100 Jahre Frauenwahlrecht: Haller Rat ist der weiblichste in OWL

Wählen und sich wählen lassen – dieses Recht haben sich Frauen zu Zeiten der Weimarer Republik erkämpft. Heute hat der Rat in Halle den höchsten Frauenanteil in ganz OWL.

Christina Pulido Lopez,Melanie Wigger

Damals und heute: Vor 100 haben sich Frauen das aktive und passive Wahlrecht erkämpft. Heute ist der Haller Rat derjenige mit dem höchsten Frauenanteil in OWL. - © Montage: Sandra Neumann
Damals und heute: Vor 100 haben sich Frauen das aktive und passive Wahlrecht erkämpft. Heute ist der Haller Rat derjenige mit dem höchsten Frauenanteil in OWL. (© Montage: Sandra Neumann)

Halle. Heute vor 100 Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal an die Wahlurne. Sie wählten damals die Deutsche Nationalversammlung. Aber nicht nur das: Sie durften sich auch selbst wählen lassen. Ein Meilenstein in der Geschichte der Frauenbewegungen.

Im Haller Rat saß bereits 1919 die erste Frau. Ida Kisker, damals 38 Jahre alt, gehörte der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) an und wurde von 1919 bis 1929 in den Rat gewählt. Außerdem war sie Kreistagsabgeordnete für den damaligen Kreis Halle. Sie setzte sich während ihrer politischen Karriere mit Fragen zu Geschlechterproblematik im Arbeitsleben und mit Frauen in der Landwirtschaft auseinander.

Dokumente dazu gibt es im Haller Stadtarchiv. Die promovierte Volkswirtin arbeitete als Kontoristin – also als Verwaltungsangestellte – und hatte Kontakte zur Frauenbewegung . Das alles geht aus der Zusammenfassung der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen NRW hervor. Auf deren Homepage findet sich auch eine Karte, die sortiert nach Kommunen zeigt, wann die ersten Frauen in die Räte eingezogen sind.

Auszug aus dem Haller Kreisblatt von 1919

Auch das Haller Kreisblatt berichtete bereits 1919 über die Wahl zu den Gemeinderäten in der Region. Dabei sinnierte in der Samstagsausgabe am 1. März ein Redakteur darüber, was die Gesellschaft erwarten kann, wenn Frauen in den Räten sitzen. Es wird ausgeführt, dass die Frau sich in vielem verdient gemacht hätten, nicht nur in Sachen Haushalt, Pflege und Betreuung, sondern auch in der „Überwachung der industriellen Tätigkeit".

Weiter heißt es zwar: „Die letzte Aufgabe des Weibes, politisch orientiert sein wie es will, wird gipfeln in der Erhaltung der Rasse und deren Veredelung durch Geselligkeit und häuslichen Anstand." Dann kommt der Autor aber zum Schluss, dass die Frau in der Politik doch gar nicht so schlimm ist, weil sie „nichts weiter sein will als Staatsbürgerin mit allen Rechten und allen Pflichten einer solchen".

Der Haller Rat war einer der Vorreiter in Sachen Frauen und Kommunalpolitik in der Region. Heute ist er in OWL derjenige mit dem höchsten Frauenanteil. Mit 43,6 Prozent liegt er weit über dem OWL-Durchschnitt von 35 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Erhebung, die der WDR in den Kommunalparlamenten angestellt hat. Dabei ist die SPD bei 14 Sitzen im Rat mit neun Frauen vertreten. Die CDU kommt bei 13 Sitzen auf vier Frauen, die Grünen mit sechs Sitzen auf zwei Frauen und die UWG mit drei Sitzen auf eine Frau.

„Offenbar haben wir den kritischen Punkt überwunden, wo man sich als Frau relativ allein unter Männern fühlt", sagt Kirsten Witte von den Grünen. Dass Halle eine Bürgermeisterin habe, sei außerdem ein starkes Signal. „Wenn frau weiß, dass sie nicht alleine ist, fällt es leichter, mitzumachen."

Auch das kollegiale Klima im Rat und in den Ausschüssen sei sicherlich motivierend für Frauen und Männer, findet Elke Rosenthal von der CDU. „Zickenkriege gibt es bei uns nicht", sagt sie. „Die Frauen im Haller Rat sind tough, denn sie müssen ihren Mann stehen."

Wer mehr über die Geschichte von Haller Frauen in der Politik erfahren möchte, der kann sich im virtuellen Museum »Haller Zeiträume« unter www.haller-zeitraeume.de/aktuelles informieren.

Renate Bölling

Renate Bölling - © Privat
Renate Bölling (© Privat)

SPD, 67, seit etwa 30 Jahren in der Kommunalpolitik, Lehrerin im Ruhestand, politische Schwerpunkte sind Schulpolitik und Soziales

Warum Lokalpolitik?

Vor 30 Jahren wurden politische Entscheidungen fast ausschließlich aus männlicher Sicht umgesetzt. Das wollte ich ändern und habe nicht lange gezögert, als sich mir die Möglichkeit bot, für den Stadtrat zu kandidieren.

Privatleben, Beruf, Politik: Wie meistern Sie das?

Familie, Beruf und Politik unter einen Hut zu bringen, war nicht immer einfach. Gute Planung, Disziplin und die Unterstützung meines Partners waren sehr wichtig.

Warum sollten mehr Frauen in die Kommunalpolitik?

Frauen und Männer können unterschiedliche Sichtweisen in die Politik einbringen. Bei politischen Entscheidungen sollte ein breites Spektrum von Erfahrungen eingebracht werden. Nur so kann eine Kommune für alle attraktiv und lebenswert sein und auch bleiben.

