon entfernt", sagt er. Dabei unterscheidet Wenzel zwischen „formalen" und den das Leben letztlich bestimmenden „täglichen Dingen". Letztere werden seiner Auffassung nach durch generelle Einstellungen in der Gesellschaft bestimmt. Es ist der Blickwinkel, aus dem das Thema Inklusion betrachtet wird. „Viele gehen noch immer davon aus, dass von einer Inklusion nur der Mensch mit Schwerbehinderung profitiert. Aber auch Menschen ohne Behinderung ziehen Vorteile daraus", sagt er und fügt provokant hinzu: „Es wird immer nur davon gesprochen, dass Schulen für Menschen mit Behinderung geöffnet werden. Warum nicht Sonderschulen für alle öffnen?"

Sybille Florschütz, Leiterin des Lebensbaums, nennt ein Beispiel: „Wenn das Lerntempo in der Schule reduziert wird, wenn Klassen kleiner werden und die Betreuung intensiver, reduziert das für alle Kinder den Druck, der immer mehr aufgebaut wird." Inklusion aber funktioniere eben nur dann, wenn in diesen Bereichen auch die notwendigen Mittel und Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt würden.

Hier sieht auch Felix Wenzel große Defizite: „Man hat Integration einfach nur einen neuen Begriff gegeben und sie Inklusion genannt. Für mich ist es daher das Unwort des Jahres. Denn wenn Inklusion wirklich realisiert werden soll, muss das System geändert werden."

Dafür nennt er ein Beispiel aus seiner Schulzeit, wo Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Abitur gemacht haben. „Diejenigen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung länger für eine Aufgabe gebraucht haben, hatten dafür mehr Zeit oder bekamen Schreibhilfen."

In seinem Vortrag wird er einige weitere eigene Erfahrungen und Erlebnisse zum Thema Inklusion präsentieren. Die Veranstaltung in den Räumen des Lebensbaums, Teutoburger Straße 2 in Künsebeck, findet am Dienstag, 18. Juni, von 18 Uhr bis 20 Uhr statt. Der Eintritt ist frei. Um den Vortrag so barrierearm wie möglich zu gestalten, wird im Fall von individuellen Bedürfnissen (Großdruck, Leichte Sprache) um eine Rückmeldung per Mail an felix_wenzel@web.de gebeten.

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