Nahaufnahme: Auch in Halle wird fürs Klima die Schule geschwänzt

Unter dem Titel „Nahaufnahme“ setzt das Haller Kreisblatt jede Woche einen Schwerpunkt auf ein Thema, das die Region bewegt: In dieser Woche geht es um Fridays for Future: Jeden Freitag streiken bundesweit Schüler und Schülerinnen – und werden dafür kritisiert.

Heiko Kaiser

Mehrere hundert Jugendliche trafen sich vorvergangenen Freitag am Bielefelder Rathaus, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. - © Dennis Angenendt
Mehrere hundert Jugendliche trafen sich vorvergangenen Freitag am Bielefelder Rathaus, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. (© Dennis Angenendt)

Altkreis Halle.Wir werden die Leidtragenden des Klimawandels sein", heißt es auf der Internetseite von »Fridays for Future«. Am 25. Januar haben bundesweit 25.000 Schülerinnen und Schüler für mehr Klimaschutz demonstriert und dabei die Schule geschwänzt. Sie folgten damit dem Beispiel der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg. Die 16-Jährige demonstrierte im Sommer jeden Freitag vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm, statt die Schulbank zu drücken.

Auch Schülerinnen und Schüler aus dem Altkreis Halle gingen für das Klima auf die Straße und ernteten dafür auch Kritik. Erik Stoppenbrink, Schülersprecher am Kreisgymnasium Halle, war zusammen mit 14 Mitschülern in Bielefeld dabei: „Vorher hatten wir bei der Schulleitung angefragt, ob es entschuldigt würde. Dem wurde nicht entsprochen."

Links zum Thema
Was die Altkreis-Schulleiter zum Klima-Streik sagen

Keine Demos während des Unterrichts

Markus Spindler, Leiter des KGH, hält Klimademonstrationen in Deutschland nur bedingt für sinnvoll: „Es wäre angemessen, in China zu demonstrieren. Aber das ist aus bekannten Gründen dort nicht möglich. Deutschland tut hingegen schon sehr viel für das Klima."

Grundsätzlich stehe man in dieser Frage auf dem Standpunkt des Ministerium in Düsseldorf, dass Schülerdemonstrationen während der Unterrichtszeit verboten sind. „Dagegen begrüßen wir es ausdrücklich, wenn sich Schüler in der Gesellschaft einbringen", betonte Spindler.

Deshalb wolle man auch in den Fällen, wo Schüler dem Unterricht ferngeblieben sind, nicht überreagieren, sondern auf der niedrigsten Sanktionsstufe bleiben und die Zeiten als unentschuldigte Fehlstunden im Zeugnis vermerken.

Spindler kündigte zudem an, auch bei einer Einladung nicht zur Demonstration am Freitag gehen zu wollen. „Demonstration und Schule sind doch zwei Paar Schuhe. Dass die Schüler sich politisch engagieren, finde ich gut, aber niemand kann erwarten, dass politisches Engagement auch persönlich unterstützt wird", sagte er.

Demos sind „absolut notwendig"

Erik Stoppenbrink hält diese Demonstrationen hingegen für „absolut notwendig". Die oft geäußerte Kritik, die Demos würden die Ziele einer bestimmten politischen Richtung verfolgen und dürften auch deshalb von der Schule nicht erlaubt werden, entgegnet er: „Es geht hier nicht um eine politische Meinung. Es geht um eine allgemeine gesellschaftliche Aufgabe. Denn die Frage ist doch: Für welche Zukunft sollen wir in der Schule noch lernen? Der Klimawandel nimmt keine Rücksicht auf Bildung."

Stoppenbrink würde sich auch durch Sanktionen nicht von der Teilnahme an den Demonstrationen abhalten lassen. „Es ist doch das Ziel der Schule, Schüler zu mündigen Bürgern zu erziehen. Von der fünften Klasse bis zur Q 2 wird der Klimawandel als menschengemacht thematisiert."

„Klimaschutz ist längst nicht mehr optional"

Seine Mitschülerin Mascha Bierhake hat bereits zweimal an Demonstrationen teilgenommen. „Es gab Lehrer, die signalisiert haben, dass sie es gut finden. Auf der anderen Seite aber bin ich beispielsweise in Mathematik im Mündlichen um einen Notenpunkt abgesackt, weil meine Fehlzeit mit einer Sechs bewertet wurde", erklärt die 16-Jährige. Dennoch will sie sich weiter engagieren. „Klimaschutz ist längst nicht mehr optional. Der Sommer im vergangenen Jahr war ein Indiz dafür, was uns noch erwarten wird. Wenn ich sehe, wie diese älteren Herrschaften in Berlin entscheiden, dass der Kohleausstieg nun in 19 Jahren stattfindet, dann fühle ich mich unfair behandelt und will das nicht hinnehmen", sagt sie.

So hatten Mascha Bierhake und ihre Mitstreiter für Freitag ab 10.30 Uhr eine Demonstration vor dem Haller Rathaus angemeldet – eigens für die Zeit nach der Zeugnisausgabe. Aber diesem Antrag wurde unter anderem mit einem Verweis auf den stattfindenden Wochenmarkt und den benötigten Parkraum nicht stattgegeben. Das heißt aber nicht, dass die Schüler aufgeben – jetzt suchen sie eben nach Plan B.

Der Kommentar: Würdigung statt Sanktionen

Die Politik hat versagt. Seit Jahren löst eine Klimakonferenz die andere ab. Geändert hat sich nichts – im Gegenteil: Der weltweite CO2-Ausstoß steigt unaufhörlich weiter. Die Generation, die es einmal ausbaden muss, hat es nun satt, beim Geschacher um Grenzwerte und Laufzeiten untätig zuzusehen. Sie will es nicht länger hinnehmen, dass die Generation ihrer Eltern und Großeltern Renditen über den Erhalt der natürlichen Lebensbedingungen stellt und so die Zukunft des Planeten verzockt. Nun stehen sie auf, und ja, sie brechen Regeln. Das müssen sie, weil sonst doch niemand auf sie hören würde. Endlich gibt es wieder Jugendliche, die sich engagieren, die Verantwortung übernehmen wollen. Das darf nicht sanktioniert, das muss gewürdigt werden.

Info
»Fridays for Future« auch im Kreis Gütersloh

Mehr als 30 Schülerinnen und Schüler engagieren sich in der Regionalgruppe Gütersloh für »Fridays for Future«. Da-runter sind nicht nur junge Menschen aus Gütersloh, sondern auch aus den umliegenden Städten. Ein Link zu ihrer WhatsApp-Gruppe wurde auf der offiziellen Homepage der Aktion hinterlegt, damit sich weitere Menschen anschließen können. Intern gibt es weitere Links zu verschiedenen Arbeitsgemeinschaften.Darüber werden Aktionen koordiniert – wie zum Beispiel eine gemeinsame Fahrt am vergangenen Freitag zur Demo nach Bielefeld.
Noch nicht festgelegt, aber in Planung ist momentan eine Demonstration in Gütersloh, informieren zwei der jungen Aktivisten. Die neu gegründete Gruppe befindet sich momentan noch in der Planungsphase. Anvisiert für die Demo wird Freitag, 15. März.
Kontakt zu den Regionalgruppen unter:
(mw)

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