Bildung für alle: Seit 100 Jahren gibt es die Volkshochschule in Halle

Detlef Hans Serowy -->

Dieses Mal in unserer Nahaufnahme: 1919 wird die Volkshochschule Halle gegründet. Damals ein Quantensprung bei der Demokratisierung und auf dem Weg hin zur Chancengleichheit der Menschen

Hartmut Heinze, der heutige Leiter der Volkshochschule Ravensberg. - © Detlef Hans Serowy 100 Jahre VHS in Halle. Die ersten Seiten aus dem VHS-Programm von 1957/58. Foto: Detlef Hans Serowy - © Detlef Hans Serowy 100 Jahre VHS in Halle. Foto: Martin Wiegand - © Martin Wiegand 100 Jahre VHS in Halle. Foto: Martin Wiegand - © Martin Wiegand 100 Jahre VHS in Halle. Foto: Martin Wiegand - © Martin Wiegand 100 Jahre VHS in Halle. Foto: Martin Wiegand - © Martin Wiegand 100 Jahre VHS in Halle. Foto: Martin Wiegand - © Martin Wiegand 100 Jahre VHS in Halle. Foto: Martin Wiegand - © Martin Wiegand

Halle. Bildung für alle – dieses Motto gilt seit 100 Jahren unverändert für die Volkshochschule in Halle. Heute klingt das nicht spektakulär, damals war der Ansatz revolutionär. Bildung war im Kaiserreich höheren Ständen und gehobenen Bürgern vorbehalten. Die Weimarer Republik reißt ab 1918 mit ihrer demokratischen Verfassung viele ständische Schranken ein.

„Es begann eine Demokratisierungsoffensive", betont Hartmut Heinze. Er nennt das Frauenwahlrecht und auch die Volkshochschulen, die in der Weimarer Verfassung begründet werden. Überparteilich, unabhängig, überkonfessionell und gemeinnützig sollten sie sein, zitiert er das Gesetz. „Außerdem sollten die Volkshochschulen laut Verfassung öffentlich gefördert werden", fügt der Leiter der VHS Ravensberg hinzu. „Wie heute auch." Erstaunlich, was da schon formuliert worden sei. Am Grundgedanken habe sich überhaupt nichts geändert. Dieser Gedanke zündete offenbar schnell.

Info

Die Volkshochschulen

In Deutschland gibt es 905 Volkshochschulen mit 3.000 Außenstellen. Sie sind in 16 Landesverbänden und einem Dachverband organisiert. Neun Millionen Teilnehmer nutzen Angebote der VHS in jedem Jahr. Es werden dabei 16,8 Millionen Unterrichtsstunden von mittlerweile 192.000 Kursleitern erteilt. Laut einer Umfrage kennen 77 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung die VHS. Damit liegt die Bildungseinrichtung nicht weit hinter den großen Marken Sparkasse, Edeka und AOK. Das vielfältige Angebot, das Engagement in den Kommunen, das Preis-Leistungsverhältnis und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung werden positiv bewertet. Acht von zehn Teilnehmern empfehlen die VHS weiter. Sie profitiert laut Umfrage von ihrer guten Erreichbarkeit, ihrer Außendarstellung, von ihren als kompetent empfundenen Mitarbeitern und von der guten technischen Ausstattung. Seit 2013 gibt es eine einheitliche Dachmarke der VHS.

Räume sind knapp

Die Volkshochschule Ravensberg wird heute von den Kommunen Halle, Borgholzhausen, Steinhagen, Werther und Versmold getragen. Seit 1976 gibt es diesen Zweckverband für die Weiterbildung. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es – unterbrochen von der Gleichschaltung durch das NS-Regime – die VHS in Halle gegeben. Dort hat die Weiterbildungseinrichtung auch heute noch ihren Hauptsitz.

Die VHS beschäftigt derzeit 14 Mitarbeiter, davon drei in Vollzeit. Die etwa 400 Angebot pro Semesterhalbjahr werden von aktuell 250 Referenten gestaltet. In Werther nutzt die VHS das Storck-Haus und in Steinhagen gibt es das VHS-Gesundheitsforum. Räume seien das größte Problem der Volkshochschule Ravensberg, so der Leiter Hartmut Heinze. Anlaufstellen vor Ort seien wichtig und erhöhten die Akzeptanz, erklärt er. Trotzdem sieht Hartmut Heinze die VHS „sehr gut" von der Politik in den Trägerkommunen unterstützt.

