Haller Mord-Ermittler blickt auf seine härtesten Fälle

Ralf Östermann: Die letzten 30 Jahre bestimmten Mord und Totschlag sein Leben, Hunderte von Leichen, Ermittlungen, Obduktionen und Akten. Jetzt muss es mal gut sein. Der Kommissar wird im März 62 und geht nun in Pension

Nicole Donath

Kriminalhauptkommissar Ralf Östermann geht nach mehr als 30 Jahren als Ermittler in Pension. - © Nicole Donath
Kriminalhauptkommissar Ralf Östermann geht nach mehr als 30 Jahren als Ermittler in Pension. (© Nicole Donath)

Kreis Gütersloh. Ralf Östermann sitzt in seinem Büro, hat sich zurückgelehnt, die Arme auf dem Schreibtisch und sagt erst mal – nichts. Der Gesichtsausdruck leicht skeptisch, sein Gegenüber im Blick. Nein, spontan mag er sich nicht festlegen, ob er sich nun mehr auf den Ruhestand freut oder eher bedauert, dass jetzt die Zeit gekommen ist, den Job an den Nagel zu hängen. Diesen Knochenjob, der fast täglich brutale Bilder bereithält und Ausnahmesituationen sowieso. Über 30 Jahre hat er ihn gemacht, mit Ehrgeiz, Einsatz, Fachwissen und auch Leidenschaft. Aber dann lächelt er, beugt sich nach vorne und sagt: „Es ist wohl eine Mischung aus beidem."

„Ich habe Einbruch praktisch gelernt"

Dass der heute 61-Jährige nach dem Abitur am Ravensberger Gymnasium von Bad Salzuflen überhaupt zur Polizei gegangen ist, liegt vor allem an seinem Onkel. Dieser Onkel war nämlich bei der Autobahnpolizei, fuhr schnelle Wagen und das hatte Ralf Östermann als jungem Mann wohl gefallen. Die Aufnahmeprüfung schaffte er auf Anhieb und so ging es bald weiter zur Ausbildung nach Köln, ganz klassisch mit Diensten in einer Hundertschaft. Später dann wechselte er nach Bielefeld als Streifenpolizist – Kategorie Mittlerer Dienst.

„Um in den Gehobenen Dienst zu kommen, brauchte ich allerdings noch ein Studium", erzählt der Kriminalhauptkommissar. Deshalb schrieb er sich 1981 an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung ein und lernte drei Jahre lang. Die Praktika, die in dieser Zeit auf dem Lehrplan standen, absolvierte er bei der Kriminalpolizei und das gefiel ihm richtig gut. „Da war für mich schon klar, dass ich auf dieser Schiene bleiben wollte", sagt Ralf Östermann heute.

Leiter von Mordkommissionen stehen auch den Journalisten Rede und Antwort. - © Wolfgang Rudolf
Leiter von Mordkommissionen stehen auch den Journalisten Rede und Antwort. (© Wolfgang Rudolf)

Indes, mit Mord und Totschlag hatte der damals 27-Jährige nach seinem Studium erst mal noch nichts zu tun. Stattdessen ging es ins Einbruchsdezernat. „Einbruch habe ich praktisch gelernt", sagt Östermann und zwinkert ob der Doppeldeutung. Als die Kollegen aus dem Nachbardezernat dann bei verschiedenen Mordkommissionen Hilfe benötigten, gehörte Ralf Östermann zu den Ersten, die sich meldeten. „Für mich hieß das damals Spuren bearbeiten, Leute besuchen ..." 1988 schrieb er sein Umsetzungsgesuch für das Morddezernat. Drei Jahre später leitete er seine erste Mordkommission.

Ralf Östermann lässt den Blick durch den Raum wandern. Was sind die Fälle, die ihm in Erinnerung bleiben ...? „Da war beispielsweise der Mordfall Kerstin Jahn aus Paderborn. Das war 1998", sagt er dann. Nach akribischen Ermittlungen kam Östermann mit seinem Team darauf, dass der damalige Personalrat der Benteler-Werke die junge Frau getötet und darüber hinaus noch einen weiteren Menschen auf dem Gewissen hatte.

