Spaziergang über Skeletten

Uwe Pollmeier

Geschichtsträchtiges Haller Herz: Katja Kosubek alias Emma Stukemeier betritt mit den Kindern der 3 a der Grundschule Hörste den Haller Kirchplatz. - © Uwe Pollmeier
Geschichtsträchtiges Haller Herz: Katja Kosubek alias Emma Stukemeier betritt mit den Kindern der 3 a der Grundschule Hörste den Haller Kirchplatz. (© Uwe Pollmeier)

Halle. „Ist da eine Leiche drin?", fragt eines der Kinder und zeigt auf die Steinplatte, die an der seitlichen Außenwand der Johanniskirche lehnt. „Ne, die sind größer", antwortet ein Mitschüler. Katja Kosubek kennt die beruhigende Antwort. „Das ist eine Gruftplatte", erklärt die Historikerin. „Wer wurde denn darunter begraben", fragt sie weiter? „Anno", ruft ein Kind aus der 3 a der Hörster Grundschule, nachdem es die Inschrift des danebenstehenden Steinkreuzes gelesen hat.

Richtig wäre Johann Brune gewesen, aber der Anno-Zusatz verrät immerhin, dass der frühere Haller Bürgermeister von 1691 bis 1754 gelebt hat. Er war im Amt, als Halle vor 300 Jahren die Stadtrechte erhielt und genau das ist auch der Grund, warum Kosubek an diesem Vormittag als Haller-Willem-Tochter Emma Stukemeier verkleidet mitsamt Bollerwagen und 16 Drittklässlern durch die Innenstadt geht.

Stadtführung für Grundschüler

Die Leiterin des Virtuellen Museums Haller ZeitRäume hat gemeinsam mit der Stadt und Klaudia Defort-Meya von der Haller Musikschule sämtliche Grundschulen eingeladen, um Stadtgeschichte hautnah zu erleben. Dabei wird auch viel gemalt und gebastelt, denn am Ende soll das Projekt Grundlage für einen speziell auf Kinder zugeschnittenen Stadtführer zum historischen Halle sein, der im Herbst erscheint.

Mit mulmigem Gefühl über den Kirchplatz

Auch wenn die sterblichen Überreste des früheren Stadtoberhaupts nicht in der Steinplatte sind, gehen die Hörster Grundschulkinder mit einem etwas mulmigen Gefühl quer über den Kirchplatz. Schließlich hat ihnen Kosubek verraten, dass sich tief unter ihnen der alte Friedhof und somit unzählige Skelette befinden. Vor dem früheren Wohnhaus Brunes an der Bahnhofstraße 10 wird ein Zwischenstopp eingelegt, und die Kinder malen das um 1660 erbaute Haus in ihr Heimatkundeheft.

Die Frisur sitzt: Luke (rechts) hat seine Mitschülerin Ina gemalt. Die lockige Perücke war typisch für das frühe 18. Jahrhundert. - © Uwe Pollmeier
Die Frisur sitzt: Luke (rechts) hat seine Mitschülerin Ina gemalt. Die lockige Perücke war typisch für das frühe 18. Jahrhundert. (© Uwe Pollmeier)

Weiter geht es zum früheren Wohnhaus von Caspar Abeke an der Bahnhofstraße 2 und 4. Dieser entstammte wie Brune einer reichen Kaufmannsfamilie. „Womit hat er wohl sein Geld verdient", fragt Kosubek die Kinder. Die Antworten reichen von Wolle über Äpfel bis hin zu Pullovern. Tatsächlich war es aber Leinen.

Danach geht es natürlich noch zum Ronchin-Platz, wo die in Bronze gegossene Verwandtschaft wartet. Auch der frühere Fuhrmann und Gastronom Wilhelm Stukemeier wird von den Kindern zu Papier gebracht. Danach führt der Weg in den Büchereikeller, wo der kreative Teil startet.

Brune: Ein Schüler malt das frühere Haus des Bürgermeisters. - © Uwe Pollmeier
Brune: Ein Schüler malt das frühere Haus des Bürgermeisters. (© Uwe Pollmeier)

Angezogen wie zu Zeiten von Caspar Abeke und mit der obligatorischen Perücke auf dem Kopf malen die Kinder ihre eigenen Porträts. Nach vier Stunden ist die kreative Stadtführung durch Halle im Jahr 1719 dann auch schon wieder Geschichte.

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