Es dauerte nur ein Jahr, bis der neue Geist auch in Halle wirkte. „Die ersten Veranstaltungen der Volkshochschule Halle hat es Anfang 1920 gegeben", sagt Hartmut Heinze. Die Gründung müsse „irgendwann" 1919 erfolgt sein, so der 63-Jährige Lehrer für Deutsch und Geschichte. Heinze ist stolz auf die Volkshochschulgeschichte und ihren Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft. Im Archiv des Haller Kreisblattes lassen sich ihre Aktivitäten gut nachvollziehen. „Die Artikel bringen es sehr gut auf den Punkt", kommentiert Heinze einen Bericht in der Heimatzeitung.

Bildung für Arbeiter, Landwirte und Handwerker

„Die Massen des Volkes, die jahrelang im Felde wie in der Heimat schwere Opfer haben bringen müssen, verlangen Aufbesserung nicht nur auf materiellem, sondern auch auf geistigem Gebiet", heißt es da. Dieser Aufgabe habe sich die Volkshochschule gestellt und suche nun Hörer. Arbeiter, Landwirte, Handwerker, Angestellte, Beamte – überhaupt alle, die Bildungsdrang in sich spüren, ob hoch oder niedrig, sollten sich eintragen lassen. Frauen und Männer würden durch eine Reihe leicht verständlicher, lehrreicher Vorträge Gelegenheit zur Weiterbildung erhalten.

„Eine alte Sprache, aber ganz aktuell im Inhalt", findet Hartmut Heinze. Die Themen der ersten Vorträge lassen den 63-Jährigen schmunzeln. „Das könnte heute alles genau so laufen", stellt er fest. Die Titel müssten allerdings anders formuliert und die Themen wohl anders dargeboten werden. Amtshilfe aus Bielefeld bekam die VHS Halle bei ihrer ersten Veranstaltung am 10. Januar 1920. Da gab es ab 20 Uhr im Gemeindehaus einen Volksliederabend. Veranstalter war noch die Volkshochschule des Stadt- und Landkreises Bielefeld, Karten waren auch beim HK erhältlich. Konzertsängerin Frida Heidemann-Boge trug vor. Ihr Mann Wilhelm Heidemann hielt einen Einführungsvortrag und begleitete sie am Klavier. Auch damals war nicht jedes Angebot ein Erfolg. Der Abend sei nicht so gut besucht gewesen, wie man erwartet habe, schrieb der HK-Redakteur.

Das Haller Kreisblatt berichtete schon vor 100 Jahren über die VHS

Trotzdem startete die Volkshochschule Halle erfolgreich in ihr erstes Jahr. In den Vorträgen ging es etwa um »Das Weltbild im Wandel der Zeiten mit Lichtbildern«, die »Entstehung unseres Heimatbodens«, »Gesunde und kranke Lungen«" oder »Fritz Reuter mit Vorlesungen aus seinen Werken«. Die Resonanz war gut. „Die Zahl der für die Volkshochschule abgesetzten Hörerkarten ist in unserer Stadt eine über Erwarten große", schreibt das Haller Kreisblatt am 13. Februar 1920 und kündigte die erste eigene Veranstaltung der jungen VHS für den 16. Februar 1920 an.

Über »Die Entstehung und Entwicklung der Erde« spricht ein Bielefelder Lehrer. Ein unverändert aktuelles Thema, auch angesichts der ersten Fotos von einem schwarzen Loch im Weltall vor wenigen Tagen. Es werde nur Volksschulbildung vorausgesetzt, versprach der Artikel. „Man muss sich klarmachen, dass es damals in Halle außer der Volks- und der Höheren Privatschule keine Bildungseinrichtungen gegeben hat", betont Hartmut Heinze. Ein Gymnasium war in Bielefeld und die nächste Universität in Münster. „Bildung macht Menschen mündig."

Deshalb gilt heute wie damals: An den Kosten soll es nicht scheitern. „Wir können die Gebühren ermäßigen bis auf 50 Prozent." Das wurde bereits bei den ersten Kursen angeboten. „Eine breite Öffnung und soziale Indikation sind von Anfang an da", sagt Heinze, der die VHS seit 2011 leitet. Der Blick auf die Geschichte lässt ihn staunen. „Die Wurzeln wurden schon vor 100 Jahren gelegt, der demokratische Ansatz gilt bis heute, das ist eine ganz lange Linie", betont Hartmut Heinze. Vor allen Dingen gelte aber unverändert das Motto: Bildung für alle.

Hartmut Heinze, der heutige Leiter der Volkshochschule Ravensberg. - © Detlef Hans Serowy
Hartmut Heinze, der heutige Leiter der Volkshochschule Ravensberg. (© Detlef Hans Serowy)
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