Der Kriminalhauptkommissar war an der Aufklärung am Mord des kleinen türkischen Mädchens Kardelen beteiligt. Warum Frauke Liebs sterben musste, nachdem sie im Juni 2006 in Paderborn verschleppt wurde, hat der Ermittler indes nicht herausgefunden. Die Schwesternschülerin meldete sich nach ihrer Entführung noch sieben Mal kurz bei ihrem Exfreund, ihrem Bruder und ihrer Schwester von ihrem Mobiltelefon. Knapp vier Monate später entdeckte ein Jäger ihre Leiche in einem Wald in Lichtenau.

Ähnlich rätselhaft bleibt bis heute auch der Mord an der Hallerin Nelli Graf, die 2011 martialisch erstochen wurde. Einen weiteren Mord in Halle, den an der Zeitungsbotin Gabriele Obst, klärte Ralf Östermann wiederum auf, ebenso wie viele weitere Fälle. Beispielsweise den Mord an dem Gütersloher Geschwisterpaar an Weihnachten 2013.

Ungelöste Fälle sind eine "persönliche Niederlage"

Die Frage, wie sehr ihn ungelöste Mordfälle belasten und ob er sie womöglich sogar als persönliche Niederlage wertet, beantwortet der erfahrene Kriminalist ganz sachlich. „Doch, irgendwo ist das schon eine persönliche Niederlage. Und dennoch: Wenn du in den Spiegel schaust und dir sicher bist, alles Menschenmögliche getan zu haben, wenn du alles gegeben hast – dann kannst du es zumindest besser akzeptieren." Was nicht heißt, dass sich Ralf Östermann im Laufe der Jahre nicht immer wieder die Akten von ungelösten Mordfällen vorgenommen und immer wieder aufs Neue überlegt hätte, ob er nicht vielleicht doch noch einen Ansatz für neue Ermittlungen finden kann.

Kriminalbeamte, Staatsanwälte und Spurensicherung sind die Ersten, die zum Tatort gerufen werden. - © Oliver Krato
Kriminalbeamte, Staatsanwälte und Spurensicherung sind die Ersten, die zum Tatort gerufen werden. (© Oliver Krato)

Und die Anblicke von grausam zugerichteten Menschen, erwürgt, erstochen, erschossen, misshandelt – wie hat er die verarbeitet? Kann man die überhaupt verarbeiten? Der erfahrene Beamte nickt. „Doch, das geht. Ich habe das geschafft. Für mich war das Problem ein ganz anderes. Wenn du nämlich Eltern sagen musst, dass ihr Kind ermordet wurde. Es gibt nichts Schlimmeres und da weine ich heute noch mit. Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn man in solchen Momenten Emotionen zeigt. Entscheidend ist nur, dass du danach wieder funktionierst. Dass du zielgerichtet ermitteln kannst und genau weißt, wo der Weg lang geht."

Sicher sein, alles Menschenmögliche getan zu haben

Schon bald wird Ralf Östermann andere Wege gehen. Mit seiner Frau Daniela, ebenfalls Kriminalbeamtin, und mit seinen Freunden. Einmal im Jahr fährt die Runde nach Norderney, ein paar Mal öfter treffen sie sich zum Tennisspielen. Die Gefahr, noch einmal in einen Pistolenlauf gucken zu müssen, oder das Spiel zu unterbrechen, weil ein Leichenfund gemeldet wird, liegt hier annähernd bei Null. Über 30 Jahre Mord und Totschlag reichen auch einfach, jetzt darf mal Ruhe einkehren. Nicht einmal »Tatort« oder andere Krimis mag er schauen. Wobei, das war eigentlich schon immer so. Ralf Östermann schüttelt den Kopf und verzieht das Gesicht. „Nee, da schalten wir immer um. Die Geschichten im Fernsehen haben mit der Realität aber eben auch nur wenig zu tun."

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