Nahaufnahme: Heuschnupfen wird zur Massenerkrankung

Unter dem Titel „Nahaufnahme“ setzt das Haller Kreisblatt jede Woche einen Schwerpunkt auf ein Thema, das die Region bewegt: Diese Woche geht es um Pollenallergien. Höhere Temperaturen führen dazu, dass sich die Vegetationsphasen vieler Pflanzen verändern

Detlef Hans Serowy

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Halle. Wenn Donald Trump Heuschnupfen hätte, dann könnte er den Klimawandel kaum noch leugnen. Der US-Präsident würde dann am eigenen Leib erfahren, was viele Millionen Menschen in Deutschland aktuell spüren. Die Pollen fliegen immer früher, immer stärker und immer länger. Das bestätigt auch der Mediziner Jan-Hendrik Gößling.

Dass die Pollenflugallergiker heute immer mehr Probleme haben, liege an den verlängerten Vegetationsphasen der allergieauslösenden Pflanzen: „Die Natur fängt einfach früher an und hört später auf", bringt es Jan-Hendrik Gößling auf den Punkt. Der Blütenstaub von Hasel, Erle, Esche, Birke, Roggen, Gräsern, Beifuß und Ambrosia ist für etwa 90 Prozent aller Allergien in Deutschland verantwortlich.

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Weil der Klimawandel die Blühzeit aller Pflanzen weiter nach vorne verschiebt, fliegen die Pollen der Hasel heute um etwa 15 Tage früher als vor 50 Jahren. In diesem Jahr gab es bereits Mitte Februar einen massiven Schub von Hasel- und Erlenpollen. Treten die Pollen so massiv wie zuletzt auf, dann wirken sie aggressiver und die Beschwerden fallen entsprechend stärker aus. Im Februar wurden an zahlreichen Messstationen in Deutschland Spitzenwerte von mehr als 1.000 Pollen pro Kubikmeter Luft gemessen. Zum Vergleich: Bereits eine Belastung von 100 Pollen gilt als stark, bereits zehn Pollen pro Kubikmeter Luft machen sich mit Beschwerden bemerkbar.

„Ich habe in diesem Jahr schon die ersten Cortisonspritzen gesetzt"

Die Folgen spüren Mediziner in ihren Praxen. „Ich habe in diesem Jahr schon die ersten Cortisonspritzen gesetzt", berichtet Jan-Hendrik Gößling. Aus seiner Sicht eine absolute Notmaßnahme, die nicht häufiger als zweimal pro Saison genutzt werden dürfe. „Das Cortison behindert die Reaktionsmöglichkeiten des Körpers auf die Pollen und die Wirkung einer Spritze hält etwa vier Wochen an."

Die Leidenszeit der Pollenflugallergiker beginnt dann, wenn der Rest der Bevölkerung sich über schönes Wetter freut. Augen brennen und sind rot, die Nase läuft. Allergiker müssen heftig niesen, ihre Bronchien verengen sich und ein tiefer Husten kann sie quälen. Allergien können zu Asthma führen, wenn sie nicht behandelt werden. Alle Symptome erinnern an eine Erkältung.

Das menschliche Immunsystem reagiert auf die Allergene, als müsste es tödliche Viren bekämpfen – und so kommt es den Betroffenen auch vor. Sie fühlen sich krank, angegriffen, abgeschlagen, schlapp und weniger leistungsfähig. Körperliche Aktivitäten fallen den Allergikern – je nach Intensität des Pollenfluges – deutlich schwerer, ihre Konzentrationsfähigkeit lässt unter Umständen stark nach. Allerdings verläuft kein Frühjahr für die Allergiker wie das andere. Je nach Witterung kommt es früher oder später zu den Beschwerden und je nach Intensität des Pollenfluges fallen sie unterschiedlich aus. Der Trend ist aber eindeutig. „Die Veränderung in Richtung mediterranes Klima bei uns führt zu einer verbreiterten Vegetation", sagt Dr. Jörg Schmitthenner. Neben dem Klimawandel wirken für den Chefarzt der Pneumologischen Abteilung am Klinikum Halle noch andere Faktoren.

