HalleMutiger 15-Jähriger aus Halle: „Ich muss nicht sehen können, um glücklich zu sein“

Mut für andere Wege: Jonas Schlingmann ist blind. Wer ihm allerdings mit Mitleid begegnet, ist an der falschen Adresse. Sein Leben mag anders verlaufen, sicher. Aber dank Kämpferherz und bedingungsloser Familienliebe ist er voll integriert

Nicole Donath

Keine Extrawürste für Jonas: Der 15-Jährige, der zudem ein talentierter Sportler ist, kann nicht sehen. Doch das stört ihn nicht: Ein glückliches Leben hängt für ihn nicht von der Fähigkeit ab, sehen zu können. - © Nicole Donath
Keine Extrawürste für Jonas: Der 15-Jährige, der zudem ein talentierter Sportler ist, kann nicht sehen. Doch das stört ihn nicht: Ein glückliches Leben hängt für ihn nicht von der Fähigkeit ab, sehen zu können. © Nicole Donath

Halle. In zwei Jahren macht Jonas am KGH sein Abitur. Und dann möchte er Jura studieren und später einmal Staatsanwalt werden. Vielleicht in Bielefeld, vielleicht aber auch in einer anderen Stadt – das weiß er noch nicht so genau und dazu hat der Familienrat auch noch nicht getagt. „Hat ja auch noch etwas Zeit", stellt er gelassen fest und holt aus der Küche eine Flasche Wasser, öffnet sie und gießt allen am Tisch etwas ein. In der einen Hand die Flasche, mit den Fingern der anderen tastet er den Abstand zwischen Flaschenhals und Glas. Völlige Routine, er kennt es nicht anders. Jonas kam bereits mit einer Sehbehinderung auf die Welt. Das war am 6. August 2003.

„Als wir das Krankenhaus verließen, meinte Jonas’ Mutter bereits, dass irgend etwas mit den Augen nicht stimmen würde", erinnert sich sein Vater Dirk. Nach verschiedenen Untersuchungen die Diagnose: Das linke Auge war komplett blind, auf dem rechten hatte der Junge eine Sehfähigkeit von gerade einmal fünf Prozent – ein Schock.

„Aber ich fange mal hinten an", sagt Dirk Schlingmann dann und lacht. „Bei aller Hilfebedürftigkeit hat er diese fünf Prozent maximal ausgenutzt." Auch Jonas lacht, weil er sich nämlich die erstaunte Reaktion vorstellen kann, die jetzt kommt: „Ich bin zum Beispiel jahrelang alleine Fahrrad gefahren. Ein parkendes Auto konnte ich anfangs ja noch erkennen." Das ist heute nicht mehr so, stattdessen sitzt er hinten auf dem Tandem. Aber dass Jonas trotz seiner körperlichen Einschränkung diese außergewöhnliche Entwicklung überhaupt nehmen konnte, ist neben seinem eigenen Kämpferherz vor allem seiner Familie zu verdanken. Einer Familie, die bedingungslos hinter ihm steht, und die für jeden seiner Schritte mit ihm gekämpft hat und das auch weiterhin tut – neben seinem Vater sind dies seine Mutter Kathrin, seine beiden jüngeren Geschwister Nele und Till oder seine Großeltern. Spiele, Vorlesestunden, Fußball mit dem Klingelball, Übungsstunden am Computer, Blindenschrift lernen – das komplette Programm.

Noch während der Grundschulzeit in Künsebeck kam Jonas mit einer Lupe zurecht und hatte seine persönliche Integrationskraft an der Seite. In der vierten Klasse stellte sich jedoch die Frage, wie es mit dem intelligenten Jungen weitergehen sollte. „Eigentlich wurde uns empfohlen, an der Optikusschule in Bielefeld den Realschulabschluss zu machen oder auf ein Internat nach Marburg zu gehen", erzählt Jonas. „Beides kam für mich nicht in Frage, ich wollte hier bleiben und aufs KGH." Es folgten zahlreiche Telefonate, Gespräche und Briefwechsel mit den beteiligten Behörden und Schulen. Für und Wider wurden abgewogen und diskutiert. Am Ende fiel die mutige Entscheidung und – es gab grünes Licht.

Auch am KGH lernte Jonas in den ersten Monaten noch ähnlich wie in der Grundschule. Dann kam der Sommer 2013. „Es war im Urlaub nach einem langen Strandtag, abends sah ich nur noch verschwommen." Bald waren auch die letzten fünf Prozent Sehfähigkeit dahin. „Aber ich fand es nicht tragisch. Ich war auch nicht traurig", sagt der 15-Jährige. „Das Leben wurde einfach noch mal anders."

Auch die Lehrer stellten sich auf die neue Situation ein und bereiteten das Unterrichtsmaterial nun digital auf. Mit Hilfe eines Laptops werden Worddokumente dabei als Sprachausgabe in Blindenschrift lesbar gemacht – eine sogenannte Braillezeile stellt die Zeichen entsprechend dar. Dasselbe gilt für die Lehrbücher, die vom Ministerium in digitaler Form zur Verfügung gestellt werden. „Ich werde von allen Seiten super unterstützt", sagt Jonas, der Deutsch und Geschichte als Leistungskurse wählen, außerdem noch Sowi und Mathe mit ins Abi nehmen will. „Chemie würde halt nicht gehen, in der MINT-Klasse war ich trotzdem." Auch dabei habe es keine „Extrawurst Jonas" gegeben, fährt er fort, hier sei es eben nur Aufgabe der Mitschüler gewesen, die Reaktion bei Experimenten zu beschreiben.

