Gewerkschaft rüstet gegen Gerry Weber

Streit ums Weihnachtsgeld: Der kriselnde Konzern hat die Jahressonderleistung einbehalten und damit in der Belegschaft für viel Frust gesorgt. Die IG Metall erfährt seither gewaltigen Zulauf und kündigt Widerstand an. Samstag werden Weichen gestellt

Marc Uthmann

Vor wenigen Wochen hat der Konzern seinen Mitarbeitern das Weihnachtsgeld gestrichen. - © Nicole Donath
Vor wenigen Wochen hat der Konzern seinen Mitarbeitern das Weihnachtsgeld gestrichen. (© Nicole Donath)

Halle. Ute Herkströter sieht die Gewerkschaft brüskiert. „Bisher gab es einen vernünftigen Umgang miteinander. Aber wie das Unternehmen agiert hat, finde ich unmöglich", sagt die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bielefeld. Konzernchef Johannes Ehling hatte wie berichtet auf einer Mitarbeiterversammlung angekündigt, das Weihnachtsgeld für 2018 nicht auszuzahlen – ohne diese Maßnahme mit der Gewerkschaft zuvor abzustimmen, wie Ute Herkströter betont.

Kündigt erheblichen Wiederstand an: Ute Herkströter, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bielefeld. Foto: Wolfgang Rudolf - © Wolfgang Rudolf
Kündigt erheblichen Wiederstand an: Ute Herkströter, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bielefeld. Foto: Wolfgang Rudolf (© Wolfgang Rudolf)

„Natürlich waren wir auch vorher schon im Gespräch und das Unternehmen hat signalisiert, dass es einen Mitarbeiterbeitrag benötigen werde, um den Standort zu erhalten", sagt die Gewerkschaftsfunktionärin weiter. Doch keinesfalls sei darüber Einigung erzielt worden, das Weihnachtsgeld für 2018 zu streichen. „Das steht den Mitarbeitern nach dem Tarifvertrag zu. Dann kann man es doch nicht einfach einbehalten."

Der Vorstand wollte die Mitarbeiter auf dem Sanierungskurs von Gerry Weber mitnehmen – doch mit dieser Ankündigung hat er offenbar eine Menge Vertrauen verspielt. Von einer regelrechten Eintrittswelle in die Gewerkschaft als Reaktion berichtet Ute Herkströter: „Wir hatten innerhalb von drei Tagen 150 neue Mitglieder. Und zwar sowohl aus der Logistik im Ravenna-Park als auch vom Verwaltungssitz." Schon im gesamten Verlauf der Krise habe die IG Metall kontinuierlich Mitglieder bei Gerry Weber gewonnen – aber zuletzt sei der Anstieg rasant gewesen.

Sammelklagen gibt es im deutschen Traifrecht nicht

Wie hoch der Organisationsgrad der IG Metall beim Modekonzern aktuell tatsächlich ist, will Ute Herkströter aus strategischen Gründen nicht verraten. „Aber er ist so hoch, dass wir ein Mandat haben, tätig zu werden." Ein Informationsblatt hat die Gewerkschaft auf den Weg gebracht und bereits für den kommenden Samstagmorgen zu einer Mitgliederversammlung nach Steinhagen eingeladen. Denn nun gilt es, Fristen einzuhalten: zwei beziehungsweise drei Monate nach der Gehaltsabrechnung muss der Anspruch auf die Jahressonderzahlung geltend gemacht werden. Ihre Höhe liegt bei 82,5 Prozent des Monatsverdienstes, beziehungsweise der Ausbildungsvergütung – für Beschäftigte der Gerry Weber Logistics bei 40 bis 50 Prozent.

Diese Forderungen und das Mandat auf Verhandlungen mit der Geschäftsführung über das Weihnachtsgeld will sich die Gewerkschaft am Samstag abholen. „Sollten wir beides bekommen, werden wir das Unternehmen auffordern, seinen tarifvertraglichen Pflichten innerhalb einer gewissen Frist nachzukommen. Wenn es die verstreichen lässt, werden wir unseren Mitgliedern empfehlen, zu klagen", kündigt Ute Herkströter an. Vor Gericht müsste letztlich jeder Mitarbeiter selbst ziehen, Sammelklagen sind im deutschen Tarifrecht nicht vorgesehen.

Dass es im Zuge der aktuellen Auseinandersetzungen auch zu Streiks kommen könnte, wollte Ute Herkströter zwar nicht ausschließen, betonte aber: „Das Unternehmen will mit uns grundsätzlich ja über einen Sanierungstarifvertrag verhandeln und wir sind auch bereit dazu." Allerdings soll sich dafür zunächst ein von der IG Metall bestellter Gutachter einen Überblick über die Zahlen verschaffen. „Auch wenn Gerry Weber natürlich lieber heute als morgen Ergebnisse präsentieren würde."

Gespräche über Sozialplan und Interessenausgleich

Parallel zum aktuellen Streit laufen längst Gespräche über den Interessenausgleich und einen Sozialplan. 900 Stellen will Gerry Weber wie berichtet konzernweit streichen, davon etwa 400 in Halle. „Wir werden in diesen Verhandlungen versuchen, noch einige Arbeitsplätze zu retten", kündigt Ute Herkströter an.

In jedem Fall wird der kommende Samstag die heiße Phase des Sanierungskampfes beim Haller Modehersteller einläuten.

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