Zu viele Babykatzen im Altkreis Halle: Wirkt die Kastrationspflicht?

Der Mai gilt als Monat der Babykatzen. Um der Überpopulation an Samtpfoten entgegenzusteuern, besteht in vielen Kommunen inzwischen Kastrationspflicht für Freigänger. Zeigen die Paragrafen Wirkung?

Tasja Klusmeyer

Themenfoto Katzenbaby - © CCO Pixabay
Themenfoto Katzenbaby (© CCO Pixabay)

Altkreis Halle. Wie niedlich, mag der eine beim Anblick kleiner Katzenkinder sagen. Diejenigen, die jeden Tag mit der Versorgung ungewollter, nicht versorgter, teils kranker Tiere zu tun haben, dagegen würden gerne öfter auf den Anblick verzichten. Wenn sie wieder einmal einen Wurf Kitten oder eine trächtige Katze aufnehmen und schauen müssen, wo noch ein Plätzchen frei ist.

Anne Knechtl geht es oft so. Die Leiterin des Gütersloher Tierheims und ihr Team müssen es täglich schaffen, 80 bis 100 Katzen vernünftig zu versorgen und im Idealfall in ein neues Zuhause zu vermitteln. Im Dezember sei ein Höchststand erreicht gewesen, als es galt, 170 Samtpfoten unterzubringen. Grund für den enormen Anstieg seien zwei große Fangstellen gewesen, die der Tierschutzverein einrichtete, um wildlebende Katzen, die sich unkontrolliert vermehrten, einzufangen.

Themenfoto Katzenbaby - © CCO Pixabay
Themenfoto Katzenbaby (© CCO Pixabay)

Schon seit 2010 gibt es in der Kreisstadt eine Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierpflicht für Freigänger. Die Gütersloher Politik reagierte damals auf das Drängen der Tierschützer, die das unkontrollierte Tierleid einzudämmen versuchten. Die Versorgung der Fundkatzen führe zu einem extremen Anstieg der Unterhaltungskosten für das Tierheim, so ein weiteres Argument. Die zunehmende Populationsdichte verursache zudem weitere Probleme, zum Beispiel die Gefährdung des Straßenverkehrs, die Dezimierung bestandsbedrohter Tierarten (unter anderem Singvögel), Verletzungen durch Revierkämpfe sowie die Belästigung der Bevölkerung durch streunende Katzen. All dies sind Gründe, warum Kommunen die Kastrationspflicht in ihre Ordnungsbehördliche Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung aufnehmen können.

Gütersloh tat es. Der Kreis forderte im September 2010 seine angehörigen Kommunen dazu ebenso auf. Im Vergleich zu vor zehn Jahren habe sich die Situation „leicht entspannt", sagt Anne Knechtl. „Aber es ist nicht ausreichend."

740 Fundkatzen nahm das Gütersloher Tierheim 2018 insgesamt auf; darunter waren etwa 60 Kitten. In diesem Jahr kamen die ersten Katzenbabys schon Ende März. Bis in den Herbst hinein rechnet die Tierheimleitung immer wieder mit Nachwuchs im Katzenhaus. Die Zeit der Trächtigkeit hätte sich allgemein verschoben und sei kaum mehr auf nur wenige Monaten beschränkt.

Die Einrichtung kommt deshalb regelmäßig an ihre Kapazitätsgrenze – vor allem im Sommer – und muss dementsprechend einen Aufnahmestopp für klassische Abgabetiere verhängen. „Ein Tierheim wurde geschaffen, um obdachlose Tiere zu versorgen", nennt Knechtl das Primärziel.

Themenfoto Katzenbaby - © CCO Pixabay
Themenfoto Katzenbaby (© CCO Pixabay)

Dabei könnte ein kleiner Eingriff für große Entlastung sorgen. Nach wie vor aber wüssten viele Katzenbesitzer nichts von der Vorschrift, so die Erfahrung des Tierheims. Werde der Besitzer unkastrierter Fundkatzen ermittelt, bekomme er vom Tierheim die Auflage zur Kastration und Kennzeichnung, die er innerhalb einer Frist erfüllen müsse. „In der Regel klappt das dann", sagt Knechtl.

Genauso wichtig wie die Kennzeichnung der Tiere sei die anschließende Registrierung. Nur so könne ein Fundtier an seine Besitzer auch zurückgegeben werden. Aus Sicht von Anne Knechtl ist insgesamt mehr Informationsarbeit erforderlich – seitens der Kommunen und der Tierärzte.

So reagieren die Kommunen im Altkreis:

Werther ohne Pflicht:

Eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen gibt es in Werther nicht. Die Stadt sieht aktuell keine Notwendigkeit dafür, so das Ordnungsamt. Mit geschätzt nicht mehr als 15 Fundkatzen im Jahr hält sich die Zahl in Grenzen.

Bei der Unterbringung von Fundkatzen setzt man in der Böckstiegelstadt, ebenso wie de Nachbarn in Borgholzhausen, auf die Tierhilfe in Melle. Nach Ende des Vertrages mit dem Bielefelder Tierschutzverein hat sich Werther zu dieser Alternative entschieden. Die Kooperation läuft nach Angaben von Jürgen Pilgrim, Fachbereichsleiter für das Ordnungs- und Sozialwesen, „sehr gut".

