Nahaufnahme: Wenn nachts das Ausländeramt klingelt

Dieses Mal bei unserer Nahaufnahme: Dass ihnen gerne der Schwarze Peter zugeschoben wird, wissen Peter Detlefsen, Leiter der Ausländerbehörde, und Dezernent Thomas Kuhlbusch nur zu gut. Sie sprechen nicht oft mit der Presse darüber

Silke Derkum-Homburg

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Kreis Gütersloh. Sie wissen, auf wessen Seite in der Berichterstattung meist die Sympathien liegen. Doch die Ausländerbehörde sei lediglich Vollstreckerin der Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das über die Asylanträge befindet, betonen sie. Und diese Entscheidungen seien umzusetzen.

Klagen gegen Ausreise

Eine Abschiebung komme nie aus heiterem Himmel, ist eine der Hauptbotschaften der beiden. Von der Entscheidung des BAMF bis zur Vollstreckung sei ein langer Weg. „Wird der Asylantrag abgelehnt, bekommt der Betroffene eine Ausreiseaufforderung, gegen die er Rechtsmittel einlegen kann", erklärt Detlefsen. Dann landet der Fall vor den Verwaltungsgerichten. Bis die entscheiden, dauert es mehrere Monate bis über ein Jahr. In Versmold befanden sich zum Beispiel Ende 2018 36 Prozent (86 Personen) der unter städtischer Obhut stehenden Asylbewerber im Klageverfahren.

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Mehr zur Nahaufnahme: Familie K. wurde aus Versmold nach Rumänien abgeschoben und lebt dort in prekären Verhältnissen. Einen Ausweg gibt es für sie nicht.

Erst, wenn das Gericht die Ablehnung des Asylantrags bestätigt, wird das Ausländeramt aktiv. Wobei nicht alle, die ausreisepflichtig sind, auch ausreisen müssen: aus gesundheitliche Gründen, aufgrund nicht zu ermittelnder Herkunftsländer oder wegen familiärer Bindungen. Diese Menschen erhalten eine Duldung und dürfen mit eingeschränkten Rechten bleiben.

Ausreisegespräch

„Die anderen laden wir zum Ausreisegespräch ein, indem sie beraten werden", sagt Detlefsen. So könne man – je nach Ausreiseland – über die Internationale Organisation für Migration (IOM) Mittel für Flugtickets oder ein kleines Startgeld beantragen. „Wenn man erstmal im Gespräch ist, kann man auch Dinge aushandeln", sagt Thomas Kuhlbusch. Zum Beispiel, dass ein Kind noch das Schuljahr zu Ende mache oder jemand, der einen Job habe, noch drei Monate arbeite, um mehr Geld mitzunehmen.

Freiwillige Ausreise

Gerade Menschen, von denen die Behörde annimmt, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen seien, blieben durch freiwillige Ausreise zudem Chancen erhalten. Es werde für sie kein Wiedereinreiseverbot verhängt und sie könnten versuchen, mit einem Arbeitsvisum offiziell nach Deutschland zu kommen, sagt Kuhlbusch.

Wer am Ende dieses Gesprächs die Erklärung für die freiwillige Ausreise nicht unterschreibt, erfährt, dass er jederzeit abgeschoben werden kann. Dass hinter jeder Abschiebung ein persönliches Schicksal steht, ist den Beamten bewusst. Nach Logik der Behörde liegt aber die Verantwortung für alles, was dann im Rahmen dieser Abschiebung passiert, bei den Betroffenen.

„Sie wissen, was kommt", sagt Detlefsen, „wir schieben nicht gerne ab, es ist eine Belastung für alle Beteiligten und sehr aufwendig." Denn die zwei Männer oder Frauen, welche die Abzuschiebenden abholten, seien ganz normale Mitarbeiter des Ausländeramtes – und nicht geschult im Umgang mit Gewalt, sagt er auf Nachfrage.

Warum immer nachts?

„Der Zeitpunkt richtet sich nach den Flügen. Die meisten der Länder, werden nicht von NRW aus angeflogen und die Leute sollten im Hellen ankommen", sagt Detlefsen. Zur Fahrzeit samt Puffern werde dann noch Zeit einberechnet, um sich frisch zu machen und das Nötigste einzupacken. Maximal 20 Kilo sind erlaubt, alles andere muss zurückbleiben. „Wir wählen große Zeitfenster. Wenn die Leute dann noch diskutieren, wird es eng", sagt Detlefsen.

Situation für Kinder

Gerade für Kinder ist diese nächtliche Situation doch ein traumatisches Erlebnis? „Nicht wir haben die Verantwortung dafür, was mit ihnen geschieht, sondern die Eltern. Sie sind es, die Kinder in diese Situation bringen", schaltet sich Kreispressesprecher Jan Focken ein. „Ich habe selbst Abschiebungen in Schloß Holte-Stukenbrock begleitet und gedacht: Was tun die Eltern den Kindern an?", sagt Dezernent Kuhlbusch. Und Ausländeramtschef Detlefsen nimmt die Unterstützer der Asylbewerber in die Pflicht. „Sie könnten auf eine freiwillige Ausreise hinwirken."

Betroffene bleiben ruhig

Widerstand werde selten geleistet. „95 Prozent sind ruhig. Nur fünf Prozent diskutieren", sagt Detlefsen. „Wir bereiten uns gut vor und wissen, wer schon bei den Behörden auffällig war." Nur bei schwierigen Fällen gibt es Hilfe von der Zentralen Ausländerbehörde aus Bielefeld und der Polizei.

Sobald die Menschen über die Grenze sind, ist der Fall für den Kreis erledigt. Auch bei den Dublin-Fällen, also bei den Kriegsflüchtlingen, die auf ihrem Weg nach Deutschland bereits in anderen EU-Ländern registriert wurden und in dieses fremde Land abgeschoben werden. „Sie waren dort ja schon mal und wissen, wo sie die Stellen finden, die für sie zuständig sind", sagt Kuhlbusch.

„Wissen Sie, dass Sie in der Asylbewerber- und Unterstützerszene einen ziemlich harten Ruf haben?", lautet die letzte Frage des HK. „Der Kreis Gütersloh zählt zu den konsequenten Behörden, was die Ausreisepflicht betrifft", bestätigt Thomas Kuhlbusch.

Info
Unter dem Titel „Nahaufnahme" setzt das Haller Kreisblatt jede Woche einen Schwerpunkt auf ein Thema, das die Region bewegt.

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