Experten schlagen Alarm: Pflegenotstand ist längst da

Vertreter von ambulanten und stationären Diensten und Einrichtungen warnen vor Engpässen. Längst sei das Problem nicht mehr nur auf Großstädte beschränkt.

Birgit Nolte

Christiane Schäfer (Generationennetzwerk), Lars Vester und Jana Ilic (Wittekind-Pflegedienst), Marion Westerbarkey (Altenzentrum Eggeblick), Susanne Claes (Diakonie), André Korbach (Daheim), Ulrike Ksoll (Caritas), Sybille Florschütz (Lebensbaum), Rolf Schimmel (Home Instead), Heike Manzau (Generationennetzwerk) sowie Andrej Wolf und Anton Lewinski (Via) sind wegen der aktuellen Pflegesituation beunruhigt. - © Birgit Nolte
Christiane Schäfer (Generationennetzwerk), Lars Vester und Jana Ilic (Wittekind-Pflegedienst), Marion Westerbarkey (Altenzentrum Eggeblick), Susanne Claes (Diakonie), André Korbach (Daheim), Ulrike Ksoll (Caritas), Sybille Florschütz (Lebensbaum), Rolf Schimmel (Home Instead), Heike Manzau (Generationennetzwerk) sowie Andrej Wolf und Anton Lewinski (Via) sind wegen der aktuellen Pflegesituation beunruhigt. (© Birgit Nolte)

Halle. Vor zwei Tagen war es so weit. Susanne Claes konnte nicht helfen. „Ich musste zwei Anfragen ablehnen, weil wir keine Kapazitäten mehr haben. Der Pflegenotstand ist in Halle angekommen", konstatiert die Pflegedienstleiterin der Diakonie.

Susanne Claes steht mit dieser bitteren Bilanz nicht alleine da. Der kleine Raum im Büro des Generationennetzwerks ist gerammelt voll. Zahlreiche Mitarbeitende von ambulanten und stationären Pflegediensten und Alteneinrichtungen haben sich versammelt, um Alarm zu geben. „Der Pflegenotstand herrscht nicht nur in Großstädten. Auch im ländlichen Bereich sind die familiären Bindungen nicht mehr so eng, dass die Pflege automatisch von Angehörigen übernommen wird", weiß Lebensbaum-Geschäftsführerin Sybille Florschütz.

"Die sitzen lieber an der Supermarktkasse"

Ein Problem ist nicht nur die steigende Nachfrage. Es mangelt auch an Personal. Wenn dann ein paar Mitarbeiter krank werden, wird es richtig eng. So wie aktuell bei der Diakonie. Und es mangelt an Nachwuchs. Dass meist auch nachts und am Wochenende gearbeitet wird, schreckt viele ab. „Viele sind aus der Pflege geflohen. Die sitzen jetzt lieber irgendwo an der Supermarktkasse", bedauert Jana Ilic vom Wittekind-Pflegedienst.

Für die Leiterin des Altenzentrums Eggeblick steht jetzt schon fest, dass Pflegekräfte mittelfristig aus weit entfernten Ländern rekrutiert werden. „Wir werden stärker mit den fernöstlichen und afrikanischen Ländern zusammenarbeiten müssen", prognostiziert Marion Westerbarkei. Außerdem plädiert sie dafür, im Ausland absolvierte Prüfungen und berufliche Tätigkeiten in Deutschland unbürokratischer anzuerkennen.

So wie im privaten Bereich ist die berufliche Pflege meist Frauensache. „Die Bezahlung ist für Männer nicht attraktiv", findet André Korbach von Daheim. Die Kollegen, die in die Pflege gehen, hätten seiner Erfahrung nach alle ihren Zivildienst in diesem Bereich absolviert. Seitdem es die Wehrpflicht und damit auch den Zivildienst nicht mehr gibt, komme auch nichts nach.

So wie Korbach gehört auch Rolf Schimmel zur übersichtlichen Zahl der Männer in der Pflege, wenn er auch eher im administrativen Bereich tätig ist. „Ich habe 35 Jahre als Bankkaufmann gearbeitet", so der Geschäftsführer für Halle/Herford beim Pflegedienst Home Instead. „Jetzt arbeite ich mehr, aber es gibt viele positive Rückmeldungen und viele Tage, die mich dafür entschädigen."

Appell an Gesetzgeber

Sie alle hoffen, dass sich in Zukunft mehr Menschen für diesen Beruf begeistern: „Es gibt die Möglichkeit ein Praktikum zu machen. Auch ein Freiwilliges Soziales Jahr ist eine gute Möglichkeit, den Beruf kennenzulernen." Zudem müsse der Gesetzgeber für gute und kostendeckende Arbeitsbedingungen sorgen. Um ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen, haben in Norddeutschland ambulante Pflegedienste damit gedroht, ihre Arbeit einzustellen.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.