Das sind unsere starken Marken aus der Region

Marc Uthmann

Wirtschaftliche Entwicklung: Mit der Vergabe der Stadtrechte fielen 1719 Handelsbeschränkungen weg. Das bewegte viele Kaufleute zum Bleiben und zog weitere an – der Grundstein für das Entstehen starker Familienunternehmen

Eine Erfolgsgeschichte: Storck ist durch seine Süßwaren nicht nur in Deutschland, sondern weltweit beliebt. - © HK
Eine Erfolgsgeschichte: Storck ist durch seine Süßwaren nicht nur in Deutschland, sondern weltweit beliebt. (© HK)

Halle. Alles beginnt 1903 mit einem Kessel und drei Arbeitern. Und zwar nicht in Halle, wo heute ein Weltkonzern seinen Sitz hat, sondern in Werther: Hier gründet August Storck – genannt Oberwelland – die »Werthersche Zuckerwarenfabrik«. Das Unternehmen wächst schnell, liefert im gesamten westfälischen Raum aus – bis der Erste Weltkrieg die Erfolgsgeschichte zunächst jäh unterbricht.

1934 beginnt die Geschichte der Marken bei Storck – es ist Hugo Oberwelland, Sohn des Gründers, der die »Storck 1 Pfennig RIESEN« erfindet. Sie verdrängen die bis dahin namenlosen Klümpchen. Es soll trotz stetigen Wachstums des Unternehmens bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauern, ehe die zweite Marke die Storck-Familie bereichert: 1953 erscheint »Mamba« auf der Bildfläche.

"nimm2" ist jahrelang das meistverkaufte Bonbon Deutschlands

Die 1960er-Jahre markieren ein goldenes Zeitalter der Innovation bei Storck. Diese Erfolge sind eng mit dem Namen Dr. Geert Andersen verbunden. 1955 wirbt Hugo Oberwelland ihn als Forschungs- und Labordirektor von Bayer ab – unter seiner Regie entstehen Marken wie Merci, Toffifee oder Werther’s Echte – das Bonbon baut mit seinem Namen die Brücke zum Gründungsort des Unternehmens. Die Entwicklung von »nimm2« (1962) gilt allerdings bis heute als Andersens größter Coup, weil er es schafft, empfindliche Vitamine in eine heiße Bonbonmasse einzuarbeiten. Jahrelang ist »nimm2« daraufhin Deutschlands meistverkauftes Bonbon. Merci (1965), Campino (1966) und Werther’s Echte (1969) (heute: Werther’ s Original) mehren Storcks Markenruhm darüber hinaus – das Unternehmen wächst weiter und baut einen zweiten Produktionsstandort in Berlin auf.

Zu Beginn des neuen Jahrzehnts übernimmt Klaus Oberwelland 1971 die Verantwortung bei Storck. Die 1970er-Jahre sind geprägt von der Toffifee-Einführung (1973). Mit der nächsten Schokoladenspezialität stellt sich der Haller Süßwarenhersteller noch breiter auf und macht sich vor allem zukunftssicher. Denn während andere Unternehmen in Wohl und Wehe mitunter von einem Produkt abhängig sind, kann Storck auf zahlreiche starke Marken und Produktfamilien bauen. Das ist letztlich auch dem konsequenten Einsatz von Werbemaßnahmen zu verdanken, der sich als grundlegende Strategie durch die Unternehmensgeschichte zieht.

Knoppers als Nussriegel ist ein weiterer Coup für Storck

Und der Innovationshunger des Süßwarenriesens ist noch lange nicht gestillt: 1983 kommt »Knoppers« auf dem Markt, vom Unternehmen als „Milch-Haselnuss-Schnitte" bezeichnet, 1985 folgt der Schaumkuss »Dickmann’s«. All die Produkte müssen für den Weltmarkt produziert werden – 1993 expandiert Storck mit einem Werk in Ohrdruf (Thüringen). Herz und Ideenschmiede das Konzerns bleibt allerdings Halle. Hier kochen die meisten Kessel, hier wächst nach und nach »die Fabrik im Grünen« heran. Und mit »Knoppers« als Nussriegel gelingt auch Axel Oberwelland (Chef seit 2003) in vierter Generation ein echter Markencoup. Gut 6.000 Mitarbeiter, ein geschätzter Jahresumsatz von 2,7 Milliarden Euro und Werbemaßnahmen von rund 130 Millionen Euro jährlich – Storcks starke Marken haben eine Erfolgsgeschichte geschaffen. Weitere Kapitel sind bestimmt in Planung.

