Nahaufnahme: Das sagen die Altkreis-Schulleiter zum Klima-Streik

Frank Jasper,Silke Derkum-Homburg,Claus Meyer

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Unter dem Titel „Nahaufnahme" setzt das Haller Kreisblatt jede Woche einen Schwerpunkt auf ein Thema, das die Region bewegt: In dieser Woche geht es um Fridays for Future: Jeden Freitag streiken bundesweit Schüler und Schülerinnen. Auch in Halle ist eine Demo geplant. In den anderen Altkreis-Städten gibt es ebenfalls aktive Schüler:

„Eine einmalige Ausnahme"

Steinhagen (fja). Ein erster Ausläufer der inzwischen globalen Schülerprotestaktion »Fridays for Future« hat inzwischen auch das Steinhagener Gymnasium erreicht. „Tatsächlich hatten wir den Fall, dass eine Schülerin an einer Klima-Demo in Bielefeld teilnehmen wollte", berichtet Schulleiter Stefan Binder. Er hat der Schülerin die Teilnahme erlaubt – allerdings mit dem Hinweis darauf, dass es sich um ein einmaliges Ereignis handeln muss. Grundsätzlich sieht Stefan Binder den Sachverhalt problematisch, Schüler für derartige Veranstaltungen vom Unterricht freizustellen. „Da stehen sich Demonstrationsrecht und Schulpflicht gegenüber."

Links zum Thema
Nahaufnahme: In Halle wird eine Klima-Demo geplant - KGH-Leiter sieht den Streik kritisch

Als Schulleiter stehe man schnell doof da, wenn man den Schülern die Teilnahme untersagt. Zumal die Entwicklung eines politischen Meinungsbildes von jungen Menschen durchaus wünschenswert sei. „Doch die Schulpflicht ist ein hohes Gut und muss eingehalten werden. Es stellt sich die Frage, warum die Klima-Demos der Schüler ausgerechnet freitagvormittags stattfinden müssen", sagt Binder. Fänden sie nachmittags statt, könnten Demonstrationsrecht und Schulpflicht ganz wunderbar in Einklang gebracht werden. Das Thema Klimaschutz genießt am Steinhagener Gymnasium seit jeher einen hohen Stellenwert. „Wir haben eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach, betreiben einen Eine-Welt-Shop und nehmen regelmäßig an den Klimatagen in Bielefeld teil", zählt Stefan Binder Beispiele auf.

Demos vor Ort statt lange Reisen in Großstädte

Versmold (sim). Klaus Blenk, Schulleiter der CJD-Sekundarschule, sieht die Schulstreiks gelassen. „Bisher ist das bei uns noch kein Thema gewesen", sagt er. Prinzipiell begrüße er, wenn sich Schüler politisch engagierten. „Es ist richtig, wenn Jugendliche sagen: Tut mal was, damit wir in der Welt von morgen noch leben können." Dafür würde er auch ein Fernbleiben aus der Schule in Kauf nehmen, betont aber: „Einfach wegzubleiben, ist nicht gut. Ich möchte schon gerne wissen, wo die Schüler sind und was sie vorhaben." Und sie sollten vor Ort bleiben. Nach Berlin oder in umliegende Großstädte zu fahren, sei wenig sinnvoll. Eine Aktion vorm Versmolder Rathaus wäre der passendere Rahmen.

Auch am CJD-Gymnasium sieht man vor allem den pädagogischen Aspekt: „Grundsätzlich finde ich es gut, wenn sich Schüler für die Umwelt, das Klima oder soziale Themen engagieren", sagt Schulleiter Karsten Jochmann. Dafür würde er auch tolerieren, dass sie freitags auf die Straße gehen – außer, es stehen Klausuren an. Wenn aus dem kurzfristigen Engagement jedoch eine dauerhafte regelmäßige Aktion würde, hätte die Toleranz aber auch irgendwann ihre Grenzen. „Man muss auch die Kirche im Dorf lassen, denn schließlich sind wir eine Bildungseinrichtung", sagt Jochmann. Doch bisher habe es am CJD-Gymnasium auch noch keine entsprechenden Aktionen gegeben. „Ich weiß aber nicht, ob es nicht in der SV ein Thema ist, gehört habe ich davon noch nichts", berichtet Karsten Jochmann.

Nach der 5. Stunde auf den Jahnplatz

Werther (clam). Am vergangenen Freitag haben sich 15 baldige Abiturienten des Evangelischen Gymnasiums Werther (EGW) zum Bielefelder Jahnplatz aufgemacht. Hier waren sie Teil der Demonstration von Fridays for Future und »Ende Gelände«. Dem Aufruf zum Streik für eine klimagerechte Welt und den Kohleausstieg waren insgesamt rund 300 Schüler gefolgt.Geschwänzt haben die Q 2-Schüler und -Schülerinnen aus Werther am Freitag nicht. Die Aktion war mit der Schulleitung abgesprochen. „Wir haben ihnen die Möglichkeit eingeräumt, nach der fünften Stunde dorthin zu gehen", sagt Schulleiter Christian Kleist. Das Engagement erachtet er als „notwendig".

Andererseits sei es „schwierig, Unterricht in Gänze ausfallen zu lassen". Das Phänomen der Freitagsdemonstrationen fürs Klima ist neu, auch am EGW muss man die Ereignisse erst einmal einordnen und bewerten. Ein erstes Feedback der an der Demo Beteiligten ist positiv ausgefallen. „Die Schüler haben gesagt, es ist schön, wenn andere auch dafür demonstrieren", schildert Kleist. Kleist verweist auf das bisherige Engagement des EGW in Sachen Klimaschutz. „Wir machen eine Menge", sagt er. Beispielsweise bestehen eine Kooperation mit dem E&U Energiebüro in Bielefeld und das Lernstudio »Prima Klima«.

Info
„Straffreiheit schadet hier"
  • Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann erklärte in einem Gespräch mit der Zeitung »Die Welt«, dass eine Straffreiheit für die Schüler den Protesten schade. „Die Schule leistet den Schülerinnen und Schülern einen Bärendienst, weil sie ihren zivilen Ungehorsam ins Leere laufen lässt und damit entwertet", sagt er. Für die Schulen sieht der ehemalige Professor der Uni Bielefeld zwei Möglichkeiten: Entweder würden Sanktionen umgesetzt – oder es müssten klare Bedingungen mit den Schülern, wie zum Beispiel das Nachholen der ausgefallenen Stunden, ausgehandelt werden.

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.