„Die Internationalität unserer Bewegungen und des Handels" sind für den 57-Jährigen weitere Ursachen für zunehmende Allergiebeschwerden. Als Beispiel nennt er das Beifußartige Traubenkraut, auch Ragweed genannt. Diese Pflanze ist in Nordamerika weit verbreitet und wurde von dort unbeabsichtigt nach Europa gebracht. Mit Ambrosiasamen verunreinigtes Vogelfutter ist der Haupteinfuhrweg. Seit 2000 kann die Pflanze auch in Mitteleuropa gedeihen, weil ihre Samen nach einer Mutation Frost vertragen.

Facharzt für Allgemeinmedizin: Jan-Hendrik Gößling bestätigt, dass der Klimawandel zu Beschwerden führen kann. Foto: Detlef Hans Serowy - © Detlef Hans Serowy
Facharzt für Allgemeinmedizin: Jan-Hendrik Gößling bestätigt, dass der Klimawandel zu Beschwerden führen kann. Foto: Detlef Hans Serowy (© Detlef Hans Serowy)

„Unser Immunsystem ist nicht mehr ausgelastet"

Die Ragweed-Pollen können beim Menschen sehr heftige allergische Reaktionen auslösen und verlängern für andere Betroffene die Allergiesaison. Wer beispielsweise gegen Hasel, Erle, Hainbuche, Birke, Gräser und das Traubenkraut allergisch ist, hat im ungünstigsten Fall keine Pause bei den Beschwerden mehr. Die Phasen des Pollenflugs dieser Pflanzen können nahtlos aneinander anschließen oder sich überlappen.

„Unser Immunsystem ist nicht mehr ausgelastet", erklärt Jörg Schmitthenner. Deshalb reagierten Menschen auf Substanzen, die gar nicht zu bekämpfen seien. Nach der Wende in Deutschland habe man beispielsweise die Häufigkeit von Allergien bei Kindern in Großstädten aus beiden Teilen Deutschlands untersucht. Das erstaunliche Ergebnis: Auch dort, wo im Osten die Umweltverschmutzung besonders hoch war, litten die Kinder weniger unter Asthma und Allergien. „Im Osten waren die Kinder alle im Hort, hatten alle Kinderkrankheiten und bekamen auch alle Impfungen", so Jörg Schmitthenner.

Die Behandlung von Pollenflugallergien ist nicht einfach, da sind sich die Mediziner einig. Wenn jemand auf viele Allergene reagiere, dann sei es schwierig, die über eine Immuntherapie wegzubekommen. Deshalb steht die Vorbeugung vor der Behandlung. Pollenallergiker sollten morgens ihre Wohnung stoßlüften und die Fenster ansonsten verschlossen halten. Vor dem Schlafen sollten die Haare gewaschen und die Kleidung außerhalb des Schlafzimmers abgelegt werden.

Allergiker sollten das Problem ernstnehmen

„Wer weiß, dass er gegen Birke oder Hasel allergisch ist, sollte solche Pflanzen möglichst nicht auf seinem Grundstück haben", erklärt Jörg Schmitthenner. Jogging im Wald oder ein Spaziergang dann, wenn die Pollen fliegen, sind ebenfalls nicht zu empfehlen. Ein Mund- und Nasenfilter kann beim Aufenthalt im Freien helfen. Ebenso wirkungsvoll kann eine Nasendusche sein, die die Allergene von den Nasenhaaren entfernt. Wenn all das nicht reicht, kommen Medikamente ins Spiel.

