Bestsellerautor Frederick Forsyth war Austauschschüler in Halle

Als Austauschschüler besucht der spätere Erfolgsschriftsteller Frederick Forsyth in den 1950er Jahren die Realschule. Erst 50 Jahre später wird das der früheren Gastfamilie Dewald klar

Uwe Pollmeier

Berühmter Besuch: Folker Dewald, ehemaliger Schüler und Lehrer der Realschule, erinnert sich gerne an den damaligen britischen Austauschschüler Frederick Forsyth, der später zum Bestsellerautor wurde. - © Uwe Pollmeier
Berühmter Besuch: Folker Dewald, ehemaliger Schüler und Lehrer der Realschule, erinnert sich gerne an den damaligen britischen Austauschschüler Frederick Forsyth, der später zum Bestsellerautor wurde. (© Uwe Pollmeier)

Halle. Folker Dewald erinnert sich noch sehr gut an den smarten Briten, der vor gut 65 Jahren zum ersten Mal vor der Haustür seiner Eltern am Klingenhagen stand. Zwei Wochen lang soll »Derry«, wie sie ihn in der ostwestfälischen Familie nannten, die Haller Realschule besuchen, und danach noch ein wenig die Sommerferien in der Lindenstadt verbringen, bevor er wieder mit Zug und Fähre in die Grafschaft Kent im Südosten Englands zurückreisen würde.

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Den Kontakt zu »Derry« hatte Folker Dewalds Vater Helmut Dewald geknüpft. Der als Studienrat an der Realschule tätige Haller hatte als Gründer des Kulturrings schon früh Kontakte zu Großbritannien aufgebaut. »Derry« hieß eigentlich Frederick Forsyth und das ist aus heutiger Sicht nicht unerheblich. Denn aus dem einst 15-jährigen Austauschschüler wurde einer der bekanntesten Krimiautoren der Welt. Mehr als 70 Millionen Bücher hat der heute 80-Jährige verkauft und gleich mit seinen beiden ersten Werken, den Politthrillern »Der Schakal« und »Die Akte Odessa« feierte er große Erfolge.

Drei Besuche in der Lindenstadt

Dass Forsyth seine Zeit in Halle in guter Erinnerung geblieben ist, belegt eine Passage in seiner 2015 bei Bertelsmann erschienenen Autobiografie »Outsider«. Darin erwähnt er die Lindenstadt und die Familie Dewald und schildert die Erlebnisse während eines Wandertags der Realschule. Zudem kam er direkt im Jahr darauf noch einmal wieder und als 19-Jähriger besuchte er gemeinsam mit seiner Freundin nochmals Halle, um den Dewalds zu erzählen, dass er soeben zum jüngsten Jetpiloten der Royal Air Force ernannt worden sei.

Aus dem Familienalbum: Frederick Forsyth (oben Mitte) zwischen seinen Gasteltern Else und Helmut Dewald sowie deren Kinder Arnulf, Uta, Wilko und Folker. - © Uwe Pollmeier
Aus dem Familienalbum: Frederick Forsyth (oben Mitte) zwischen seinen Gasteltern Else und Helmut Dewald sowie deren Kinder Arnulf, Uta, Wilko und Folker. (© Uwe Pollmeier)

„Wir wohnten damals mit einer sechsköpfigen Familie in einer Wohnung mit 100 Quadratmetern", erinnert sich Dewald, der drei Jahre jünger ist als sein prominenter Gastbruder. Als sich Forsyth kurzzeitig hinzugesellte, wurde es richtig eng. Die Dewalds zeigten sich jedoch höflich und überließen dem jungen Briten aus gutem Haus ein kleines Zimmer. Darin lebte eigentlich die einzige Tochter Uta. Die Zwölfjährige musste nun aber Platz für den Schüler aus der Grafschaft Kent machen, und zog daher vo-rübergehend zu den Mietnachbarn im Obergeschoss.

„In der Schule war »Derry« die Attraktion", erinnert sich Folker Dewald, der später wie schon sein Vater ebenfalls an der Realschule unterrichtete. Forsyth sprach fünf Sprachen fließend und bald sollte Deutsch das Repertoire noch bereichern. „Er hat ein wenig mein Interesse an der englischen Sprache geweckt. Vielleicht bin ich auch deshalb Englischlehrer geworden", sagt Folker Dewald. Die Mädchen schauten sich jedenfalls nach dem hübschen 15-jährigen Briten um, und viele Jungen schauten neidvoll auf ihn herab. Acht Jahre nach Kriegsende war es ein kleines Wunder, dass sich ein Jugendlicher von der Insel in die ostwestfälische Provinz verirrte. „Wir hatten alle vorher noch nie einen Engländer aus der Nähe erlebt. Er war ein bunter Vogel in der Klasse", sagt Dewald.

"Derry" war für jeden Quatsch zu haben

„»Derry« war für jeden Quatsch zu haben", erinnert sich Dewald an die schöne gemeinsame Zeit Mitte der 1950er Jahre. Zu Fuß gingen sie gemeinsam zur Schule, die sich damals noch im Gebäude der heutigen Lindenschule befand, und am Nachmittag spielten sie gemeinsam Fußball auf den Freiflächen am Klingenhagen. Deutschland gegen England – friedlich und ohne jegliche Rivalität. Aber man spielte ja auch ohne Elfmeterschießen und das Wembley-Tor war noch eine Fehlentscheidung, die 13 Jahre in der Zukunft lag.

Spuren des Autors: Der Brite Frederick Forsyth lebte vor 65 Jahren mehrere Wochen lang bei Familie Dewald am Klingenhagen. - © Uwe Pollmeier
Spuren des Autors: Der Brite Frederick Forsyth lebte vor 65 Jahren mehrere Wochen lang bei Familie Dewald am Klingenhagen. (© Uwe Pollmeier)

Gemeinsam zogen die Jungs durch Halle und fingen am Laibach Frösche. Und selbst das Frühstück konnte die gute Laune des Jungen, der später als Journalist und 20 Jahre lang auch als Agent des britischen Auslandsgeheimdienstes MI 6 arbeitete, nicht vermiesen. „Meine Eltern haben es für »Derry« typisch britisch serviert", erinnert sich Folker Dewald. Man habe viel unternommen und eine schöne Zeit erlebt.

Nach seinem letzten Besuch brach der Kontakt jedoch ab, schließlich war man noch Jahrzehnte von E-Mails, Handys und WhatsApp-Nachrichten entfernt. Viele Jahre lang erinnerte man sich kaum noch an den sympathischen Gastschüler. Bis Uta Dewald 2007 im TV den Schriftsteller Frederick Forsyth sah und ihr die Verknüpfung klar wurde. Aus Derry wurde Frederick Forsyth, Träger des von König Georg V. gestifteten Ritterordens. Sie schrieb ihm einen Brief und bekam sogar eine Antwort. „Ich erinnere mich mit Dankbarkeit an Halle", schrieb Forsyth und sendete liebe Grüße in die Lindenstadt.

Info

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Frederick Forsyth wurde am 23. August 1938 in Ashford geboren. Er arbeitete als Reporter für die Eastern Daily Presse in Norfolk und wurde Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Er berichtete anfangs aus Paris, später aus der DDR und der Tschechoslowakei. Forstyh spricht mindestens sechs Sprachen fließend. 1965 ging er als Reporter zur BBC. Mit »Der Schakal« gelang ihm 1972 als Romanautor der Durchbruch. Das Buch belegte 23 Wochen Platz eins der Spiegel-Bestsellersliste. Gut 20 Jahre lang war er als Geheimagent für den MI 6 in Nigeria und in der DDR tätig.

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