Siegeszug begann mit Steffi Graf
Siegeszug begann mit Steffi Graf
(© Gerry Weber World)
Halles berühmter Modekonzern macht gerade die schwerste Krise seiner Geschichte durch. Produkte, Immobilien, Sponsoring – alles steht auf dem Prüfstand. Ohne Frage haben Gerhard Weber und Udo Hardieck (†) jedoch eine unverwechselbare Marke geschaffen. Und die beiden Unternehmer gingen dabei ganz neue Wege. 1973 gründeten sie das Modeunternehmen als Hatex KG und ihr Ziel war es, Damenhosen zu produzieren und zu verkaufen. 1986 folgte dann der unternehmerische Schritt, der dem Modekonzern weltweite Bekanntheit verschaffte und eine ganz neue Marke etablierte: Das Label Gerry Weber wurde entwickelt und parallel dazu ein Sponsoringvertrag mit Steffi Graf geschlossen.
Es war die erste Etappe auf dem Weg zu einer in dieser Form sicherlich einzigartigen Verknüpfung von Marke und Sport. 1993 wird die Tennisarena Gerry Weber Stadion eröffnet, verbunden mit dem Startschuss für das Profiturnier Gerry Weber Open. Die Modemarke wird mit Spitzensport assoziiert, es ist der Beginn eines Siegeszuges für den Konzern. Der ist nun vorerst beendet – und mit ihm vielleicht auch die namentliche Verbindung zu Turnier und Stadion.
Nagel steht drauf – vieles ist drin
Nagel steht drauf – vieles ist drin
www.andrezelck.com)
All die starken Marken aus der Region, die in Familienunternehmen entstehen, müssen auch beim Kunden ankommen. Hierfür zeichnet eine Spedition verantwortlich, die sich mit Akribie und konsequenter Wachstumsstrategie selbst zu einer europaweit bekannten Marke entwickelt hat: die heute auf temperaturgeführte Lebensmitteltransporte spezialisierte Nagel-Group aus Versmold. Wer länger auf der Autobahn unterwegs ist und dabei keinen blauen Nagel-Schriftzug auf beigefarbenem Grund zu Gesicht bekommt, müsste entweder ein sehr unaufmerksamer Fahrer sein, oder es sich schlafend auf dem Beifahrersitz bequem gemacht haben.
Das 1935 gegründete Unternehmen hat mittlerweile einen Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Euro vorzuweisen, rund 7.000 Fahrzeuge und etwa 12.000 Mitarbeiter an mehr als 130 eigenen Standorten ermöglichen ein imposantes Logistiknetzwerk. Nagel ist in der Lage, mehr als 100.000 Sendungen täglich zu befördern.
Und wie so manche Erfolgsgeschichte begann auch diese ganz klein: Am 22. Mai 1935 gründeten Kurt und Rudolf Nagel die Spedition »Gebrüder Nagel«. Erstes Fahrzeug der Jungunternehmer: Ein 10-Tonnen-Lastzug der Marke Büssing. Nur wenige Monate später ersetzten sie das Fahrzeug durch einen 18-Tonner. Im darauf folgenden Jahr ergänzten die Brüder ihren Fuhrpark um einen gebrauchten MAN-Elftonner. Doch der Zweite Weltkrieg warf das junge Unternehmen weit zurück – mit nur einem Laster ging es 1945 wieder von vorn los.
Der Gewinn des Medienkonzerns Bertelsmann als Kunde im Jahr 1958 war sicherlich ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte, die fortan unaufhaltsam an Fahrt aufnahm. Niederlassung um Niederlassung wurde eröffnet und verdichtete das Nagel-Netzwerk, für das seit 1984 Kurt Nagel junior verantwortlich zeichnete. Mitte der 1990er-Jahre wagt Nagel die europäische Expansion nach Großbritannien und Skandinavien, es werden Gesellschaften in Italien und Österreich gegründet. Die Spedition wächst eben mit ihren erfolgreichen Kunden, erobert sich aber auch selbst zunehmend neue Märkte und Regionen.
Der überraschende Tod von Kurt Nagel junior mit nur 46 Jahren 2008 ist ein schwerer Schlag für den Familienkonzern. Seinen Expansionskurs führen die Verantwortlichen indes fort. Der blaue Nagel-Schriftzug soll also weiter ein vertrauter Blickfang auf den Autobahnen bleiben.
