Suche nach Fachpersonal: Haller Zahnarzt geht ungewöhnlichen Weg

Rüdiger Schenk sucht eine zahnmedizinische Fachangestellte. So wie ihm geht es vielen Zahnärzten, die um das knappe Personal konkurrieren. Jetzt hat der Mediziner eine ungewöhnliche Anzeige geschaltet

Heiko Kaiser

Schnick, Schnack, Schnuck: Yvonne Fastabend (von links) und Sabine Meyer-Wolfram losen aus, wer Rüdiger Schenk bei der Behandlung assistieren wird. Jana Kröger vom Praxisteam hat derweil schon einmal Platz auf dem Behandlungsstuhl genommen. - © Heiko Kaiser
Schnick, Schnack, Schnuck: Yvonne Fastabend (von links) und Sabine Meyer-Wolfram losen aus, wer Rüdiger Schenk bei der Behandlung assistieren wird. Jana Kröger vom Praxisteam hat derweil schon einmal Platz auf dem Behandlungsstuhl genommen. (© Heiko Kaiser)

Halle. „Wir suchen ab sofort 5 fleißige männliche ZFA oder 1 weibliche ZFA. Wenn du Lust an deinem Job hast, Schnick, Schnack, Schnuck um die Assistenz einer Behandlung spielen oder du den Fluchtwagen nach praxisinternen Kinoabenden fahren möchtest, dann bist du bei uns genau richtig." Diese Stellenanzeige im Haller Kreisblatt hat für Aufsehen gesorgt. Ein Spaß war sie nicht.

„Eher ein Hilferuf", sagt Rüdiger Schenk. Entspannt lehnt sich der Haller Zahnarzt im Sessel des Wartezimmers zurück. Entspannt ist die personelle Situation hingegen nicht. Seit geraumer Zeit sucht die Praxis eine weitere Zahnmedizinische Fachangestellte (ZFA). „Ich habe sogar Anzeigen im Raum Osnabrück geschaltet. Ohne Erfolg", berichtet Schenk. Das ist nicht ungewöhnlich. Auf den Seiten der Bundesagentur für Arbeit werden aktuell über 1.600 ZFA gesucht – fast alle ab sofort. Allein für die Region Gütersloh/Bielefeld weist das Portal knapp 200 unbesetzte Stellen aus.

„Die Situation ist in den vergangenen drei, vier Jahren immer schwieriger geworden", berichtet Schenk. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Man wird nicht reich in diesem Beruf", nennt er einen entscheidenden. Dabei zahlt die Praxis nach Tarif, was in der Branche keineswegs selbstverständlich ist, wie der Verband medizinischer Fachberufe (VmF) kürzlich berichtete. Demnach erhalten nur 40 Prozent der Zahnmedizinischen Fachangestellten ein Gehalt, das sich entweder an der Tariftabelle orientiert oder darüber liegt. Dagegen liegt das Einkommen von 39 Prozent der ZFA unter dem Tarif, bei 21 Prozent sogar beim Mindestlohn und darunter.

Nur knapp zwei Prozent aller Auszubildenden sind männlich

Die Fachzeitschrift »Der Freie Zahnarzt« meldete, dass die ZFA zwar zu den Ausbildungsberufen gehört, die von Frauen am stärksten nachgefragt werden. Gleichzeitig belege der Beruf auf der Hitliste der unzufriedensten Auszubildenden den zweiten Platz.

Hingegen wirbt die Praxis Schenk mit ihrem guten Arbeitsklima. „Wir sind einfach ein tolles Team", sagt Jana Kröger, die seit neun Jahren dabei ist und heute den Bereich Praxismanagement leitet. Ihre beiden Kolleginnen Yvonne Fastabend und Sabine Meyer-Wolfram nicken zustimmend. In der Tat wirkt die Atmosphäre im Warteraum, der mit flauschigem Teppichboden ausgelegt ist, ungezwungen. Das gilt auch für den Chef. „Ich bin sicher kein Halbgott in Weiß", sagt Rüdiger Schenk und lacht. Von den Mitarbeiterinnen gibt es keinen Widerspruch.

Das Schnick, Schnack, Schnuck um die Stuhlassistenz steht daher als Bild für die gute Stimmung in der Praxis. Gleiches gilt für den Fluchtwagen nach praxisinternen Kinobesuchen. „Wir unternehmen eben gerne etwas zusammen", sagt Yvonne Fastabend.

Und was hat es mit den fünf fleißigen männlichen ZFA auf sich, die Schenk einzustellen plant? Der Zahnarzt schmunzelt. Er weiß, er wird niemals fünf Männer für seine Praxis finden. Denn nur knapp zwei Prozent aller Auszubildenden sind männlich. Tatsächlich gilt es, zwei offene Stellen zu besetzen. Bewerberinnen sollten neben der Lust am Job vor allem die Schnick-Schnack-Schnuck-Regeln kennen.

Info

3500 Azubis gesucht

In Deutschland gibt es etwa 210.000 Zahnmedizinische Fachangestellte, davon sind rund 30.000 Auszubildende. Viele der angebotenen Ausbildungsstellen konnten 2018 nicht besetzt werden. So meldete die Arbeitsagentur in ihrem Monatsbericht für August des vergangenen Jahres rund 3.500 freie Ausbildungsplätze.

Erschwerend kommt hinzu, dass fast jede dritte Azubi ihre Ausbildung bereits nach wenigen Wochen abbricht. Ein Grund für schwierige Situation ist die Tatsache, dass der Beruf der »Zahnarzthelferin« nach wie vor zu den Berufen mit dem geringsten Gehalt gehört. Das Tarifgehalt liegt zwischen 1.891 Euro für Einsteigerinnen und knapp 3.000 Euro nach 13 bis 15 Berufsjahren. Auszubildende verdienen zwischen 800 Euro im ersten und 900 Euro im dritten Jahr.

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