Fridays for Future: Schüler protestieren gegen die Klimapolitik

Fridays for Future: Was mit der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg begann, setzte sich am Freitag auch in Halle fort. Jugendliche gehen auf die Straßen und überraschen viele mit Kommunikationsfreude abseits von WhatsApp und mit politischem Engagement

Uwe Pollmeier

Fridays for Future: Mehr als 50 Haller Schüler haben in der Innenstadt für mehr Klimaschutz demonstriert. - © Uwe Pollmeier
Fridays for Future: Mehr als 50 Haller Schüler haben in der Innenstadt für mehr Klimaschutz demonstriert. (© Uwe Pollmeier)

Halle. Die Schuld auf andere zu schieben, ist in der Regel recht leicht und somit ein beliebter und bequemer Weg. Dass aber selbst bei einem weltpolitischen Thema wie dem Klimaschutz auch ein einzelner Haller Schüler ein winziges Puzzlestück zum riesigen Gesamtbild beisteuern kann, beweist seit einigen Wochen die Jugend der Lindenstadt. Nicht nur durch ihre Teilnahme an der zweiten Klimaschutz-Demo am Freitagnachmittag, die an bundesweit 63 weiteren Orten Schüler auf die Straße brachte, sondern vielmehr durch ihr geändertes Verhalten im Alltag.

„Viele Schüler nutzen verstärkt den Bus anstatt das Auto", schildert die 17-jährige KGH-Schülerin Rhea Walwei ein Beispiel für die kleinen eigenen Beiträge zum Kampf gegen die Klimakrise. „Außerdem verzichten wir auf Plastiktüten, und wenn ein Mitschüler erzählt, dass er am Wochenende mal eben irgendwo hinfliegt, klären wir ihn über die Folgen fürs Klima auf", ergänzt Q 2-Mitschülerin Maria Wöstmann (18). Zudem habe man die Ernährung umgestellt. Das gesamte Organisationsteam sei mittlerweile zu Vegetariern geworden.

Fridays for Future: Zweite Klimademo in Halle

Dem Aufruf dieses Organisationsteams waren gut 50 Jugendliche gefolgt. Sie trafen sich am Rathaus und drehten dann in Begleitung von drei Polizeibeamten friedlich, aber dank Trillerpfeifen und Megafon auch lautstark, eine Runde durch die Innenstadt. „Ich finde es gut, dass sich junge Leute zu Wort melden", sagte Anne Rodenbrock-Wesselmann. Lange Zeit habe sie den Eindruck gehabt, dass junge Leute nichts sagen möchten.

Wir haben noch viel Arbeit vor uns

Die Bürgermeisterin hatte, anders als bei der für sie überraschenden Veranstaltung vor fünf Wochen, im Vorfeld von der Demo erfahren und war aus eigenem Interesse heraus zum leeren Rathaus gekommen, welches die Kollegen aus der Verwaltung bereits gegen Mittag verlassen hatten. Das Organisationsteam hatte sie nicht explizit eingeladen, jedoch schon einmal vor einigen Wochen den Kontakt zu ihr gesucht. „Das war damals ein etwas überfallartiger Besuch, aber ich bin immer offen für Anregungen", sagte Rodenbrock-Wesselmann in ihrer spontanen Rede vor den versammelten Schülern. „Sie können sich bald sicher über viele Zettel auf ihrem Schreibtisch freuen", kündigte Rhea Walwei einen intensiven Austausch mit der Verwaltung an.

„Wir haben noch viel Arbeit vor uns, aber wir geben uns Mühe", sagte Rodenbrock-Wesselmann und verwies auf jüngste klimafreundliche Beschlüsse, wie etwa den Neubau des energetisch abgängigen OGS-Gebäudes in Gartnisch oder die Umstellung auf insektenfreundliche und energiesparende Straßenlaternen.

Fridays for Future: Mehr als 50 Haller Schüler haben in der Innenstadt für mehr Klimaschutz demonstriert. - © Uwe Pollmeier
Fridays for Future: Mehr als 50 Haller Schüler haben in der Innenstadt für mehr Klimaschutz demonstriert. (© Uwe Pollmeier)

„Ich finde es toll, dass der Dialog zwischen Politik und Bürgern zunimmt", sagte Gastredner Manuel Michel Valdez, Mitinitiator der Fridays-for-Future-Aktionen in Bielefeld. Wichtig sei es aber, die „Politik auf der großen Bühne" zu erreichen.

Mit Parolen wie „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns unsere Zukunft klaut" oder „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle" machten die jugendlichen Demonstranten die Bürger auf die Problematik aufmerksam. „Der Klimawandel ist schon massiv fortgeschritten. Wir brauchen einen weltweiten Strukturwandel", sagte Mitorganisator Tobias Rüter und schickte die Mitschüler mit diesem Aufruf ins Wochenende.

Kommentar: Mit der Ruhe

Wer bisher dachte, dass Demonstrieren nur Spaß macht, wenn dafür Physik, Mathe oder Geschichte ausfallen, der dürfte sich am Freitagnachmittag in der Haller Innenstadt verwundert die Augen gerieben haben. Statt nach dem Schulschluss direkt ins Elterntaxi zu hüpfen, um die Playstation schnellstmöglich wieder auf Betriebstemperatur zu bringen, entschieden sich erneut mehr als 50 Schüler dazu, bei nasskaltem Schmuddelwetter durch die Innenstadt zu ziehen und gegen den drohenden Untergang der Erde zu protestieren. Die Generation, die vor Wochen noch dadurch aufgefallen ist, dass sie Worte durch Emojis ersetzt und auch an Gymnasien Ghettodeutsch eingeführt hat, überrascht die Nation. Nun sprechen sie Klartext, hoffentlich hören auch Schulabgänger des vergangenen Jahrtausends genau zu.

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