„Allergien sammeln sich im Leben an und verstärken sich", erläutert Jan-Hendrik Gößling. Er rät deshalb dazu, die Erkrankung ernstzunehmen und zu behandeln. Um die Symptome zu mildern, gibt es rezeptfreie und rezeptpflichtige Nasensprays und Tabletten mit verschiedenen Wirkstoffen. Allen gemeinsam ist der Versuch, die Wirkung der Allergene auf den Körper zu mildern oder zu unterdrücken.

Geht es darum, dauerhaft beschwerdefrei zu werden, dann kommen Betroffene nicht um eine Immuntherapie oder Hyposensibilisierung herum. Sie zielt darauf ab, eine Unempfindlichkeit gegen den Allergieauslöser zu erreichen. „Dabei werden dem Patienten die allergieauslösenden Stoffe mit zunehmender Konzentration verabreicht, um die Empfindlichkeit herabzusetzen", beschreibt Gößling das Verfahren. Das gehe subkutan, also per Spritze unter die Haut oder sublingual, als Tropfen oder Tabletten unter die Zunge, ergänzt Jörg Schmitthenner.

Auch für schwere Fälle gibt es inzwischen Hoffnung

Wunder dürfen Betroffene auch von dieser Therapie nicht erwarten. Sie dauert in der Regel drei Jahre, erfordert eine hohe Disziplin und hat keine 100-prozentige Erfolgsaussicht. „Etwa zwei Drittel der Patienten haben einen messbaren Erfolg", erklärt Gößling. Sein Kollege sieht die Erfolgsaussichten bei 40 bis zu 50 Prozent und hält das im medizinischen Bereich schon für „ein sehr gutes Ergebnis".

Zu den allergischen Reaktionen auf Pollen kommen bei vielen Betroffenen auch noch Kreuzallergien mit Lebensmitteln. Sie zeigen dann beim Genuss dieser Speisen dieselben Reaktionen wie beim Kontakt mit den Pollen. Auch für schwere Fälle gibt es inzwischen Hoffnung. Sogenannte Biologika können helfen. In der Zukunft könnte es genetisch für den individuellen Patienten angepasste Medikamente geben.

Info
Auslöser und Reaktionen



  • Die allergische Rhinitis (»Heuschnupfen«) beginnt mit einer Sensibilisierung gegenüber einem Allergen wie Pollen oder Hausstaubmilben, bei dem noch keine Probleme auftreten. Der Körper produziert Antikörper gegen das Allergen.´ Beim Zweitkontakt mit dem Allergen kommt es dann zur allergischen Reaktion des Körpers. Die typischen Symptome wie Rötung, Jucken, Niesen und die laufende Nase werden durch Histamin und Leukotrine ausgelöst.
  • Erreicht werden soll dadurch eine verbesserte Durchblutung, um nachrückenden Abwehrzellen den Weg zu erleichtern, Jucken, um die Aufmerksamkeit auf die betroffene Stelle zu bringen, Niesen und Schleimbildung, um Fremdstoffe aus dem Körper zu schaffen.
  • Hasel, Erle, Pappel, Weide, Esche, Hainbuche, Birke, Buche, Eiche, Kiefer, Roggen, Gräser, Spitzwegerich, Brennnessel, Beifuß und Traubenkraut – das sind die häufigsten Auslöser von Pollenflugallergien. Wer womöglich gegen alle oder einen wesentlichen Teil von ihnen allergisch ist, hat mittlerweile keine Pause bei den Beschwerden mehr. Die Vegetationsphasen dieser Pflanzen überlappen sich im Jahresverlauf durchgängig.
  • Sind Pollen außerdem – beispielsweise an viel befahrenen Straßen – mit Verschmutzungen aus Autoabgasen oder der Industrie belastet, lösen sie deutlich stärkere allergische Reaktionen bei den Betroffenen hervor. Auch Kei-
me können sich an Pollen anlagern und zu erheblichen Problemen führen. So werden die von Natur aus schon sehr allergen wirkenden Pollen des Beifußes damit noch viel gefährlicher für Allergiker und Asthmatiker, weil sie sogar zu Entzündungen der Atemwege führen können.

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