Fridays for Future: Schüler demonstrieren in Halle gegen die Klimakrise

Heiko Kaiser

Erstmals gehen auch in Halle Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Die Veranstaltung auf dem Familie-Isenberg-Platz findet größeren Anklang als erwartet. 70 Teilnehmer machen Druck auf die Politik. Offizielle Vertreter der Stadt Halle werden dabei vermisst

Fridays for Future: 70 junge Menschen demonstrierten auf dem Familie-Isenberg-Platz. Anschließend zog man zum Rathaus. - © Heiko Kaiser, HK
Fridays for Future: 70 junge Menschen demonstrierten auf dem Familie-Isenberg-Platz. Anschließend zog man zum Rathaus. (© Heiko Kaiser, HK)

Halle. „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle, hey, hey." Auf dem Familie-Isenberg-Platz bleibt gestern Mittag kein Fuß am Boden. 70 Schülerinnen und Schüler folgen dem Aufruf zum ersten »Fridays for Future« in Halle. Viel mehr, als sich das siebenköpfige Organisationsteam vom Kreisgymnasium Halle zuvor erhofft hatte. „Alle, die freitags beim Unterricht fehlen, werden in eine Liste eingetragen und müssen ein Attest einreichen, sonst werden Fehlstunden notiert. Und das ist für viele, die vor dem Abitur stehen, eine hohe Hürde", sagt Lea Kroymann (17): „Wir wären deshalb schon froh gewesen, wenn 15 zur ersten Demonstration gekommen wären."

Maria Wöstmann (18) fügt hinzu: „Obwohl uns unsere Bildungsministerin und unser Schulleiter Herr Spindler nicht unterstützen, ist es cool, dass trotzdem so viele gekommen sind." Als sie das sagt, wird es erstmals richtig laut auf dem Familie-Isenberg-Platz. Im Vorfeld waren Plakate, welche die Organisatoren in der Schule aufgehängt hatten, innerhalb kürzester Zeit entfernt worden.

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Nahaufnahme: Das sagen die Altkreis-Schulleiter zum Klima-Streik

"Auch mit 18 darf man noch Bus fahren"

In den Reden wird eines deutlich: Die Streikenden fühlen sich von der Politik im Stich gelassen, auch von der Haller. „Sie haben das Problem erkannt, nicken, wenn wir ihnen unser Anliegen vortragen und ziehen sich dann auf das Argument zurück, Umweltpolitik werde auf Bundes- und Landesebene gemacht", sagt Lea Kroymann: „Deshalb stehen wir hier und wollen ein Zeichen setzen."

Fridays for Future: 70 junge Menschen demonstrierten auf dem Familie-Isenberg-Platz. Anschließend zog man zum Rathaus.. Fotos: Heiko Kaiser - © Heiko Kaiser, HK
Fridays for Future: 70 junge Menschen demonstrierten auf dem Familie-Isenberg-Platz. Anschließend zog man zum Rathaus.. Fotos: Heiko Kaiser (© Heiko Kaiser, HK)

Und man ist bestens informiert. „Die Energiebilanz der Stadt Halle weist aus, dass die Emissionen klimaschädlicher Gase zu 20 Prozent aus der Stromversorgung, zu 30 Prozent aus dem Verkehr und zu 50 Prozent aus der Wärmeerzeugung resultieren", erklärt Lea Kroymann und fordert die Demonstrierenden auf, nicht der Politik allein das Handlungsfeld zu überlassen, sondern selbst Initiative zu ergreifen. „Schwingt euch aufs Fahrrad, und auch mit 18 darf man noch Bus fahren", sagt sie.

Fynn Horstmannshoff (22), ehemaliger Schüler des KGH und jetzt Mitorganisator der Fridays for Future in Bielefeld, richtet sich an die Elterngeneration;: „Ihr sagt, ihr liebt eure Kinder über alles, und trotzdem stehlt ihr ihnen die Zukunft vor ihren Augen. Ihr wollt die beste Schule, die beste Ausbildung und sorgt ab 20 für die Rente vor. Aber beim Klima werft ihr das Vorsorgeprinzip über den Haufen. Wenn ihr die fossilen Stoffe verbrennt, dann ist das so, als würdet ihr Eure Rente schon jetzt verpulvern."