Anke Ruprecht

Anke Ruprecht - © Melanie Wigger
Anke Ruprecht (© Melanie Wigger)

SPD, 55, medizinische Fachangestellte, politische Schwerpunkte sind Umwelt- und Klimaschutz sowie Stadtplanung und -entwicklung.

Warum Lokalpolitik?

Im Rat bin ich seit 2014 – ich habe kandidiert, weil ich mehr über die Hintergründe der im Stadtrat gefällten Entscheidungen erfahren wollte. Frei nach dem Motto: Nicht meckern, sondern mitmachen.

Privatleben, Beruf, Politik: Wie meistern Sie das?

Meine Teilzeitarbeit lässt mir neben anderen Ehrenämtern Raum für die politische Arbeit. Sie nimmt bei mir insgesamt zwischen 10 und 15 Wochenstunden ein.

Warum sollten mehr Frauen in die Kommunalpolitik?

Es sollte selbstverständlich sein, dass Frauen in den politischen Gremien mitbestimmen, um alle Standpunkte sorgsam abzuwägen.

Claudia Lantzke

Claudia Lantzke - © Privat
Claudia Lantzke (© Privat)

SPD, 53, zahnmedizinische Verwaltungsassistentin, politische Schwerpunkte sind Jugend und Soziales sowie Schulpolitik.

Warum Lokalpolitik?

2002 kam ich mit unserer Bürgermeisterin ins Gespräch. Dieser Kontakt war für mich der Anreiz zum Mitgestalten. Kritik an Politik zu üben, aber sich selbst nicht einzubringen, passte für mich nicht zusammen.

Privatleben, Beruf, Politik: Wie meistern Sie das?

Man muss Prioritäten setzen und teilweise Abstriche machen. Der Zeitaufwand ist nicht gering. Durch gute Organisation lässt sich das aber unter einen Hut bringen.

Warum sollten mehr Frauen in die Kommunalpolitik?

Frauen haben andere Sichtweisen und Schwerpunkte und machen eine andere Politik. Eine gute Mischung von Frauen und Männern in Stadt- und Gemeinderäten öffnet den Horizont für bessere Entscheidungen mit Betrachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Elke Rosenthal

Elke Rosenthal - © Melanie Wigger
Elke Rosenthal (© Melanie Wigger)

CDU, 56, ehemalige Unternehmensberaterin, politische Schwerpunkte sind Schule, Kultur, Tourismus.

Warum Lokalpolitik?

Ich möchte Halle aktiv mitgestalten. Angefangen hat das durch mein Engagement in der Gesamtschule. Ich habe mich in die Schulpolitik eingearbeitet und als sachkundige Bürgerin erste Grundlagen gelernt. Ich bin nach und nach in die Kommunalpolitik hineingewachsen.

Privatleben, Beruf, Politik: Wie meistern Sie das?

Für die Politik investiere ich meine Freizeit. Selbst wenn ich gerade nicht viel Zeit habe, versuche ich, bei möglichst vielen Veranstaltungen dabei zu sein.

Warum sollten mehr Frauen in die Kommunalpolitik?

Ich komme aus der Unternehmensberatung – eine Männerwelt. Deshalb weiß ich: Ohne Frauen wäre das Miteinander in der Politik anders. Es würde eine Komponente fehlen. Bei Entscheidungen zu Kindern und Schule sind Mütter oft näher am Thema dran.

Ute Müller

Ute Müller - © HK
Ute Müller (© HK)

CDU, 55, Ärztin, politische Schwerpunkte sind Umwelt- und Klimaschutz, Jugend und Soziales, Stadtentwicklung, Finanzen.

Warum Lokalpolitik?

In meiner Familie war Gleichberechtigung nie ein Thema, weil sie selbstverständlich war. Nach meinem Umzug habe ich andere Erfahrungen gemacht: Zum Beispiel Handwerker, die mit ihrer Arbeit erst auf die Rückkehr meines Mannes gewartet haben. Dann kam der Punkt, an dem ich selbst aktiv werden wollte.

Privatleben, Beruf, Politik: Wie meistern Sie das?

Für Vollzeitberufstätige ist das ein breiter Spagat, der nur mit persönlichem Verzicht möglich ist. Schließlich muss man bereit sein, sich über die Termine hinaus permanent kundig zu machen und weiterzubilden.

Warum sollten mehr Frauen in die Kommunalpolitik?

Nicht allein Frauen, sondern Menschen im Allgemeinen müssen sich mehr engagieren, wenn sie etwas für ihr Land tun wollen. Das gilt völlig geschlechtsneutral.

Kirsten Witte

Kirsten Witte - © Privat
Kirsten Witte (© Privat)

Grüne, 52, promovierte Volkswirtin, politische Schwerpunkte sind Stadtentwicklung, Digitalisierung.

Warum Lokalpolitik?

Die Lust mitzugestalten. Mich interessiert, was vor meiner Haustür passiert und warum es passiert. Der konkrete Anlass war die Entscheidung des Rates, das Freibad zu schließen, womit ich nicht einverstanden war.

Privatleben, Beruf, Politik: Wie meistern Sie das?

Politik ist nicht „on Top", sondern ein spannendes Hobby. Andere gehen in die Kneipe oder zu Freunden, wenn sie über Politik diskutieren wollen, ich gehe in den Rat, um Politik mitzugestalten.

Warum sollten mehr Frauen in die Kommunalpolitik?

Weil es spannend ist. Und weil die Politik sonst „nur" von Männern gemacht wird, da fehlt die Hälfte. Bei vielen Fragen sind Frauen anders betroffen als Männer. Mindestens ebenso wichtig finde ich allerdings, dass mehr junge Menschen sich politisch engagieren. Wir stellen im Rat die Weichen für die Zukunft ihrer Stadt.

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