Fundkatzen werden in der Regel bei der Stadt abgegeben, von einem Tierarzt untersucht und dann vom Bauhof zur Meller Tierhilfe gebracht. Je nach Aufwand zahlt Werther dem Verein zwischen 500 und 1.500 Euro im Jahr. (tas)

Borgholzhausen mit neuem Partner:

2016 wurde in der Lebkuchenstadt die Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Freigänger-Katzen eingeführt. Ausnahme sind, wie andernorts oft auch, Rassezuchtkatzen. Kontrollen werden von der Stadtverwaltung nur selten durchgeführt. „Wir wollen nicht herumlaufen und Katzen fangen", heißt es. (tas)

Stattdessen setzt man in Borgholzhausen auf die „sehr gute, unbürokratische Zusammenarbeit" mit der Tierhilfe Melle, die seit 2016 besteht. Der Vertrag mit dem Bielefelder Tierschutzverein war seinerzeit nach der Kostensteigerung nicht verlängert worden. In Problemfällen, beispielsweise im Umfeld eines Bauernhofes, kontaktiere die Verwaltung die Tierhilfe im niedersächsischen Nachbarort, die sich dann um eine Fang-Aktion kümmere. Circa 15 Fundkatzen werden der Stadt im Jahr gemeldet, um die sich Meller Tierschützer kümmern. Gezahlt wird nur pro Fall und tatsächlichem Aufwand. Borgholzhausen ist mit dieser Lösung mehr als zufrieden.

Halle zeigt sich solidarisch:

In Halle besteht für Freigänger-Katzen ab dem fünften Lebensmonat eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht durch Mikrochip oder Tätowierung. „Wir arbeiten weiterhin mit dem Tierheim Bielefeld zusammen", erklärt Anke Hanke von der Stadt Halle. Früher wurde eine Gebühr pro Katze gezahlt und das Tierheim nahm maximal 15 Katzen auf. „Meistens sind es jedoch mehr als 15 Katzen im Jahr, so dass es oft eng wurde", sagt Hanke.

Man sei daher mit der neuen, seit Mai 2016 gültigen Regelung, nach der ein fixer Betrag pro Einwohner gezahlt wird, sehr zufrieden. Während Versmold direkt einen Euro pro Tier zahlte, handelte Halle zunächst einen nur halb so teuren Tarif aus. Dieser wurde jedoch im Mai 2018 angeglichen, so dass auch in Halle seitdem pro Jahr ein Euro pro Bürger an das Tierheim fließen. Im Gegenzug kann die Stadt beliebig viele Fundkatzen abgeben.

Gezielt gegen eventuelle Verstöße geht die Stadt nicht vor. „Wir verfolgen jedoch Hinweise aus der Bevölkerung und lassen uns dann auch mal einen Kastrationsnachweis zeigen", sagt Hanke. Bußgelder seien bisher nicht verhängt worden. (upo)

Versmold sieht Verbesserung:

Mit fast 24.000 Euro lässt sich die Stadt Versmold die Versorgung von Fundkatzen jedes Jahr einiges kosten. Partner ist der Tierschutzverein Bielefeld, der mit der Versmolderin Martina Auhage zusammenarbeitet. Bis 2015 erfolgte die Abrechnung pro Fundkatze, mittlerweile zahlt die Stadt eine jährliche Pauschale von einem Euro pro Einwohner zuzüglich Mehrwertsteuer. Der Tierschutzverein hatte die Anpassung gefordert, um die Tierheimkosten für die Unterbringung von Fundkatzen zu decken. Insgesamt zahlt Versmold seit Bestehen des neuen Vertrages etwa doppelt so viel wie bei der alten Regelung.

Bei der Zahl der Fundkatzen hingegen ist eine rückläufige Zahl erkennbar. 2010 – vor Einführung der Kastrations- und Kennzeichnungspflicht vor Ort – zählte die Stadt 90 Fundkatzen aus Versmold. In den vergangenen fünf Jahren schwankte die Zahl zwischen 28 und 52. Ein Beleg für die Wirksamkeit der Kastrationspflicht?

„Der Erfolg ist leider nicht konkret messbar", heißt es dazu eher zurückhaltend aus dem Rathaus. Man stelle jedoch fest, dass ein Großteil der Fundtiere mittlerweile kastriert und gekennzeichnet sei. Früher musste das in fast sämtlichen Fällen durch den Tierschutz nachgeholt werden. Insofern sieht die Stadt in der neuen Regelung durchaus Verbesserung.

Und wie konsequent wird kontrolliert, ob Katzenbesitzer der Pflicht nachkommen? „Verstöße werden in der Regel durch Beschwerden bekannt", informiert die Pressestelle. Nach entsprechender Überprüfung werden die Halter aufgefordert, die Tiere kastrieren und kennzeichnet zu lassen – und müssen dies durch Nachweise belegen. (tas)

Steinhagen in Eigenregie:

Steinhagen kommt ebenso wie Werther ohne Kastrations- und Kennzeichnungspflicht aus. Die Gemeinde spricht Besitzern lediglich eine entsprechende Empfehlung aus.

Bei der Unterbringung von Fundtieren arbeitet man – anders als die vier anderen Altkreiskommunen – nicht mit einem Tierschutzverein zusammen. Ansprechpartner sind stattdessen Tierpensionen, die nach tatsächlichem Aufwand bezahlt werden. Bei Katzen sind dies pro Tag in der Regel zehn Euro.

Der Vertrag mit dem Tierschutzverein Bielefeld war 2016 nicht neu abgeschlossen worden. Grundsätzlich wäre die Gemeinde bereit gewesen, höhere Kosten für die Versorgung von Fundtieren zu bezahlen. Allerdings sollte damals die jährliche Anzahl begrenzt werden. Steinhagen spielte zu diesen Konditionen nicht mit – und kümmert sich seitdem in Eigenregie. Weiterer Aspekt der Entscheidung: Aus Steinhagener Sicht seien die Vorgaben des Tierheims zur Abgabe oft zu streng, man selbst sei „liberaler". (tas)

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