Nahaufnahme: Diese Arten sind im Altkreis vom Aussterben bedroht

Detlef Hans Serowy

Unter dem Titel „Nahaufnahme“ setzt das Haller Kreisblatt jede Woche einen Schwerpunkt auf ein Thema, das die Region bewegt: Zwei Fachfrauen der Biologischen Station blicken auf ausgesuchte Tier- und Pflanzenarten im Altkreis Halle.

Altkreis Halle. „Ein Drittel bis 50 Prozent sind bedroht oder schon weg", erklärt Conny Oberwelland. „Wir kartieren den Niedergang bei nahezu allen Arten, ergänzt Claudia Quirini-Jürgens. Beide Frauen arbeiten als Biologinnen für die Biologische Station Gütersloh/ Bielefeld, die für das Gebiet der Leineweberstadt und große Teile des Kreises Gütersloh zuständig ist.

Conny Oberwelland (links) und Claudia Qurini-Jürgens von der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld im Bauernhausmuseum von Bielefeld. - © Detlef Hans Serowy
Conny Oberwelland (links) und Claudia Qurini-Jürgens von der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld im Bauernhausmuseum von Bielefeld. (© Detlef Hans Serowy)

Am Beispiel einiger Tier- und Pflanzenarten verdeutlichen die Fachfrauen zum Artenschutz-Tag für das Haller Kreisblatt, wie es um die Natur im ländlichen Altkreis Halle und Kreis Gütersloh insgesamt steht. „Man muss den Blick immer über den Tellerrand hinaus richten", fordert dabei Claudia Quirini-Jürgens.

Nur weil es beim Vogelzug in Südeuropa große Schwärme bestimmter Arten gebe, könne man die dort nicht unkontrolliert abschießen. „Dann fehlt uns später hier das eine Männchen, von dessen Fortpflanzung die Art in einem ganz bestimmten Gebiet abhängt", so Conny Oberwelland.

Der »Tag des Artenschutzes« erinnert an das Washingtoner Artenschutzabkommen (Cites), das am 3. März 1973 abgeschlossen wurde. Seit 1984 gilt es in der gesamten EU und mehr als 180 Staaten sind beigetreten. Ein Tag ungetrübter Freude ist es für Naturschützer aber nicht.

„Die Landschaft als Hülle ist ja noch da, ich sehe sie aber als leere Kulisse", beschreibt Claudia Quirini-Jürgens ihre Gefühle. Inzwischen sei es so weit, das Naturschützer um jeden einzelnen Kiebitz kämpfen und fast schon einzelne Pflanzen gießen müssten. „Das ist für mich ein Heimatverlust."

„Moore sind beispielsweise von Klimawandel und Überdüngung bedroht", so die Diplom-Biologin. Große Sommerhitze und sinkende Grundwasserspiegel entziehen die Feuchtigkeit. Nährstoffe kommen aus der Luft. „Wird Gülle ausgebracht, verdriften Aerosolpartikel mit dem Wind über weite Strecken und düngen auch dort, wo es nicht nur völlig unnötig, sondern sogar schädlich ist."

Beim Artenschutz gibt es indes auch Erfolgsgeschichten und eine davon hat der Uhu geschrieben. „Die größte heimische Eulenart war hier ausgerottet", berichtet Conny Oberwelland. 1975 wurden Junguhus aus dem Tierpark Olderdissen im Teutoburger Wald ausgewildert und ein Jahr später gab es die erste Brut.

Es gibt auch Arten wie den Waschbären, die unerwünscht sind. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die possierlichen Raubtiere aus Nordamerika zur Pelzzucht eingeführt worden. Sie entkamen aus Farmen, wurden ausgesetzt und haben sich zu einer regelrechten Plage entwickelt.

Auch wenn der Artenrückgang scheinbar unaufhaltsam ist, bleiben Conny Oberwelland und Claudia Quirini-Jürgens optimistisch.

Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt", verweisen sie auf insektenfreundlich gestaltete Gärten und öffentliche Blühstreifen. Es tue sich etwas in Kooperation mit der heimischen Landwirtschaft, betonen die Biologinnen. Es müsse öffentliches Geld eingesetzt werden, um die Landwirtschaft zu extensivieren. Da gibt es Ansätze und deshalb sehen die Fachfrauen den »Tag des Artenschutzes« auch als Tag der Hoffnung.