Eine Wurst fürs Wachstum
Eine Wurst fürs Wachstum
(© Jan Herrmann)
Es gibt Ideen, die können einem kleinen Betrieb den Weg zu einem Unternehmen mit 1.200 Mitarbeitern und 340 Millionen Euro Jahresumsatz ebnen. Hans Reinert hat diese Idee 1969 – er entwickelt aus der bäuerlichen Tradition die Sommerwurst. Sie trägt ihren Namen, weil sie einst vom letzten Frost bis zum Sommer reifen musste. Hans Reinert macht sie zum Aushängeschild des Betriebes. Das ist sie – der Bedeutung von SB-Theken zum Trotz – noch heute.
Klangvolle Spots
Klangvolle Spots
(© Nölke)
Gutfried, das ist gut für mich, oh ja« – mit diesem gesungenen Slogan für seine Geflügelfleischprodukte erobert der Versmolder Hersteller Nölke Ende der 1980er-Jahre den Markt. 1968 führte das Unternehmen eine Geflügelwurst ein und kreierte 1971 die Marke Gutfried. Starke Werbemaßnahmen begünstigten den Erfolg, neben dem Slogan trugen dazu auch TV-Spots mit Berühmtheiten wie Johannes B. Kerner und seiner damaligen Frau Britta maßgeblich bei.
Lecker und mit viel Herz ...
Lecker und mit viel Herz ...
(© HK)
Borgholzhausens Image als Lebkuchenstadt ist der Geschichte dieses Familienbetriebs zu verdanken. Die Firma Heinrich Schulze wird 1830 von Johann Heinrich Schulze gegründet – und ihre Tradition ließe sich wohl kaum besser belegen als mit dem Umstand, dass ihr Stammhaus in der Freistraße noch heute unverändert ist. Wurden die feinen Backwaren einst auf den umliegenden Märkten feilgeboten, wird der berühmte Lebkuchen heute am Haller Weg hergestellt.
Medaillensammler tragen Pikeur
Medaillensammler tragen Pikeur
(© Pikeur)
Deutsche Top-Reiter, die rund um den Globus mit ihren Pferden über die Hindernisse fliegen, tun das in Ausrüstung von Pikeur. Der Wertheraner Hersteller hat 2017 mit dem Deutschen Olympiade-Komitee in Warendorf einen Ausstattervertrag bis 2024 abgeschlossen. 130 Mitarbeiter arbeiten daran, Reiter und Pferd von Kopf bis Fuß einzukleiden. Ihre Arbeit wird durch die Erfolge der deutschen Spitzensportler weltweit bekannt. Das Renommee hat sich der Betrieb seit seiner Gründung 1964 hart und verlässlich erarbeitet.
Kiskers kluge Kaufleute
Kiskers kluge Kaufleute
(© Kisker)
Die Geschichte einer bekannten Brennerei begann einst mit Leinen. Was zunächst einmal seltsam klingt, macht mit Blick auf die Geschichte eines knapp 300 Jahre alten Familienunternehmens aus Halle aber durchaus Sinn.
Denn als Johann Anton Kisker aus Spenge 1732 die Haller Bürgermeistertochter Anna Maria Brune heiratete, übernahm er das Leinengeschäft – das spätere Kiskerhaus. Es entwickelte sich zum Handelshaus, zu dessen Gütern schnell auch Branntwein und Tabak zählten. Der Grundstein war gelegt.
Von 1810 bis 1813 verlief die Grenze zwischen dem Kaiserreich Frankreich und dem Königreich Westfalen mitten durch Halle, was kluge Kaufleute wie Wilhelm Kisker in der dritten Generation wirtschaftlich zu nutzen wussten. Er wandelte den Unternehmenszweck vom Handel zur eigenen Produktion und modernisierte die Branntweindestillation.
Eduard Kisker trat 1878 in die Firma ein und entwickelte die industrielle Fabrikation weiter. 1884 und 1904 baute er zwei Brennereien. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Wilken Christoph Kisker und Herbert Kisker den Betrieb neu aufbauen. In den Jahren 1978 und 1979 forcierte Cornelius Kisker Planung und Bau des neuen Betriebes in Künsebeck.
Dort werden heute auf 17.000 Quadratmetern Fläche jährlich vier Millionen Flaschen produziert. Was sich aus Leinen so entwickelt ...