Ein tolles Team: Dirk Schlingmann und sein Sohn Jonas, wie sie gemeinsam mit ihrem Tandem unterwegs sind. - © Nicole Donath
Ein tolles Team: Dirk Schlingmann und sein Sohn Jonas, wie sie gemeinsam mit ihrem Tandem unterwegs sind. (© Nicole Donath)

Soweit also der Schulalltag. Doch wie kommt er überhaupt da hin? In Begleitung? Mit dem Spezialtaxi? Wird er gebracht? Jonas lacht wieder. „Nee, nichts davon, ich gehe zu Fuß. Alleine." Ausgestattet mit einem Langstock hat er den Weg mit Hilfe einer Mobilitäts- und Orientierungstrainerin wieder und wieder geübt, hat sich den Weg wie eine Karte eingeprägt. „Die prägnanten Punkte habe ich im Kopf." Schwierig werde es in überraschenden Situationen, also wenn beispielsweise eine unerwartete Stelle zugeparkt wurde. Auch andere Strecken wie zum Martin-Luther-Haus, wo er die Jugendarbeit betreut, schafft er nach intensivem Training alleine. In der Innenstadt, auf Plätzen oder überall dort, wo Menschenmengen stehen, bekommt er Hilfe. Da hakt ihn mal ein Freund unter, mal sind die Geschwister an seiner Seite – ganz selbstverständlich. Und Sorge, dass er dabei mit einem geringelten und einem gepunkteten Socken durch die Gegend läuft, hat er auch nicht. „Sicher nicht", sagt er und lacht. „Papa legt mir die Sachen morgens zwar raus. Aber wir kaufen Pullover, Jeans und Schuhe ja zusammen", beschreibt er das Team. „Und ich versuche auch gar nicht, ihm Sachen nach meinem Geschmack anzudrehen", sagt Dirk Schlingmann und zwinkert. „Sobald irgend einer nen blöden Spruch über seine Klamotten macht, würde er sie sowieso nicht mehr tragen."

Ob es trotz der maximalen Integration etwas gibt, das er gerne sehen würde? Etwas, das er vermisst? Jonas schüttelt schon während der Frage den Kopf. „Nein, nichts. Gar nichts. Ich würde mir nicht mal wünschen, sehen zu können. Sehende wollen nicht blind sein und ich muss nicht sehen können. Ich habe mein Leben und es gibt durchaus Sehende, die weniger Spaß am Leben haben als ich. Ein glückliches Leben", sagt Jonas, „das hängt von anderen Dingen ab."

Grandiose Technik: Mit Hilfe einer sogenannten Braille-Zeile werden Dokumente in Zeichen umgewandelt, die Blinde erfassen können. - © Nicole Donath
Grandiose Technik: Mit Hilfe einer sogenannten Braille-Zeile werden Dokumente in Zeichen umgewandelt, die Blinde erfassen können. (© Nicole Donath)

Hund als Hilfe

Jonas wünscht sich einen Hund – genauer gesagt einen Blindenführhund. Diese Tiere sind speziell ausgebildete Assistenzhunde, die blinden oder hochgradig sehbehinderten Menschen eine gefahrlose Orientierung sowohl in vertrauter als auch in fremder Umgebung gewährleisten sollen. „Rein rechtlich gelten sie als Hilfsmittel", erklärt Dirk Schlingmann. „Ein solcher Hund darf mit in die Schule, in die Uni oder in jeden Supermarkt." Ein fertig ausgebildeter Blindenhund kostet rund 30.000 Euro. Zurzeit gibt es noch keinen Bewilligungsbescheid der Krankenkasse.

So läuft's

Für das Kreisgymnasium steht die Kollegen der Optikusschule in Bielefeld helfend zur Seite. Sie sind die Tutoren und bieten zweimal im Jahr eine sogenannte Kontaktkonferenz an. „An dieser Konferenz nehmen auch die betreffenden Lehrkräfte des KGH teil, bilden sich fort, klären Detailfragen und profitieren von der Kompetenz", erklärt ein Sprecher der Bezirksregierung Detmold. „Für die jeweiligen Pädagogen werden schließlich individuelle Förderpläne erstellt. Die Vorbereitungszeit wird dabei mit zusätzlichen vier bis sechs Wochenstunden berücksichtigt – also Stunden, für die sie freigestellt werden."

Sprechende Aufzüge

In Marburg ist jeder dritte Studierende blind oder zumindest stark sehbehindert. Das Nachrichtenmagazin Spiegel schätzt in einem Beitrag, dass es allein an der Philipps-Universität rund 150 junge Menschen sind. Genauere Zahlen gebe es jedoch nicht, weil die Erkrankung nicht erfasst würden. Durch diese hohe Anzahl seien die Hochschule und ihre Mitarbeiter sensibilisiert für die Belange Sehbehinderter, zahlreiche Hilfsmittel erleichterten den Alltag: In der Mensa unterstützten eigens für diesen Zweck angestellte Mitarbeiter beim Zusammenstellen des Essens. „Es gibt sprechende Aufzüge und plastische Stadtpläne, die bei der Orientierung helfen. Die Cafeteria ist mit Kaffeemaschinen ausgestattet, die tastbare Punkte haben. Und in Bibliotheken und Instituten findet man PC-Arbeitsplätze mit Sprachausgabe, Großschrift und tastbaren Displays für die Blindenschrift-Braille." Das mache es möglich, dass sehbehinderte Studenten von Psychologie über Pädagogik bis hin zu Jura fast alle Fächer belegen – und sie in einer Stadt wie Marburg ein nahezu normales Leben führen könnten.

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