300 Jahre Stadtrechte, 400 Gäste und ein großer Festakt

In der Aula des KGH wird gefeiert, dass Borgholzhausen, Halle, Versmold und Werther vor 300 Jahren Stadtrechte verliehen wurden. Dabei könnte der Grund dafür auch für Trübsinn sorgen, wie ein Redner mit einem Schmunzeln erklärt

Marc Uthmann

Stolz auf die Region: Michael Meyer-Hermann (von links), Anne Rodenbrock-Wesselmann, Heimatministerin Ina Scharrenbach, Dirk Speckmann und Marion Weike – eingerahmt von barock gewandeten Tänzern. - © Marc Uthmann
Stolz auf die Region: Michael Meyer-Hermann (von links), Anne Rodenbrock-Wesselmann, Heimatministerin Ina Scharrenbach, Dirk Speckmann und Marion Weike – eingerahmt von barock gewandeten Tänzern. (© Marc Uthmann)

Halle. Nun ist Prof. Dr. Werner Freitag, Historiker der Universität Münster, keineswegs als Spaßverderber nach Halle gekommen. Aber der Experte vom Institut für vergleichende Städtegeschichte muss doch einmal klarstellen, dass König Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg-Preußen Städte ernannte, weil er Steuern kassieren wollte.

Und zwar, um sein Heer zu finanzieren. „Aus der Perspektive des Steuerzahlers ist das nicht gerade ein Grund zum Feiern", sagt Freitag und fügt listig an: „Und Sie alle wissen: Steuern, die irgendwann einmal eingeführt worden sind, zeichnen sich durch eine lange Dauer aus." Jetzt hat er die Lacher im Publikum auf seiner Seite.

Der große Festakt für die "300 Jahre Stadtrechte"-Feier

Farben und Formationen: Die Haller Barocktanzgruppe »Le Grand Plaisir« läutete den Festakt mit einer musikalischen Zeitreise ein. - © Marc Uthmann
Farben und Formationen: Die Haller Barocktanzgruppe »Le Grand Plaisir« läutete den Festakt mit einer musikalischen Zeitreise ein. (© Marc Uthmann)

Ohnehin nehmen die Gäste die kühlen Motive des Preußenkönigs nicht so schwer. Denn erstens ist der Abend viel zu schön, um Trübsal zu blasen: Schon die vor Beginn des Festakts durch den Saal flanierenden Damen und Herren der Barocktanzgruppe haben mit ihren üppigen Kostümen Eindruck gemacht und die vergnügliche Zeitreise eingeläutet. Und zweitens wissen alle Anwesenden längst, dass die Stadtrechte viel mehr als Steuereinnahmen bedeuten – sie haben den vier Altkreiskommunen in den vergangenen Jahrhunderten eine Identität geschaffen.

Ein Lob an die engagierten Ehrenamtlichen

Findet auch NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach, die sich in ihrer Ansprache an die Menschen in der Region richtet, die sich vor allem im Ehrenamt für ihre Kommune stark machen. Ehre – ein Begriff, den die Ministerin für ihr Publikum entschlüsselt. Das erste E stehe für Engagement, das H für Hoffnung, welche die Menschen der Region gäben, das R für den Respekt, der ihnen gebühre, und das zweite E für den Einsatz, den sie zeigten. „Feiern Sie rauschend", ruft die Ministerin dem Publikum zu.

Stolz auf ihre Städte: Rolf Westheider (Stadtarchivar Versmold und Borgholzhausen, von links), Janine Thannhäuser (Stadtmarketing Halle) und Susanne Debour (Kulturbüro Halle). - © Marc Uthmann
Stolz auf ihre Städte: Rolf Westheider (Stadtarchivar Versmold und Borgholzhausen, von links), Janine Thannhäuser (Stadtmarketing Halle) und Susanne Debour (Kulturbüro Halle). (© Marc Uthmann)

Und die Gäste – unter ihnen der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Ralph Brinkhaus, die Detmolder Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl, der SPD-Landtagsabgeordnete Georg Fortmeier sowie die stellvertretende Landrätin Elke Hardiek mit Sohn Alexander – bekommen diesbezüglich einiges geboten.

„Stellen Sie sich anstelle der Bühne einen Barockgarten als Kulisse vor", empfiehlt Moderator Mario Alexander Unger, ehe die Haller Barocktanzgruppe »Le Grand Plaisir« zu ihrem Auftritt auf die Bühne kommt.

Bürgermeister schwärmen von ihren Städten

In ihren farbenfrohen, ausladenden Gewändern zeigt sie einige Formationstänze, und in Kombination mit zeitgenössischer Musik kann das von Unger beschriebene Bild vor dem inneren Auge entstehen.

Direktheit ist hingegen von den heimischen Bürgermeistern gefragt, die in einer kurzen Fragerunde über die Vorzüge ihrer Städte schwärmen und die Bedeutung der vor 300 Jahren verliehenen Rechte einordnen dürfen. Besonders für Halles Verwaltungschefin Anne Rodenbrock-Wesselmann sind die Folgen noch heute sichtbar: „Wir haben bei uns noch die alten, stattlichen Handelshäuser. Die Haller Kaufleute wurden damals reich – und haben hohe Steuereinnahmen ermöglicht."

Versmolds Bürgermeister Michael Meyer-Hermann betont hingegen den Fleiß der Bewohner seiner Stadt, aus wenig viel zu machen. „Wir haben nicht die besten Böden und darum damals auf den Flachsanbau und die Leinenproduktion gesetzt." Erst nach der Industrialisierung habe man erneut aus der Not eine Tugend gemacht und sich zur Fleischstadt gewandelt.

Nicht um die Wurst, sondern um die hohe Kunst der Stimmen geht es beim kraftvollsten Programmpunkt des Abends: Reiner Beinghaus und sein Opernchor füllen die Aula mit der vollen Inbrunst ihres Gesangs – eingangs des Auftritts hat der Maestro huldvoll die Hände der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister geschüttelt. Spätestens jetzt ist klar: Stadt ist viel mehr als Steuer, sie ist etwas, das Stolz schafft.

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