Emotionale Reaktionen: Die Kündigungsgespräche bei Gerry Weber laufen

Nach der komplizierten Einigung über den Stellenabbau setzt der Betriebsrat große Hoffnungen in die Transfergesellschaft. Emotional sind die Zeiten gerade schwierig

Marc Uthmann

Kündigungsgespräche laufen: 145 Vollzeitstellen werden am Gerry-Weber-Stammsitz abgebaut. Der Betriebsrat setzt auf eine Transfergesellschaft. - © Ulrich Fälker
Kündigungsgespräche laufen: 145 Vollzeitstellen werden am Gerry-Weber-Stammsitz abgebaut. Der Betriebsrat setzt auf eine Transfergesellschaft. (© Ulrich Fälker)
Komplexe Gespräche: Der Betriebsratsvorsitzende Lutz Bormann. - © Foto: Marc Uthmann
Komplexe Gespräche: Der Betriebsratsvorsitzende Lutz Bormann. (© Foto: Marc Uthmann)

Halle.145 Vollzeitstellen werden am Stammsitz in Halle abgebaut. Betroffen von Kündigungen werden mehr Menschen sein, denn viele von ihnen arbeiten auch in Teilzeit. Lutz Bormann, Betriebsratsvorsitzender bei Gerry Weber, bestätigt dem Haller Kreisblatt aber, dass es nicht wie zunächst angekündigt zu 300 Entlassungen an der Neulehenstraße kommen wird – auch aufgrund von etwa 50 Kündigungen durch Mitarbeitende.

Die Gespräche mit den Betroffenen am Stammsitz haben jetzt begonnen und werden noch die ganze Woche in Anspruch nehmen. Die Lage sei natürlich nicht einfach, „denn jetzt geht es ans Leder", wie Lutz Bormann ohne Umschweife einräumt. „Die Reaktionen reichen von gefasst bis tränenreich, aber wie nehmen uns Zeit für Gespräche." Manche Mitarbeiter würden freigestellt, weil es keine Arbeit mehr für sie gebe, andere bitte man, zunächst zu bleiben.

Sicherlich stoße der Betriebsrat mit seinem Verhandlungsergebnis auch auf Kritik – „aber wir haben unter den komplexen Bedingungen des Insolvenzrechts ein Ergebnis erzielt, bei dem nicht eine Seite die andere auszieht". Unter anderem war den Arbeitnehmervertretern zuletzt vorgeworfen worden, dass sie sich nicht genug dafür eingesetzt hätten, in der Vergangenheit geleistete Überstunden im Insolvenzverfahren angemessen zu berücksichtigen. Das verneint Lutz Bormann ganz entschieden: „Wir haben die Überstunden bestmöglich geschützt, aber das Insolvenzrecht setzt uns hier Grenzen."

Anreize für den Wechsel in die Transfergesellschaft

Die Einigung über Interessenausgleich und Sozialplan erforderte noch schwierige juristische Gespräche, ehe ein detailliert ausgehandeltes Papier auf dem Tisch lag, das die Parteien am vergangenen Freitag unterschrieben. Zentraler Bestandteil aus Sicht des Betriebsrates ist die Transfergesellschaft. 2,5 Monatsgehälter für jeden betroffenen Mitarbeiter fließen in einen Topf. Aus dem soll – gefördert von der Arbeitsagentur – unter anderem diese Gesellschaft finanziert werden.

Lutz Bormann setzt auf Anreize, in die Transfergesellschaft zu wechseln. „Zunächst einmal sind 1.000 Euro für Weiterbildung für jeden Mitarbeiter im Topf. Und darüber hinaus liegt die Erfolgsquote für einen Wechsel in einen neuen Job bei 70 bis 80 Prozent." Während der maximal dreimonatigen Kündigungsfrist erhalten die Mitarbeiter das Transferkurzarbeitergeld etwa in Höhe des Arbeitslosengeldes von der Agentur für Arbeit. Bis maximal sechs Monate nach der Kündigung stockt die Gerry Weber AG den dann gesunkenen Satz um zehn Prozent auf. Nach HK-Informationen macht das Unternehmen den Wechsel in die Gesellschaft zudem mit einer Einstiegsprämie von 1.300 Euro brutto schmackhaft.

Würden sich alle Betroffenen für diesen Weg entscheiden, verbrauchte die Transfergesellschaft knapp ein Viertel der Mittel. Der Rest würde über Abfindungen an die Gekündigten ausgeschüttet. Bei der Verteilung werden Sozialpunkte zugrunde gelegt, ein entscheidendes Kriterium ist die Betriebszugehörigkeit. „Wer im Mittel 14 Jahre im Unternehmen war, würde dann 2,5 Monatsgehälter bekommen", nennt Lutz Bormann ein Rechenbeispiel.

Anders stellt sich die Lage in den Filialen dar – auch hier sollen wie berichtet 309 Stellen abgebaut werden. „Aber das Unternehmen möchte natürlich, dass die Mitarbeiter möglichst bis zur Schließung des Ladens dabei bleiben. Da scheidet eine Transfergesellschaft aus", erklärt Bormann. Also wurde vereinbart, die Stundensätze als Anreiz gestaffelt zu erhöhen: um zehn Prozent drei Monate vor der Schließung, um 30 Prozent im vorletzten und um 60 Prozent im letzten Monat. Die Gespräche mit den Betroffenen in den Läden werden allerdings erst im nächsten Monat geführt.

„Wir müssen Aufbruchstimmung erzeugen"

Lutz Bormann geht es jetzt auch um den Blick nach vorn. „Die Frage ist doch, wie fühlen sich die Menschen, die im Unternehmen bleiben?" Bald werde es darum entweder eine vom Vorstand initiierte Mitarbeiterversammlung oder ein Treffen auf Initiative des Betriebsrates geben. „Da müssen wir dann Aufbruchstimmung erzeugen."

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