Zoff hinter den Kulissen von Gerry Weber

Auch die Retail GmbH, die die eigenen Modeläden betreibt, geht ins Insolvenzverfahren. Die Münchener Tochterfirma Hallhuber soll verkauft werden

Nicole Donath,Björn Vahle,Marc Uthmann,Martin Krause

Tiefe Krise: Gerry Weber – hier das Bielefelder Geschäft – hat auch für die Retail-Tochter ein Insolvenzverfahren beantragt. Foto: Oliver Krato - © Oliver Krato
Tiefe Krise: Gerry Weber – hier das Bielefelder Geschäft – hat auch für die Retail-Tochter ein Insolvenzverfahren beantragt. Foto: Oliver Krato (© Oliver Krato)

Halle. Bei der insolventen Gerry Weber AG überschlagen sich die Ereignisse. Kaum zwei Wochen nach dem Insolvenzantrag des Mutterkonzerns ist nun auch für das größte Teilunternehmen, die Gerry Weber Retail GmbH, ein Antrag für ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gestellt worden. Betroffen sind gut 2.300 Arbeitnehmer in mehr als 800 Läden der Marken Gerry Weber, Taifun und Samoon.

Wenige Stunden, bevor dieser zweite Insolvenzantrag öffentlich wurde, hatte das schwer angeschlagene Unternehmen mit einer anderen Mitteilung überrascht: Im Rahmen der Sanierung verhandle die Gerry Weber AG „mit einem Investor über eine Brückenfinanzierung und eine mögliche Kaufoption für die Hallhuber GmbH". Mit der gewünschten Finanzspritze solle „der fortlaufende Geschäftsbetrieb von Hallhuber bis auf Weiteres sichergestellt werden".

Mit anderen Worten: Die erst 2015 übernommene Modekette Hallhuber mit mehr als 2.100 Mitarbeitern in 410 Geschäften brauchte für ihr Überleben dringend Geld. Ohne Brückenfinanzierung drohte demnach auch der lange als Hoffnungsträger geltenden Tochter die Zahlungsunfähigkeit. In der Nacht zum Freitag meldete Gerry Weber dann, die Brückenfinanzierung in Höhe von 10 Millionen Euro sei gesichert.

Gründerfamilie Weber war gegen Hallhuber-Verkauf

Die Verkaufspläne sorgen hinter den Kulissen allerdings für Streit. Wie es aus dem Umfeld der Familie Weber heißt, hätten sich Firmengründer Gerhard Weber und sein Sohn Ralf, bis Oktober 2018 noch Vorstandschef, gegen den Hallhuber-Verkauf gestemmt.

Bereits der Entschluss, für die AG ein Insolvenzverfahren zu beantragen, sei über die Köpfe der Webers hinweg entschieden worden, heißt es. Demnach scheint die noch immer mit mehr als 32 Prozent am Konzern beteiligte Gründerfamilie weitgehend entmachtet zu sein. Die Webers hätten keine Chance erhalten, mit Hilfe eines Investors selbst zur Firmenrettung beitragen zu können, so ihre Klage.

Moniert wird auch, dass angeblich nur einem Investor die Kaufoption angeboten worden sei – vorliegenden Informationen zufolge geht es um einen Hedgefonds aus der Frankfurter Robus-Gruppe. Dies soll auch der Geldgeber sein, der vor zwei Wochen das Sanierungskonzept zum Platzen brachte und die Insolvenz erzwang. Nach früheren Berichten soll Robus mit hohen Abschlägen die Forderungen von Schuldscheininhabern aufgekauft haben und so zu einem großen Gläubiger des Modekonzerns geworden sein.

"Die ehemalige Perle Hallhuber wird verschenkt"

Die Aktionärsschützerin Jella Benner-Heinacher von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) stellte fest, „die Großaktionäre sind kalt gestellt. Das einzige Asset, also die ehemalige Perle Hallhuber, wird verschenkt", so befürchtet sie.

Die Arbeitnehmerseite hielt sich mit Blick auf die Entwicklung zurück. Der Betriebsrat, der im Gläubigerausschuss vertreten und an den Gesprächen über einen Hallhuber-Verkauf beteiligt ist, wollte keine Stellungnahme abgeben. Auch die Gewerkschaft IG Metall, deren Verhandlungsführer Manfred Menningen im Aufsichtsrat sitzt, blieb stumm. Offenbar gab es eine offizielle Sprachregelung – und die besagt: kein Kommentar. Aus dem Umfeld war aber zu hören, dass die Arbeitnehmerseite einem Verkauf der defizitären Tochter Hallhuber zustimmen würde. Man sehe darin einen wichtigen Beitrag zur Rettung des Konzerns, der aktuell unter den hohen Kostenbelastungen durch Hallhuber leide.

Als zentraler Vorteil des Insolvenzverfahrens für die Retail GmbH gilt die Möglichkeit, für unrentable Filialen nun ein Sonderkündigungsrecht in Anspruch zu nehmen – Vermieter können so vielleicht auch dazu bewegt werden, die Mieten kräftig abzusenken. Das Amtsgericht Bielefeld habe dem Wunsch nach Eigenverwaltung stattgegeben, bestätigte ein Gerichtssprecher. Der Lübbecker Rechtsanwalt Stefan Meyer wurde zum vorläufigen Sachwalter bestellt.

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