Den letzten Kaugummi-Automaten auf der Spur: Lohnt sich das Geschäft noch?

Nur zwei Kaugummi-Automaten hat Redakteurin Melanie Wigger entdeckt. Ob das die letzten in Halle sind, wissen nicht mal die Behörden. Lohnt sich der Verkauf noch?

Melanie Wigger

An der Berliner Straße: Redakteurin Melanie Wigger versucht ihr Glück. Ob’s klappt? - © Andreas Frücht
An der Berliner Straße: Redakteurin Melanie Wigger versucht ihr Glück. Ob’s klappt? (© Andreas Frücht)

Halle. 50 Pfennig – ähm, Cent natürlich – fische ich aus meinem Portemonnaie. Ab damit in den Münzschacht. Eineinhalbmal drehe ich die Kurbel, höre die Münze fallen und hebe die kleine Metallkappe des roten Automaten an. Fast wie früher, wenn das Taschengeld in Plastikjuwelen und bunte Kaugummis investiert wurde.

Was wird sich wohl hinter der Klappe befinden? Eine Frage, die bei Kindern sogar das spätere Kaufverhalten beeinflussen könne, sagt Paul Brühl. Der Geschäftsführer des Verbands für Automaten-Fachaufsteller ist überzeugt, dass der Erfolg am Kaugummiautomaten – einst die klassische erste Kauferfahrung vieler Kinder – tief im Gedächtnis verankert bleibt. Scheitert dieser Einkauf, hinterlasse das tiefe Spuren. Studien dazu suche ich vergebens, doch den Schmerz eines Kindes beim Anblick des leeren Schachts kann ich teilen: Denn meine 50 Cent sind weg – für Nichts.

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Lebensmittelkontrolle an Automaten? Unrealistisch!

500 Meter entfernt finde ich am Gartnischer Weg den nächsten Automaten. Kurz darauf bin ich um 20 Cent erleichtert und halte eine große steinharte Kugel in der Hand, die ich auf gar keinen Fall kauen möchte. Wer weiß, wann dieser Automat das letzte Mal gereinigt wurde? Ein Anruf bei der Lebensmittelkontrolle im Kreis Gütersloh macht es nicht besser: Mit herzhaftem Lachen werde ich zurückgefragt, wie denn eine solche Kontrolle ablaufen soll? Etwa mit Sachbearbeitern, die mit Säcken voller Kleingeld durch die Region ziehen und nach Automaten suchen? Unrealistisch.

Ein Verzeichnis, wo die Süßigkeitenspender stehen, gibt es nicht. Weder beim Kreis noch bei der Stadt. Problematisch sei diese Lücke im Kontrollsystem jedoch nicht, erklärt Kreis-Sprecher Jan Focken: „Die Produkte sind nicht so leicht verderblich." Das bestätigt auch der Geschäftsführer des Automatenverbandes: „Es gibt kein Haltbarkeitsdatum für diese Sorte Kaugummi. Ihre besondere Konsistenz macht sie wetterfest."

Für die Behörden entscheidend ist nur, dass die Betreiber ihr Gewerbe am Wohnsitz anmelden, so Regina Bresser von der Stadt Halle. 26 Euro Verwaltungsgebühr und schon kann der Verkauf starten. Wo, was genau und mit wie vielen Automaten verkauft wird, spielt bei der Anmeldung keine Rolle. Deshalb kann die Stadt die Anzahl der Automaten in Halle nicht einmal schätzen, bestätigt die Fachbereichsleiterin für Bürgerdienste: „Wenn die Automaten auf privaten Flächen stehen, kriegen wir das gar nicht mit." Auch der Automatenverband kennt keine Zahlen. „Betriebsgeheimnis", sagt Paul Brühl. Auch die Einnahmen könne er nur schätzen. „10 bis 100 Euro im Jahr pro Automat – davon muss man Steuern, Fahrtkosten und die Provision für Hauseigentümer abziehen."

Wem welcher Automat gehört, ist in der Regel kein Geheimnis. Die Geräte sind mit Adresse und Telefonnummer versehen. Ich rufe den Betreiber an, der mir 50 Cent schuldet. Tagelang nimmt niemand ab. Deshalb fahre ich zu der angegebenen Adresse in ein Bielefelder Wohngebiet. Tatsächlich wohnt dort der von mir gesuchte Alexander Zettel. „Gehört Ihnen ein Kaugummiautomat in Halle?" „Da steht noch einer von mir?" fragt er stirnrunzelnd zurück. Erst kurz darauf erinnert er sich.

Eine Perlenkette und eine Glibberspinne

Die Automaten werden zwar noch gelegentlich von ihm gepflegt, aber sie sind längst kein gewinnbringendes Geschäft mehr. „Eigentlich sollte ich besser alle reinholen." Vor 20 Jahren habe er Hunderte gehabt. Hinzu kamen andere Waren wie Zigaretten. Zu viert seien sie täglich zum Auffüllen durch die Region gefahren. „Die goldenen Zeiten sind vorbei!"

Heute hat Alexander Zettel noch rund 20 Geräte im Einsatz. Die anderen wurden größtenteils von Dieben und Vandalen zerstört. „Etwa 350 Strafanzeigen habe ich im Laufe der Jahre erstattet. Aber die meisten Verfahren wurden eingestellt. Vor Gericht gilt sowas als Bagatelle." Als Unternehmer habe es ihn jedoch sehr belastet. Die kriminelle Energie gehe so weit, dass manche Diebe die kompletten Automaten aus der Bodenverankerung reißen und mitnehmen, sagt er. „Heute bemühe ich mich in solchen Fällen gar nicht mehr."

Ab und zu wartet der Ruheständler seine Automaten noch – „aus Pflichtgefühl heraus". Das Gerät in Halle wolle er sich in Kürze mal ansehen, verspricht er zum Abschied. Bevor ich gehe, drückt er mir zwei Plastikkapseln in die Hand. Als Entschädigung für meinen fehlgeschlagenen Einkauf. In der Redaktion präsentiere ich stolz ein neues Perlenkettchen und eine Glibberspinne. Fast wie früher.

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