Nie wieder Styropor für städtische Gebäude? UWG will auf den Dämmstoff verzichten

Wärmedämmung von städtischen Gebäuden: Die Fraktion der Unabhängigen Wählergemeinschaft bringt einen Antrag auf den künftigen Verzicht des Materials im Bauausschuss ein

Rolf Uhlemeier

Umstritten: Das Dämmen von Gebäuden mit Styropor. Foto: Fotolia - © www.ingo-bartussek.de
Umstritten: Das Dämmen von Gebäuden mit Styropor. Foto: Fotolia (© www.ingo-bartussek.de)

Halle. „Dieses Thema beschäftigt mich schon seit Jahren. Ich kann es einfach nicht verstehen, wie man sich so einen Sch... ans Haus kleben kann." Unverständnis und eine Spur Verärgerung schwingen mit, wenn Jürgen Deichsel über das Thema Styropor als Dämmmaterial spricht: „Wenn man bedenkt, was da in Zukunft bei der Entsorgung auf uns zukommt, und was wir unseren Kindern hinterlassen?", stellt der Bauingenieur eine rhetorische Frage, die derzeit noch niemand schlüssig beantworten kann.

Dass die Dämmung von Gebäuden mit Styropor, wie Polystyrol landläufig bezeichnet wird, alles andere als unproblematisch ist, wird von Fachleuten bereits seit Jahren kritisiert (siehe Kritikpunkte unten). Das hat die UWG-Fraktion nun bewogen, im Ausschuss für Bauen und Verkehr den Antrag zu stellen, städtische Gebäude künftig nicht mehr mit Styropor zu dämmen. In der Begründung heißt es: „Die Produktion des Dämmstoffs Styropor aus fossilem Erdöl verbraucht Unmengen von Energie. Dabei wird viel CO 2 (klimaschädliches Treibhausgas) emittiert."

Unterschiedliche Ansichten zum Thema Schimmel

Zudem weist die UWG daraufhin, dass Styropor trotz Brandschutzklasse B im Brandfall starken Qualm und giftige Gase freisetzt. Darüber hinaus könne es durch die Dämmung mit Styropor zu verstärkter Schimmelbildung kommen. In ihrer Ausschussvorlage erklärt die Verwaltung, dass im Zuge der Sanierung des Rathauses II an der Graebestraße bereits Steinwolle und alternativ Polystyrol als Dämmstoffe ausgeschrieben worden seien. Die Aussage, Styropor fördere die Schimmelbildung, will die städtische Bauverwaltung so allerdings nicht stehenlassen: „Bei einem fachlich korrekten Einbau wird die Gefahr der Schimmelbildung stets reduziert und nicht erhöht."

In seiner Praxis als Bauingenieur hat Jürgen Deichsel nach eigenen Angaben allerdings bereits häufig erlebt, dass Arbeiten eben nicht fachgerecht ausgeführt wurden, und schon nach wenigen Jahren Mängel an der Dämmung sichtbar wurden: „Styropor hält oft nicht länger als 30 Jahre und muss dann bereits überarbeitet werden." Zudem bemängelt der Fachmann, dass nach seiner Beobachtung in der Vergangenheit in zahlreichen Gebäuden die nötigen Brandriegel nicht in ausreichendem Maße eingebaut worden seien. Sie sollen verhindern, dass im Falle eines Brandes das Feuer von einem Geschoss auf das andere überspringt. Als Presbyter wusste Deichsel zu berichten, dass es von der Landeskirche eine Auflage gibt, welche die Verwendung von Styropor in kirchlichen Bauwerken untersagt: „Beim Anbau des Kindergartens in Künsebeck ist Steinwolle verwendet worden und auch beim Neubau der Einrichtung an der Neustädter Straße wird kein Styropor eingesetzt."

In ihrer Beschlussvorlage für die Ausschusssitzung am Donnerstagabend ab 17.15 Uhr im Rathaussaal nimmt die Verwaltung den Antrag der UWG auf und rät, künftig grundsätzlich auf den Einsatz von Styropor in städtischen Gebäuden zu verzichten. Von Ausnahmen solle der Ausschuss im Einzelfall unterrichtet werden. Die Entscheidung über den Antrag trifft allerdings die Politik.

Info
Viele Kritikpunkte



  • Viele Jahre haben Lobbyisten und Politiker dafür geworben, Häuser möglichst luftdicht mit Polystyrol, besser bekannt als Styropor, zu dämmen. Mittlerweile mehren sich die kritischen Stimmen und führen Gründe ins Feld, die gegen die Verwendung des aus Erdöl hergestellten Dämmmaterials sprechen.
Giftiges HBCD
  • Ältere Dämmplatten enthalten die Brom-Verbindung HBCD (Hexabromcyclododecan). Sie soll im Falle eines Brandes verhindern, dass sich das Feuer über die ganze Fassade ausbreitet. Bereits 2008 wurde es in die Liste der giftigen Stoffe aufgenommen und weltweit verboten. Doch erst seit 2015 darf es in Deutschland nicht mehr für Dämmstoffe verwendet werden. Trotz des Verbots durften mit HBCD behandelte Platten noch bis August 2017 verkauft werden.
Sondermüll?
  • Zwischenzeitlich wurden Styropor-Platten, die mit HBCD behandelt wurden, als giftige Abfälle eingestuft und mussten als Sondermüll entsorgt werden. Weil es zu massiven Entsorgungsengpässen kam, wurde die Einstufung von der Politik wieder zurückgenommen. Seit August 2017 muss mit HBCD behandeltes Styropor darum nur noch getrennt entsorgt werden.
Einsatz von Bioziden
  • In der Kritik steht Styropor auch, weil dem Material häufig Chemikalien (Biozide) zugesetzt werden, um Algen- und Schimmelpilzbefall auf gedämmten Hauswänden zu verhindert.
Energiebilanz
  • Umstritten ist die Energiebilanz von Styropor. Kritiker merken an, dass sie sich ins Negative umkehre, wenn die Lebenszeit von 50 Jahren

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