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", schallt es über den Platz. Dann geht es doch noch vor das Rathaus. Ungeplant selbstverständlich. Es haben halt alle nur zufällig den gleichen Heimweg. Angesichts des Erfolges wird es sicher bald wieder Klimademonstrationen in Halle geben. Am Freitag, 15. März, aber hat Fridays for Future zunächst zu einem Großstreik in Bielefeld aufgerufen. Auch da werden Haller Schüler dabei sein.

Kommentar: Ihr haltet sie nicht auf

Ihr Verhinderer und Steine-in-den-Weg-Leger. Ihr auf Prinzipien-Beharrer und Status-Quo-Bewahrer. Ihr Verharmloser und Klimaschutz-Ignoranten. Hier ist eine Generation, die euch das Leben schwer machen wird. Und egal, ob ihr mit Strafen droht oder euch auf Gesetze zurückzieht, ihr werdet sie nicht stoppen. Im Gegenteil. Denn diese Generation demonstriert nicht aus purer Lust am Widerstand. Sie sorgt sich ernsthaft und zu Recht um ihre Zukunft. Und statt in endlose Diskussionen zu verfallen, ob diese Form des Widerstandes richtig oder falsch ist, statt darüber zu debattieren, ob man dafür die Schule schwänzen darf oder nicht, solltet ihr euch endlich ernsthaft mit ihren Sorgen auseinandersetzen. Dass kein Vertreter der Stadt Halle anwesend war, ist ganz schwach und bestätigt diese Generation nur in ihrer Warnehmung, nicht ernst genommen zu werden. Doch das müsst ihr. Denn mit Aussitzen werdet ihr sie nicht stoppen können. Nicht diese Generation.

Rhea Walwei (17)
Rhea Walwei (17)
(© Heiko Kaiser, HK)
"Ich bin dabei, weil ich finde, dass die Welt sich noch nie in einer ähnlichen globalen Krise befunden hat. Es gibt nichts Wichtigeres für das man sich engagieren kann."
Lea Kroymann (17)
Lea Kroymann (17)
(© Heiko Kaiser, HK)
"Gerade die Tatsache dass wir mit so vielen Hindernissen mit so viel Ablehnung zu kämpfen hatten, war für mich ein Ansporn diese Veranstaltung mit zu organisieren."
Maria Wöstmann (18)
Maria Wöstmann (18)
(© Heiko Kaiser, HK)
"Ich demonstriere, um den Politikern und auch allen anderen bewusst zu machen, um welches riesiges Problem es sich bei der Klimakrise handelt."
Fynn Horstmannshoff (22)
Fynn Horstmannshoff (22)
(© Heiko Kaiser, HK)
"Die Politik ist nicht bereit, adäquat auf das drängende Klimaproblem zu reagieren. Ich finde es extrem ungerecht, dass unsere Generation das ausbaden muss."