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Das sind unsere starken Marken aus der RegionWirtschaftliche Entwicklung: Mit der Vergabe der Stadtrechte fielen 1719 Handelsbeschränkungen weg. Das bewegte viele Kaufleute zum Bleiben und zog weitere an – der Grundstein für das Entstehen starker FamilienunternehmenMarc UthmannHalle. Alles beginnt 1903 mit einem Kessel und drei Arbeitern. Und zwar nicht in Halle, wo heute ein Weltkonzern seinen Sitz hat, sondern in Werther: Hier gründet August Storck – genannt Oberwelland – die »Werthersche Zuckerwarenfabrik«. Das Unternehmen wächst schnell, liefert im gesamten westfälischen Raum aus – bis der Erste Weltkrieg die Erfolgsgeschichte zunächst jäh unterbricht. 1934 beginnt die Geschichte der Marken bei Storck – es ist Hugo Oberwelland, Sohn des Gründers, der die »Storck 1 Pfennig RIESEN« erfindet. Sie verdrängen die bis dahin namenlosen Klümpchen. Es soll trotz stetigen Wachstums des Unternehmens bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauern, ehe die zweite Marke die Storck-Familie bereichert: 1953 erscheint »Mamba« auf der Bildfläche. "nimm2" ist jahrelang das meistverkaufte Bonbon Deutschlands Die 1960er-Jahre markieren ein goldenes Zeitalter der Innovation bei Storck. Diese Erfolge sind eng mit dem Namen Dr. Geert Andersen verbunden. 1955 wirbt Hugo Oberwelland ihn als Forschungs- und Labordirektor von Bayer ab – unter seiner Regie entstehen Marken wie Merci, Toffifee oder Werther’s Echte – das Bonbon baut mit seinem Namen die Brücke zum Gründungsort des Unternehmens. Die Entwicklung von »nimm2« (1962) gilt allerdings bis heute als Andersens größter Coup, weil er es schafft, empfindliche Vitamine in eine heiße Bonbonmasse einzuarbeiten. Jahrelang ist »nimm2« daraufhin Deutschlands meistverkauftes Bonbon. Merci (1965), Campino (1966) und Werther’s Echte (1969) (heute: Werther’ s Original) mehren Storcks Markenruhm darüber hinaus – das Unternehmen wächst weiter und baut einen zweiten Produktionsstandort in Berlin auf. Zu Beginn des neuen Jahrzehnts übernimmt Klaus Oberwelland 1971 die Verantwortung bei Storck. Die 1970er-Jahre sind geprägt von der Toffifee-Einführung (1973). Mit der nächsten Schokoladenspezialität stellt sich der Haller Süßwarenhersteller noch breiter auf und macht sich vor allem zukunftssicher. Denn während andere Unternehmen in Wohl und Wehe mitunter von einem Produkt abhängig sind, kann Storck auf zahlreiche starke Marken und Produktfamilien bauen. Das ist letztlich auch dem konsequenten Einsatz von Werbemaßnahmen zu verdanken, der sich als grundlegende Strategie durch die Unternehmensgeschichte zieht. Knoppers als Nussriegel ist ein weiterer Coup für Storck Und der Innovationshunger des Süßwarenriesens ist noch lange nicht gestillt: 1983 kommt »Knoppers« auf dem Markt, vom Unternehmen als „Milch-Haselnuss-Schnitte" bezeichnet, 1985 folgt der Schaumkuss »Dickmann’s«. All die Produkte müssen für den Weltmarkt produziert werden – 1993 expandiert Storck mit einem Werk in Ohrdruf (Thüringen). Herz und Ideenschmiede das Konzerns bleibt allerdings Halle. Hier kochen die meisten Kessel, hier wächst nach und nach »die Fabrik im Grünen« heran. Und mit »Knoppers« als Nussriegel gelingt auch Axel Oberwelland (Chef seit 2003) in vierter Generation ein echter Markencoup. Gut 6.000 Mitarbeiter, ein geschätzter Jahresumsatz von 2,7 Milliarden Euro und Werbemaßnahmen von rund 130 Millionen Euro jährlich – Storcks starke Marken haben eine Erfolgsgeschichte geschaffen. Weitere Kapitel sind bestimmt in Planung.