Messerstecherei am Postweg: Aus der U-Haft direkt in die Freiheit

Der Streit um ein Handy endete mit schwersten Stichverletzungen. Nun ist der Täter dennoch frei und fährt nach Hause

Herbert Gontek

Symbolfoto - © Foto: Sebastian Duda - Fotolia
Symbolfoto (© Foto: Sebastian Duda - Fotolia)

Halle. Er kam als Gefangener in Begleitung von zwei Justizbeamten, gut 45 Minuten später durfte er als freier Mann gehen. Nach sechs Monaten und sieben Tagen U-Haft war der 35-jähriger Klempnergeselle aus Zagreb wieder raus aus dem Gefängnis. Zuvor war er vom Schöffengericht am Amtsgericht Bielefeld wegen einer Messerattacke auf einen 32-jährigen Letten, der schwere Verletzungen erlitt, zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden. Noch gestern Abend fuhr er mit dem Flixbus zurück in seine Heimat.

Der damals 34-Jährige war im Sommer erst wenige Tage in Deutschland gewesen und hatte sich auf einen neuen Job vorbereitet. Untergebracht war er im Hostel am Postweg. Dort betranken sich am Nachmittag des 21. Juli mehrere Männer recht heftig. In diesem Zustand soll ein 32-jährige Lette das Firmenhandy des Angeklagten wohl mit dessen Erlaubnis benutzt haben. Als er die Rückgabe verweigerte, geriet der Kroate in Panik, ging in die Küche, holte sich ein Küchenmesser und baute sich damit vor dem Letten auf.

Das bekamen die anderen Hausbewohner mit, die sofort alles versuchten, dem Mann das Messer abzunehmen. Auch ein 22-jähriger Zeuge zog plötzlich ein Messer – zur Gefahrenabwehr – wie er in einer früheren Befragung sagte. Die Meute jagte den dann flüchtenden Mann und brachte ihn zu Fall. Der Lette saß nun auf dem liegenden Kroaten und versuchte ihm das Messer abzunehmen. Dabei erlitt er zwei Stiche in die Nierengegend, außerdem Verletzungen an der Hand.

Geladene Zeugen kamen nicht

Nach der Attacke flüchtete der Täter in sein Zimmer und schloss sich ein. Die Polizei nahm ihn mit, seitdem saß er in U-Haft. Die geladenen Zeugen kamen leider nicht zum Prozess, da die beauftragte Polizei Gütersloh die Ladungen nicht zustellen konnte. Weder die Firmen der Männer noch Exbewohner des Hauses konnten Angaben zum Aufenthalt der Zeugen machen.

„Dann muss es auch ohne die Zeugen gehen," sagte die vorsitzende Richterin. Der 35-Jährige räumte ein, zugestochen zu haben. „Sie haben das Messer eingesteckt, das war ihr Fehler. Sie sind von den anderen auch bedrängt worden, aber Notwehr lag hier für sie nicht vor", machte die Richterin dem Mann klar. Der Klempner hatte zur Tatzeit rund 3,5 Promille Alkohol im Blut, ihm wurde daher verminderte Schuldfähigkeit zugestanden.

Dann kam die Urteilsverkündung und plötzlich war der Mann aufgrund der zur Bewährung ausgesetzten Strafe frei. Schon die Fahrt zur Justizvollzugsanstalt übernahm ein Prozesszuschauer. Verhaftet im Hochsommer erhielt er noch passend zur Jahreszeit eine gebrauchte Winterjacke geschenkt. Sein Geld reichte noch fürs Busticket nach Zagreb. „Das muss ich alles erst verarbeiten", sagte er in gebrochenem Deutsch. So habe er sich den Deutschlandaufenthalt nicht vorgestellt.

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