"Kauf' im Ort": Das sagen Einzelhändler zur Kampagne der Werbegemeinschaft

Gute Einzelspieler ergeben nicht automatisch ein funktionierendes Team. Fußballfans wissen das - und auch die HIW will nun das Wir-Gefühl stärken

Uwe Pollmeier

Es soll voller werden: Die HIW möchte mit der Kampagne Kauf’ im Ort das Einkaufen in der Lindenstadt attraktiver machen. - © Sandra Neumann
Es soll voller werden: Die HIW möchte mit der Kampagne Kauf’ im Ort das Einkaufen in der Lindenstadt attraktiver machen. (© Sandra Neumann)

Halle. „Für mich ist das eine Pflichtveranstaltung", sagt Rainer Neumann. Der Inhaber eines Schuhgeschäftes ist zwar am Dienstag beruflich in Hannover unterwegs, wird aber rechtzeitig zurück nach Halle düsen. Wolfgang Otterpohl hat sich den Termin der Auftaktveranstaltung des Projekts »Kauf’ im Ort« am kommenden Dienstag um 19 Uhr im Landhotel Jäckel ebenfalls im Kalender vermerkt. „Ich freue mich darauf und hoffe, dass wir es zusammen machen und durchhalten", sagt der Goldschmiedemeister.

Sieht Potenzial: Goldschmiedemeister Wolfgang Otterpohl freut sich auf den Start. - © Uwe Pollmeier
Sieht Potenzial: Goldschmiedemeister Wolfgang Otterpohl freut sich auf den Start. (© Uwe Pollmeier)

Stellvertretend für viele weitere Kollegen des stationären Einzelhandels versprechen sich die beiden Geschäftsleute von dem Ideenaustausch, der nachhaltig den städtischen Einzelhandel beleben soll, sehr viel. „Unsere HIW ist sehr rührig, aber es bedarf der Unterstützung aller Händler", setzt Neumann auf den zu weckenden Teamgeist. Einige der Kollegen müsse man ein wenig wachrütteln und neu motivieren.

Es gebe aber auch Gründe, die nun einmal unweigerlich zu einer leereren Innenstadt führen. „Vormittags ist die Stadt oft leer, es arbeiten ja viel mehr Leute als früher", sagt Neumann. Die Lage werde nicht wirklich leichter, Kernproblem sei die Ortsgröße. „Wir müssen das Angebot in der City attraktiv halten", sagt Neumann.

Die Gesellschaft verändert sich

Begeistert schon jetzt die Kunden: Boutiquen-Besitzerin Sylwia Schulz. - © Uwe Pollmeier
Begeistert schon jetzt die Kunden: Boutiquen-Besitzerin Sylwia Schulz. (© Uwe Pollmeier)

Für Sylwia Schulz, die seit elf Jahren die Modeboutique MezzaLuna betreibt, ist die Einwohnerzahl der Lindenstadt sicherlich ein sich auswirkender Faktor, dem man jedoch entgegenwirken kann. „Wir sind hier eben nicht in Düsseldorf, die Leute wollen keinen Schickimicki", sagt Schulz. Sie habe auch einige Zeit gebraucht, um den Geschmack der Leute herauszufinden. Nun aber habe sie längst den Blick für das passende Sortiment, für das ihre Kunden regelmäßig bei ihr vorbeikommen. „Unsere Arbeit ist es, die Kunden zu begeistern, so dass sie auch wiederkommen und gerne bei uns einkaufen", sagt Schulz. Dies müsse jeder Händler selber schaffen, es sei nicht die Aufgabe der HIW.

Wolfgang Otterpohl sieht in Halle durchaus Potenzial. „Der Gemeinschaftssinn könnte aber ausgeprägter sein", kritisiert auch er das zaghafte Miteinander der Einzelhändler. „Wir müssen mehr Menschen von außerhalb erreichen", sagt der Goldschmiedemeister. Gut 5.000 Menschen pendeln jeden Tag berufsbedingt von außerhalb in die Lindenstadt, alle seien potenzielle Kunden. „Wir müssen die Menschen stärker ansprechen, uns für sie interessieren und ihnen etwas bieten, das die Sinne anspricht", sagt Otterpohl. Schließlich mache es Spaß, mit Kunden umzugehen. Aber dies müsse gemeinschaftlich passieren. Ein Einzelhändler solle niemand sein, der einzeln handelt.

Doris Plaßmann-Reichelt vom Schuhhaus Reichelt sieht in der Beratung den entscheidenden Faktor, der dem stationären Einzelhandel den Vorteil gegenüber dem Onlinehandel verschaffen kann. „Unser Slogan lautet schon seit Jahren ’Weil wir wollen, dass Sie in Halle einkaufen!’", sagt Plaßmann-Reichelt. Somit unterstütze man auch das aktuelle Projekt der HIW, das in die gleiche Richtung abzielt. „Ob es allerdings wirklich Veränderungen bringen wird, weiß ich nicht", schaut Plaßmann-Reichelt eher zurückhaltend nach vorn.

Diekmann hält Gastronomie für ausbaufähig

Mehr Spielsachen: Olga Penner (links) und Elena Dyck vermissen mehr Kaufanreize für Rafael. - © Uwe Pollmeier
Mehr Spielsachen: Olga Penner (links) und Elena Dyck vermissen mehr Kaufanreize für Rafael. (© Uwe Pollmeier)

Für die meisten Einzelhändler scheint der Termin am kommenden Dienstag fest eingeplant zu sein. Nun gilt es noch, die Bürger mit ins Boot zu holen, die zu dem Info- und Ideenabend ebenfalls eingeladen sind. „Wir gehen gerne mal durch die Stadt und kaufen hier ein", sagt Elena Dyck, die ihren Sohn Rafael im Kinderwagen über den Ronchin-Platz schiebt und von ihrer Mutter Olga Penner begleitet wird. Da sie ganz in der Nähe wohne, können sie die Geschäfte gut zu Fuß erreichen. „Es fehlt aber ein richtiges Spielwarengeschäft mit einem Angebot für alle Altersklassen", sagt Dyck. Gerade für Kindergeburtstagsgeschenke müsse sie oft auf Onlinebestellungen zurückgreifen.

Boris Diekmann hält in der City vor allem die Gastronomie für ausbaufähig. „Ich vermisse eine ganz schlichte Pommesbude", sagt Diekmann. Generell „gibt es in Halle aber alles, was man zum Überleben braucht". Er wünscht sich mehr Geschäfte mit technischen Angeboten, könnte dafür aber auf den einen oder anderen Handyshop verzichten.

Info

Startschuss am Dienstag


- „Wir freuen uns auf jeden, der Interesse hat und vorbeikommt", sagt HIW-Vorsitzende Sigrun Lohmeyer mit Blick auf das Auftakttreffen am Dienstag, 26. Februar, um 19 Uhr bei Jäckel. Dort sollen Ideen gesammelt und Lösungsansätze entwickelt werden. „Wir wollen ein Blick in die Zukunft richten und die Möglichkeiten nutzen", sagt Ralf Strupat von der »Agentur Kundenbegeisterung«. Am Ende gehe es darum, sich bewusstzumachen, was Gemeinschaft bedeutet. „Jammern bringt nichts", sagt Strupat. Einen Blick auf die Einzelhandelslage in OWL wird Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer Handelsverband OWL, werfen. Der Onlinehandel nehme zwar stetig zu, allerdings mache der stationäre Handel immer noch gut 70 Prozent aus.

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