Experte sieht Haller Marktkauf in seiner Existenz gefährdet

Die Befürchtung: Der Bau eines großen Edeka-Marktes mit dem Aldi unter einem Dach würde dem Speicher wohl ein Minus von 25 Prozent bescheren.

Uwe Pollmeier

Der Marktkauf Speicher in der Haller Innenstadt. - © Foto: Jens Keßler/jk-luftbilder.de
Der Marktkauf Speicher in der Haller Innenstadt. (© Foto: Jens Keßler/jk-luftbilder.de)

Halle. Vor zwei Jahren liefen die letzten Waren über das Kassenband im Edeka am Klingenhagen. Und seit Dienstagabend sieht es so auch, als würde es auch so schnell keine Rückkehr der in der Werbung angepriesenen „supergeilen Preise" geben. Am alten Standort schlummern seit Sommer 2017 mangels ausreichender Baufläche für einen konkurrenzfähigen Markt die Gesteinsreste vor sich hin. Und die jüngste Idee, gemeinsam mit dem Aldi am Künsebecker Weg eine doppelstöckige Lösung anzustreben, ist nun von der BBE Handelsberatung in der Luft zerrissen worden.

„Es wäre ein Faustschlag ins Kontor des Marktkaufs. Dieser wäre zwingend in seiner Existenz gefährdet", erklärte Jörg Lehnerdt, Leiter der Kölner BBE-Niederlassung, im Planungsausschuss. Im Auftrag der Stadt hatte er einige Szenarien durchgespielt und war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Kaufkraft der Haller für eine Koexistenz von größerem Aldi und neugebautem Edeka nicht ausreiche. Die Supermarkt-WG würde Opfer mit sich bringen, und zwar aller Voraussicht nach den Marktkauf Speicher.

Für diesen prognostiziert der Diplom-Kaufmann Umsatzeinbußen im Falle eines 2.000 Quadratmeter großen Edeka am Künsebecker Weg von bis zu 25 Prozent voraus. Die Faustregel besagt allerdings, dass lediglich ein Verlust von bis zu zehn Prozent für einen Einzelhändler im Supermarktsektor kompensierbar sei. Alles darüber hinaus würde wohl früher oder später das Aus bedeuten.

Von der Schließung der mit rund 700 Quadratmeter viel zu kleinen Edeka-Filiale am Klingenhagen habe der Marktkauf bisher leicht profitiert. „Mit dem Neubau eines großen Edeka würde das Gegenteil mit einer weitaus größeren Schwungmasse eintreten", sagte Lehnerdt.

Drei Varianten, ein Ergebnis

In seinen Berechnungen hatte er drei Varianten untersucht. In allen wurde gemäß den aktuellen Wünschen eine Erweiterung des Lidl von 1.000 auf 1.380 Quadratmeter sowie eine Vergrößerung des Aldi einberechnet. Bei der ersten Variante kommt noch ein bis zu 2.000 Quadratmeter großer Edeka hinzu, und bei der zweiten Variante ein kleinerer Edeka von bis zu 1200 Quadratmeter. Bei der dritten Variante wurde auf den Edeka ganz verzichtet.

In allen Fällen würde der Aldi seinen Umsatz erheblich steigern. Lehnerdt nimmt an, dass ein 1.400 Quadratmeter großer Aldi mit einem 2.000 Quadratmeter großen Edeka in einer Immobilie seinen Umsatz von 5,8 Millionen auf 8,3 Millionen Euro steigern könnte. Edeka würde sogar neun Millionen Euro Umsatz erzielen.

Kommentar

Deutliche Zahlen

• Die Zahlen der BBE sprechen eine deutliche Sprache. Käme ein großer Edeka nach Halle, stünde der Marktkauf vor der Pleite. Eine absurde Vorstellung, denn dann würde die Mutter praktisch ihre Tochter auffressen, schließlich gehört die aus der in Sennestadt ansässigen AVA entstandene Marktkauf-Holding seit 2006 zum größten deutschen Lebensmitteleinzelhändler. Streng genommen benötigt eine Stadt in der Größenordnung wie Halle auch keine weiteren Supermärkte. Verbesserungswürdig wäre allenfalls die Lage. In Künsebeck herrscht gähnende Leere und für manch einen ist es mit weniger Aufwand verbunden, die Einzelhandelskassen im benachbarten Steinhagen zu füllen. Eine Verteilung wäre sinnvoller als eine Vergrößerung.

Ein 1.200 Quadratmeter großer Aldi könnte mit einem ebenso großen Edeka seinen Umsatz auf 7,9 Millionen Euro steigern. Ganz ohne Edeka könnte Aldi in Halle sogar neun Millionen Euro Umsatz einkalkulieren.„So ein starker Supermarkt im Zentrum, der die Menschen in die Innenstadt lockt, ist eine glückliche Situation, die nicht viele Städte haben. Diesen Status sollte man nicht mutwillig zerschießen", warnte Lehnerdt davor, dem Edeka entgegenzukommen. „Wir können den Marktkauf nicht schwächen", sagte auch Karin Otte (SPD). Man habe lange für dessen Toplage gekämpft und er belebe klar die Innenstadt.

„Die Stadt ist Eigentümerin des Grundstücks neben der Kita Wirbelwind und kann bestimmen, wer dort wie bauen darf", sagte Abteilungsleiter Michael Flohr. Über den Bebauungsplan könnte sogar die exakte Größe der Verkaufsfläche bestimmt werden. Das bedeutet wohl das Ende für Edeka in Halle. Nun soll in den Fraktionen das weitere Vorgehen beraten werden.

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