Feuersalamander
(© Bernhard Walter)
Feuersalamander
Der Feuersalamander kommt in vielen Quellbereichen im Teutoburger Wald vor. Die Art wird durch einen Hautpilz bedroht, der sich von Holland ausbreitet.
Feldhase
(© Claudia Quirini-Jürgens)
Feldhase
Die Bestände des Feldhasen sind zurückgegangen.
Feldlerche
(© Hans Glader)
Feldlerche
Der Feldlerche fehlen Nistplätze, ihr Bestand geht stark zurück. Vom »Vogel des Jahres 2019« gab es 2006 im Kreis noch 113 Paare, heute sind es dort nur noch 61 Paare.
Fransen-Enzian
(© Ingo Jürgens)
Fransen-Enzian
Der Fransen-Enzian kommt am Jacobs- oder am Storkenberg in Halle vor. Die Pflanze benötigt einen Kalk-Halbtrockenrasen und ist selten geworden. Man muss die Standorte kennen.⋌
Laubfrosch
(© Bernhard Walter)
Laubfrosch
Flächendeckend verbreitet war früher der Laubfrosch. „Heute haben wir noch inselartige Vorkommen", berichtet Conny Oberwelland. Der Frosch steht auf der Roten Liste. „Wir können ihn halten und sind stolz darauf", verweist die Wertheranerin auf erfolgreiche Schutzprojekte.
Manns-Knabenkraut
(© Claudia Quirini-Jürgens)
Manns-Knabenkraut
Orchideen lieben magere Wald- oder Grünlandstandorte und gedeihen deshalb auch im Teutoburger Wald. Am Gartnischberg kommt das Manns-Knabenkraut vor.
Schachbrettfalter
(© Claudia Quirini-Jürgens)
Schachbrettfalter
Deutlich im Rückgang ist der Schachbrettfalter, der am Jacobsberg zwischen Halle und Steinhagen zu finden ist. Naturschützer helfen ihm mit dem Erhalt von blütenreichen Flächen.
Siebenschläfer
(© Meike Hötzel)
Siebenschläfer
Ungefährdet, aber selten ist bei uns der possierliche Siebenschläfer. Das Nagetier sucht Kalkspalten im Teutoburger Wald für seinen langen Winterschlaf.
Uferschnepfe
(© Claudia Quirini-Jürgens)
Uferschnepfe
Hochgradig bedroht ist die Uferschnepfe. Werden die Feuchtwiesen zu oft gemäht, dann bekommen die Bodenbrüter ihre Brut nicht hoch.
Waschbär
(© Claudia Quirini-Jürgens)
Waschbär
Waschbären sind anpassungsfähig, intelligent und Allesfresser. Sie können klettern, mit ihren Pfoten gut greifen und in jedem Lebensraum heimisch werden. Inzwischen werden Spezialnistkästen eingesetzt, weil die Kleinbären so viele Nester ausrauben.
Wollgras
(© Ingo Jürgens)
Wollgras
Spektakulär sieht das Hochmoor mit Wollgras im Hühnermoor in Marienfeld aus. Das Gras hat büschelartige Fruchtstände und brauchte nährstoffarme und feuchte Böden.

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Nahaufnahme: Diese Arten sind im Altkreis vom Aussterben bedrohtUnter dem Titel „Nahaufnahme“ setzt das Haller Kreisblatt jede Woche einen Schwerpunkt auf ein Thema, das die Region bewegt: Zwei Fachfrauen der Biologischen Station blicken auf ausgesuchte Tier- und Pflanzenarten im Altkreis Halle.Detlef Hans SerowyAltkreis Halle. „Ein Drittel bis 50 Prozent sind bedroht oder schon weg", erklärt Conny Oberwelland. „Wir kartieren den Niedergang bei nahezu allen Arten, ergänzt Claudia Quirini-Jürgens. Beide Frauen arbeiten als Biologinnen für die Biologische Station Gütersloh/ Bielefeld, die für das Gebiet der Leineweberstadt und große Teile des Kreises Gütersloh zuständig ist. Am Beispiel einiger Tier- und Pflanzenarten verdeutlichen die Fachfrauen zum Artenschutz-Tag für das Haller Kreisblatt, wie es um die Natur im ländlichen Altkreis Halle und Kreis Gütersloh insgesamt steht. „Man muss den Blick immer über den Tellerrand hinaus richten", fordert dabei Claudia Quirini-Jürgens. Nur weil es beim Vogelzug in Südeuropa große Schwärme bestimmter Arten gebe, könne man die dort nicht unkontrolliert abschießen. „Dann fehlt uns später hier das eine Männchen, von dessen Fortpflanzung die Art in einem ganz bestimmten Gebiet abhängt", so Conny Oberwelland. Der »Tag des Artenschutzes« erinnert an das Washingtoner Artenschutzabkommen (Cites), das am 3. März 1973 abgeschlossen wurde. Seit 1984 gilt es in der gesamten EU und mehr als 180 Staaten sind beigetreten. Ein Tag ungetrübter Freude ist es für Naturschützer aber nicht. „Die Landschaft als Hülle ist ja noch da, ich sehe sie aber als leere Kulisse", beschreibt Claudia Quirini-Jürgens ihre Gefühle. Inzwischen sei es so weit, das Naturschützer um jeden einzelnen Kiebitz kämpfen und fast schon einzelne Pflanzen gießen müssten. „Das ist für mich ein Heimatverlust." „Moore sind beispielsweise von Klimawandel und Überdüngung bedroht", so die Diplom-Biologin. Große Sommerhitze und sinkende Grundwasserspiegel entziehen die Feuchtigkeit. Nährstoffe kommen aus der Luft. „Wird Gülle ausgebracht, verdriften Aerosolpartikel mit dem Wind über weite Strecken und düngen auch dort, wo es nicht nur völlig unnötig, sondern sogar schädlich ist." Beim Artenschutz gibt es indes auch Erfolgsgeschichten und eine davon hat der Uhu geschrieben. „Die größte heimische Eulenart war hier ausgerottet", berichtet Conny Oberwelland. 1975 wurden Junguhus aus dem Tierpark Olderdissen im Teutoburger Wald ausgewildert und ein Jahr später gab es die erste Brut. Es gibt auch Arten wie den Waschbären, die unerwünscht sind. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die possierlichen Raubtiere aus Nordamerika zur Pelzzucht eingeführt worden. Sie entkamen aus Farmen, wurden ausgesetzt und haben sich zu einer regelrechten Plage entwickelt. Auch wenn der Artenrückgang scheinbar unaufhaltsam ist, bleiben Conny Oberwelland und Claudia Quirini-Jürgens optimistisch. Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt", verweisen sie auf insektenfreundlich gestaltete Gärten und öffentliche Blühstreifen. Es tue sich etwas in Kooperation mit der heimischen Landwirtschaft, betonen die Biologinnen. Es müsse öffentliches Geld eingesetzt werden, um die Landwirtschaft zu extensivieren. Da gibt es Ansätze und deshalb sehen die Fachfrauen den »Tag des Artenschutzes« auch als Tag der Hoffnung.