A33: Der lange Kampf um die Autobahn kostete viel Kraft

Jetzt haben es Borgholzhausen, Halle, Versmold und Werther sogar auf die Hinweistafeln einer Autobahn geschafft. Ein langer Kampf endete in einem Kompromiss, der seine Tragfähigkeit für Mensch und Natur noch beweisen muss

Andreas Großpietsch

Krieg den Palästen: Doch auch in den Hütten wurde aufmerksam gelesen, was das Haller Kreisblatt zur A 33 geschrieben hat. Foto: Privat - © Privat
Krieg den Palästen: Doch auch in den Hütten wurde aufmerksam gelesen, was das Haller Kreisblatt zur A 33 geschrieben hat. Foto: Privat (© Privat)

Altkreis Halle. „Also ich werd’ das wohl nicht mehr erleben, dass diese Autobahn mal fertig wird" – das ist ein Satz, der im Altkreis Halle oft gefallen ist. Doch inzwischen ist es sehr still um ihn geworden. Die Zeit bis zur Fertigstellung zählt allerhöchstens noch nach Wochen und Monaten. Und der Spottname A 2033 als Anspielung auf das geschätzte Jahr der Fertigstellung wird bald in Vergessenheit geraten sein. Mit den geflügelten Worten wird auch die Erinnerung an den schier endlosen Streit um den Bau dieser Straßenverbindung in Vergessenheit geraten. Ein oft erbitterter Streit, in den Menschen Jahre ihres Lebens investiert haben.

Als vor wenigen Wochen das »Aktionsbündnis A 33 sofort« seine Auflösung beschloss, ging ein weiteres Kapitel der langen, wechselvollen Geschichte der Auseinandersetzung um diesen Verkehrswegs (fast) zu Ende. Fast, weil als quasi letzte offizielle Handlung des Vereins die Fertigstellung des letzten Teilstücks der Autobahn gefeiert werden soll. Wann immer es in diesem Jahr auch so weit sein wird, denn der ausführende Landesbetrieb Straßen.NRW lässt sich bislang noch kein Datum entlocken, das genauer als „Ende 2019" ist.

Bemerkenswert war die Stimmung unter den Mitgliedern des Aktionsbündnisses, die zur letzten Versammlung gekommen waren. Triumphgefühle angesichts der Tatsache, dass man sich doch auf der Gewinnerseite einordnen kann, waren nicht auszumachen. Denn die Schattenseiten des Bauwerks sind auch für glühende Anhänger des Automobils nicht zu verkennen. Die nur langsam abebbende Welle des Aufbegehrens gegen die Lärmbelästigung durch die Autobahn in Steinhagen ist dort eher einem Gefühl der Resignation gewichen. Seinen Frieden mit den Verhältnissen zu machen, fällt schwerer, wenn diese Verhältnisse so lautstark auf sich aufmerksam machen.

In absehbaren Zeiträumen wird sich an der vielfältigen Präsenz der A 33 nichts ändern. Ihr Grundrauschen wird zu einem Teil der alltäglichen Lärmbelastung in weiten Teilen der Städte werden, durch die ihre Schneise geschlagen wurde. Zu übersehen ist das Bauwerk ohnehin nicht. Dem steht die Entlastung anderer Straßen, vor allem natürlich der B 68, gegenüber. Gerade in Halle sind die Zeichen einer beginnenden neuen Blüte entlang dieser Verkehrsachse unverkennbar. Dass dabei alte Häuser dem Abriss zum Opfer fallen, ist ein Punkt, der für intensive Diskussionen sorgt.

Der Kampf um die A 33 wurde in erster Linie mit Worten ausgetragen

Immerhin ist das Versprechen der Befürworter eingelöst worden, dass mit dem Bau der Autobahn auch ganz unweigerlich ein wirtschaftlicher Aufschwung einhergehen wird. Dabei spielt natürlich die gute bis ausgezeichnete konjunkturelle Lage Deutschlands eine entscheidende Rolle. Der dafür zu zahlende Preis, der viele Menschen überrascht, ist der schier unaufhaltsame Flächenverbrauch – am eindrucksvollsten zu erkennen an der Entwicklung der Firma Storck.

Der Haller Süßwarenhersteller nutzt die Chance, sich bis zur Autobahn auszudehnen. Etliche frühere Waldflächen sind dem bereits zum Opfer gefallen, bei weiteren wird das gerade planerisch vorbereitet. Das Unternehmen erweitert sich auf eigenen Flächen, die von den Behörden vor Ort und auf höherer Ebene von Wald direkt zu Industriegebiet umgewandelt werden. Die Behörden rechtfertigen ihre Entscheidungen damit, dass die Verwirklichung dieser Pläne an einem anderen Standort noch mehr Fläche verbrauchen würde, weil in Halle viel vorhandene Infrastruktur für die Erweiterungen genutzt werden kann. Ein stichhaltiges Argument, gegen das es wenig Widerstand gibt.

Der Kampf um die Autobahn hat auf beiden Seiten viel Kraft gekostet. Manche Menschen gingen so weit, dass sie mit einem Leben im Hüttendorf den Bau verhindern wollten. Auf der anderen Seite wurde eine Demonstration organisiert, bei der vor allem viele konservativ eingestellte Menschen erstmals in ihrem Leben Erfahrungen mit dem Thema Straßenkampf machten – auch wenn es natürlich keine körperlichen Auseinandersetzungen gab.

Denn die Auseinandersetzung um den Bau oder Nichtbau war immer vor allem ein Krieg der Worte. Endlose Leserbriefschlachten, ungezählte Artikel, Appelle an die eine oder andere Seite: Es gibt kein einziges Projekt in den letzten 300 Jahren, über das so lange und so ausdauernd gestritten worden ist.

Am Ende gibt es eine wichtige Erkenntnis: Lässt man den Profis des Planungsrechts genug Zeit und Mittel, so ist der einfache Bürger auch mit dem größten Engagements trotz aller demokratischen Mitwirkungsrechte machtlos. Beim gescheiterten ersten Versuch, die Autobahn mitten durch den Tatenhauser Wald zu planen, wurde den Planungsverantwortlichen allerdings ein so hohes Ziel gesetzt, dass offensichtliche grobe Fehler nicht zu vermeiden waren.

Beim zweiten Versuch klappte es dann deutlich besser. Den Durchbruch brachte allerdings eine Verhandlung auf Augenhöhe, bei der Kompromisslinien gefunden wurden, die ihre Tauglichkeit erst noch unter Beweis stellen müssen. Immerhin, die historisch bedeutenden Bauwerke in Tatenhausen, Stockkämpen und Holtfeld wurden so vor dem Schlimmsten bewahrt. Was langfristig von der Natur übrig bleibt, ist jetzt noch nicht abzusehen.

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