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Fridays for Future: Schüler demonstrieren in Halle gegen die KlimakriseErstmals gehen auch in Halle Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Die Veranstaltung auf dem Familie-Isenberg-Platz findet größeren Anklang als erwartet. 70 Teilnehmer machen Druck auf die Politik. Offizielle Vertreter der Stadt Halle werden dabei vermisstHeiko KaiserHalle. „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle, hey, hey." Auf dem Familie-Isenberg-Platz bleibt gestern Mittag kein Fuß am Boden. 70 Schülerinnen und Schüler folgen dem Aufruf zum ersten »Fridays for Future« in Halle. Viel mehr, als sich das siebenköpfige Organisationsteam vom Kreisgymnasium Halle zuvor erhofft hatte. „Alle, die freitags beim Unterricht fehlen, werden in eine Liste eingetragen und müssen ein Attest einreichen, sonst werden Fehlstunden notiert. Und das ist für viele, die vor dem Abitur stehen, eine hohe Hürde", sagt Lea Kroymann (17): „Wir wären deshalb schon froh gewesen, wenn 15 zur ersten Demonstration gekommen wären." Maria Wöstmann (18) fügt hinzu: „Obwohl uns unsere Bildungsministerin und unser Schulleiter Herr Spindler nicht unterstützen, ist es cool, dass trotzdem so viele gekommen sind." Als sie das sagt, wird es erstmals richtig laut auf dem Familie-Isenberg-Platz. Im Vorfeld waren Plakate, welche die Organisatoren in der Schule aufgehängt hatten, innerhalb kürzester Zeit entfernt worden. "Auch mit 18 darf man noch Bus fahren" In den Reden wird eines deutlich: Die Streikenden fühlen sich von der Politik im Stich gelassen, auch von der Haller. „Sie haben das Problem erkannt, nicken, wenn wir ihnen unser Anliegen vortragen und ziehen sich dann auf das Argument zurück, Umweltpolitik werde auf Bundes- und Landesebene gemacht", sagt Lea Kroymann: „Deshalb stehen wir hier und wollen ein Zeichen setzen." Und man ist bestens informiert. „Die Energiebilanz der Stadt Halle weist aus, dass die Emissionen klimaschädlicher Gase zu 20 Prozent aus der Stromversorgung, zu 30 Prozent aus dem Verkehr und zu 50 Prozent aus der Wärmeerzeugung resultieren", erklärt Lea Kroymann und fordert die Demonstrierenden auf, nicht der Politik allein das Handlungsfeld zu überlassen, sondern selbst Initiative zu ergreifen. „Schwingt euch aufs Fahrrad, und auch mit 18 darf man noch Bus fahren", sagt sie. Fynn Horstmannshoff (22), ehemaliger Schüler des KGH und jetzt Mitorganisator der Fridays for Future in Bielefeld, richtet sich an die Elterngeneration;: „Ihr sagt, ihr liebt eure Kinder über alles, und trotzdem stehlt ihr ihnen die Zukunft vor ihren Augen. Ihr wollt die beste Schule, die beste Ausbildung und sorgt ab 20 für die Rente vor. Aber beim Klima werft ihr das Vorsorgeprinzip über den Haufen. Wenn ihr die fossilen Stoffe verbrennt, dann ist das so, als würdet ihr Eure Rente schon jetzt verpulvern." „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", schallt es über den Platz. Dann geht es doch noch vor das Rathaus. Ungeplant selbstverständlich. Es haben halt alle nur zufällig den gleichen Heimweg. Angesichts des Erfolges wird es sicher bald wieder Klimademonstrationen in Halle geben. Am Freitag, 15. März, aber hat Fridays for Future zunächst zu einem Großstreik in Bielefeld aufgerufen. Auch da werden Haller Schüler dabei sein. Kommentar: Ihr haltet sie nicht auf Ihr Verhinderer und Steine-in-den-Weg-Leger. Ihr auf Prinzipien-Beharrer und Status-Quo-Bewahrer. Ihr Verharmloser und Klimaschutz-Ignoranten. Hier ist eine Generation, die euch das Leben schwer machen wird. Und egal, ob ihr mit Strafen droht oder euch auf Gesetze zurückzieht, ihr werdet sie nicht stoppen. Im Gegenteil. Denn diese Generation demonstriert nicht aus purer Lust am Widerstand. Sie sorgt sich ernsthaft und zu Recht um ihre Zukunft. Und statt in endlose Diskussionen zu verfallen, ob diese Form des Widerstandes richtig oder falsch ist, statt darüber zu debattieren, ob man dafür die Schule schwänzen darf oder nicht, solltet ihr euch endlich ernsthaft mit ihren Sorgen auseinandersetzen. Dass kein Vertreter der Stadt Halle anwesend war, ist ganz schwach und bestätigt diese Generation nur in ihrer Warnehmung, nicht ernst genommen zu werden. Doch das müsst ihr. Denn mit Aussitzen werdet ihr sie nicht stoppen können. Nicht diese Generation.