Gerry Weber im Krisenmodus: Das sagen Betriebsrat, Stadt und die Kunden

Das Insolvenzverfahren des Modekonzerns Gerry Weber beschäftigt Halle in diesen Tagen an vielen Fronten. Der Betriebsrat gibt sich kämpferisch, die Stadt macht Pläne – und die Menschen haben Sorge

Melanie Wigger,Christina Pulido Lopez,Marc Uthmann

Alles auf dem Prüfstand: Die Sanierung von Gerry Weber steht seit Freitag unter komplett neuen Vorzeichen. - © Ulrich Fälker
Alles auf dem Prüfstand: Die Sanierung von Gerry Weber steht seit Freitag unter komplett neuen Vorzeichen. (© Ulrich Fälker)

Halle. Das Insolvenzverfahren des Modekonzerns Gerry Weber beschäftigt Halle in diesen Tagen an vielen Fronten. Der Betriebsrat gibt sich kämpferisch, die Stadt macht Pläne. Und die Kunden kaufen weiter ein.

Die Kunden

Im Outlet-Center von Gerry Weber am Ravenna Park merken die Kunden nichts von der Insolvenz des Modekonzerns. Durch Fernsehen, Zeitung, Internet und Radio wissen sie aber Bescheid. „Es wäre total schade, wenn es die Marke nicht mehr gäbe", sagt Monika Lippke. Die 57-Jährige fährt seit 20 Jahren zwei Mal im Jahr mit ihren Freundinnen aus Dorsten ins Outlet. „Ich schätze die Qualität der Kleidung und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt auch."

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Insolvenz ist persönliche Niederlage des Chefs

Ähnlich geht es den fünf Frauen einer anderen Gruppe aus Dortmund. Es wäre traurig, wenn es die Marke nicht mehr geben würde. Anderseits kann sich keine von ihnen vorstellen, dass das passiert. „Die Verantwortlichen sollen sich einfach bemühen und den Laden aufrecht erhalten", sagt eine von ihnen. „Mir würde mein halber Kleiderschrank fehlen, wenn es Gerry Weber nicht mehr gäbe", sagt eine 34-jährige Versmolderin, die gemeinsam mit ihrer Mutter zum Shoppen im Outlet ist. Als Kundenberaterin brauche sie vernünftige Businesskleidung, die sie bei Gerry Weber immer finde. Beide mögen den sportlich-eleganten Stil der Kleidung. „Manchmal ist es allerdings etwas altbacken." Aber die Qualität sei immer gut.

Der Betriebsrat

„Ich weiß noch nicht, wie ich die Stimmung im Unternehmen deuten soll", sagt der Betriebsratsvorsitzende Lutz Bormann. „Es liegt irgendwo zwischen Enttäuschung, Wut und Trotz." Er selbst tendiert zu letzterer Haltung: „Jetzt zeigen wir es denen da draußen – auch die Läden brauchen unsere Ware, und die ist gut." Nach dem Rückschlag vom Freitag gehe es für den Betriebsrat nun darum, schnell wieder in den Austausch mit den Verantwortlichen zu kommen. „Wir werden sicherlich noch in dieser Woche mit Sachwalter Stefan Meyer sprechen."

Zudem wird nun ein Gläubigerausschuss gebildet. „Dort werden wir die Interessen der Arbeitnehmer vertreten – sie sind zumindest zahlenmäßig die größte Gruppe." Dass aufgrund des Insolvenzverfahrens nun wieder mehr Arbeitsplätze als bisher geplant wegfallen sollen, glaubt Lutz Bormann nicht: „Wir müssten erstmal die vereinbarten Maßnahmen umsetzen." Und womöglich verbessere das Insolvenzverfahren hier und da ja sogar die Position des Unternehmens: „Wenn wir Mietverträge neu verhandeln können, wird der ein oder andere Laden vielleicht wieder rentabel."

Die Gerry-Weber-Kita

Die Zukunft der Gerry-Weber-Betriebskita wird bald zum politischen Thema. Am 27. Februar berät der Ausschuss für Jugend und Soziales über den Antrag des Unternehmens den städtischen Zuschuss von derzeit 47.000 Euro zu verdoppeln – damit wären die gesamten Betriebskosten von Land und Stadt finanziert. Parallel dazu laufen Gespräche, den Anteil der Plätze für Nicht-Gerry-Weber-Kinder zu erhöhen. Aktuell ist die Stadt an der vom Verein PME-Familienservice betriebenen Einrichtung mit 20 Prozent beteiligt. 85 der 95 Plätze sind aktuell belegt, davon 20 von externen Kindern.

Dieser Anteil könnte sich im Verlauf der Verhandlungen noch erhöhen. „Natürlich befassen wir uns zusammen mit dem Kreis Gütersloh auch mit einem Szenario, in dem das Unternehmen kein Geld mehr in die Kita steckt", sagt Regina Bresser, Fachbereichsleiterin Bürgerdienste. Das würde bedeuten, dass die Kita unter anderer Regie weiterlaufen müsste. Regina Bresser erwartet auch durch die angekündigten Entlassungen Auswirkungen auf die Kinderbetreuung: „Es wird Eltern geben, die bei der Betreuung im Offenen Ganztag sparen." Auch hier könnte die Auslastung also sinken.

Info

Landhotel und Läden in der Region

Das Insolvenzverfahren hat keinen Einfluss auf die Gerry-Weber-Läden in Halle und Versmold. Ob sie jedoch vom Restrukturierungsprogramm betroffen sind, lasse sich im Moment nicht sagen, so ein Sprecher des Unternehmens. Aktuell liege die Priorität der Sanierung an anderer Stelle.

Für den Verkauf des Gerry-Weber-Landhotels laufen derzeit Gespräche zwischen Geschäftsführer Ralf Weber und den Investoren des neuen Hotel-Restaurants Grünwalde: Kurt Wagemann, Gerrit Imkemeyer und Matthias Stüve. Laut Wagemann sei vor Donnerstag nichts spruchreif. (nic/mw)

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