Emotionaler Moment: Neue Stolpersteine auf dem Familie-Isenberg-Platz

Zur Erinnerung an elf jüdische NS-Opfer hat die Stadt Stolpersteine setzen lassen. Aus Israel angereist sind Nachfahren der Familie Isenberg

Uwe Pollmeier

Niemand hatte es verraten: Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann (links) überrascht Eve Isaacson (77, rechts) und deren Tochter Jennifer Perach (44), die kurz zuvor das jüdische Totengebet in hebräischer Sprache vorgetragen hat, mit der Umbenennung des von-Kluck-Platzes in den Familie-Isenberg-Platz. Bei der Enthüllung des Schildes fließen Tränen bei den Isenberg-Nachfahren. - © Uwe Pollmeier
Niemand hatte es verraten: Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann (links) überrascht Eve Isaacson (77, rechts) und deren Tochter Jennifer Perach (44), die kurz zuvor das jüdische Totengebet in hebräischer Sprache vorgetragen hat, mit der Umbenennung des von-Kluck-Platzes in den Familie-Isenberg-Platz. Bei der Enthüllung des Schildes fließen Tränen bei den Isenberg-Nachfahren. (© Uwe Pollmeier)

Halle. Es sind ergreifende Szenen, die sich am Montagmorgen an der Haller Straße abspielen. Immer wieder holt Eve Isaacson ihr Taschentuch heraus, da Tränen über das Gesicht der kleinen Frau kullern. Gestützt von Tochter Jennifer und Schwiegertochter Theresa blickt sie auf den Boden vor dem Haus Lange Straße 61, wo gerade der Künstler Gunter Demnig sechs mit einer Messingplatte versehene Steinwürfel ins Pflaster eingräbt. Auf ihnen stehen die Namen ihrer 1942 deportierten und kurz darauf im Warschauer Ghetto ermordeten Großeltern und Tante. Aber auch der ihres Vaters Hans, der als einziges Familienmitglied den Holocaust überlebte, da er bereits 1936 nach Südwestafrika, ins heutige Namibia, flüchtete.

Es ist ganz still, obwohl mehr als 200 Haller im Regen dabei zuschauen, wie Demnig wortlos und den Hut tief ins Gesicht gezogen die alten Pflastersteine aus dem Gehweg entfernt und die Lücken mit den neuen Gedenksteinen füllt. Kurz zuvor hat er dies auch an der Langen Straße 25, wo einst die Familien Sachs und Jacobs lebten (siehe Infokasten), getan. Hinzu kommen rund 70.000 Stolpersteine, die der Künstler seit 1992 in 24 europäischen Ländern als Erinnerung an die NS-Opfer verlegt hat. Elf von ihnen befinden sich seit gestern auch in Halle und mit dem Besuch der aus Israel angereisten Isenberg-Nachfahren erhält die Veranstaltung eine ganz persönliche Note.

Verlegung der Stolpersteine auf dem Isenberg-Platz

„Das einzige Wort, das ich sagen kann, ist Danke."

Halles Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann bedankt sich in ihrer Rede am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus bei den Mitgliedern der »Initiative Stolpersteine«. Als besondere Überraschung enthüllt sie das neue Schild auf dem ehemaligen von-Kluck-Platz, der nun Familie-Isenberg-Platz heißt. Eve Isaacson ist gerührt darüber, dass die Stadt ihrem Vater und ihren ermordeten Großeltern, die hier ihr viel zu kurzes Leben verbracht haben, dieses Denkmal setzt.

„Das einzige Wort, das ich sagen kann, ist Danke." Sie freue sich, dass man die Erinnerung an ihre Familie wachhalte und sie sei sicher, dass ihr Vater und ihre Großeltern von oben herabschauten und alles mitbekämen. Musikalisch begleitet wird der Festakt vom durch einen Unfall und einen Gendefekt im Alter von 26 Jahren erblindeten Klezmerklarinettisten Daniel Graumann aus Hilter.

Für Eve Isaacson ist es bereits der fünfte Besuch in Halle. Beim Kaffeetrinken in der Remise erzählt die sympathische 77-Jährige aus ihrem Leben. „Ich habe meinen Vater Hans erst mit viereinhalb Jahren kennengelernt", sagt Isaacson, die 1941 in Windhoek geboren wurde. Ihr Vater sei selbst noch als Soldat unterwegs gewesen und erst 1945 nach Hause gekommen. In der Familie Isenberg wurde nicht Deutsch gesprochen, obwohl Hans aus Halle und seine Frau Ruth aus Wittmund in Ostfriesland stammte. „Wir sprachen Englisch, weil es meine Eltern so wollten", sagt Eve Isaacson.

Anfang der 1980er Jahre zum ersten Mal zurück in Halle

Erst als Wilhelm Löwenstein, ihr Großvater mütterlicherseits, nach seiner Flucht über Nordrhodesien, das heutige Sambia, nach Namibia kommt und sich um ihren 1949 geborenen und heute in Kanada lebenden Bruder kümmert, spricht sie mit ihm wieder regelmäßig Deutsch. Mit 24 Jahren heiratet sie Joe Isaacson und gemeinsam gründen sie 1975 im Süden Israels eine große Blumenfarm. Anfang der 1980er-Jahre kommt Eve zum ersten Mal nach Halle, da sie sich beruflich für ein paar Tage in Frankfurt aufhält. Es folgen vier weitere Besuche.

Ihr Vater Hans lebt bis zu seinem Tod 1995 in Südafrika. Nur einmal kehrt er nach Halle zurück, nachdem er einen Brief von seinem besten Freund Otto Gabler erhalten hat. Schlicht adressiert mit »Hans Isenberg, Afrika« kam das Dokument nach einem dreimonatigen Irrweg in Südafrika an. Gabler, der einen Friseursalon am Gartnischer Weg betrieb, hatte einst nach der Deportation der jüdischen Familie deren Klavier und eine Kiste mit der Aussteuer von Eves Tante Klara aus dem Haus der Isenbergs gerettet und bei sich gelagert. „Das Klavier konnte er nicht mitnehmen, aber Klaras Sachen haben wir heute noch", sagt Eve Isaacson.

Familien Sachs und Jacobs

Im Haus Lange Straße 25 wohnte einst der Viehhändler Albert Sachs (geboren 1869) mit seiner Ehefrau Emma (1896) und Tochter Friedel (1925). Ebenfalls waren dort zeitweise Emmas Bruder Jacob Jacobs und dessen Ehefrau Julie zuhause. Sie alle flohen bereits 1933 beziehungsweise 1938 nach Holland, wo sie ins Durchgangslager Westerbork und später nach Auschwitz und Theresienstadt kamen. Albert Sachs wird zwar aus dem KZ Auschwitz befreit, stirbt jedoch am 28. Februar 1945 an den Folgen. Tochter Friedel überlebt, leidet jedoch sehr unter den Auswirkungen. Mit nicht einmal 60 Jahren stirbt sie Anfang der 1980er Jahre.

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