Vor vier Jahren klinisch tot - heute ist der 90-Jährige ein Ass am PC

Wilfried Heitmann feiert 90. Geburtstag: Der frühere Rettungsstellenleiter ist seit fast 60 Jahren Feuerwehrmitglied. Vor vier Jahren war er klinisch tot, heute verbringt er seine Zeit am liebsten am Computer

Uwe Pollmeier

Wilfried Heitmann feiert 90. Geburtstag - © Uwe Pollmeier
Wilfried Heitmann feiert 90. Geburtstag (© Uwe Pollmeier)

Halle. „Ich war schon einmal tot, das habe ich sogar schriftlich“, sagt Wilfried Heitmann und setzt sich einen Tag nach seinem Geburtstag auf den weich gepolsterten Stuhl in seinem Wohnzimmer. Wer neun Jahrzehnte erlebt, gehört ohnehin zur bundesweiten Minderheit. Wilfried Heitmanns 90. Geburtstag grenzt allerdings eher an ein medizinisches Wunder.

Vor vier Jahren klopfte der Tod bei ihm an die Tür. Ganz still hatte er sich rangeschlichen, ohne Vorwarnung und dann sekundenschnell zugeschlagen. „Ich hatte eine unbemerkte beidseitige Lungenentzündung“, erzählt Heitmann. Seine Frau Lore habe ihn regungslos aufgefunden, daraufhin sei er direkt ins Krankenhaus gefahren worden. Dort brach Heitmanns Körper komplett zusammen. Herzstillstand. „Ich war tot, 20 Minuten lang haben die mich reanimiert“, sagt Heitmann. Es folgten Wochen im Koma und eine Reha in Bad Oeynhausen. Monatelang habe man ihn nicht mehr in Halle gesehen. „Einige Nachbarn haben mich vermutlich längst für tot gehalten“, sagt Heitmann mit einem Lächeln. Aber der damals 86-Jährige kämpft sich zurück ins Leben. Er lernt das Gehen, das Sprechen und auch das Essen wieder ganz neu.

Den Tod auf die leichte Schulter zu nehmen, ihn zu thematisieren und ihn je nach Lage zu verfluchen oder zu akzeptieren – seine Lebensgeschichte hat Heitmann immer wieder an das gesellschaftliche Tabuthema herangeführt. „Ich habe viel Leid gesehen und musste oft mit ansehen, wie Menschen wiederbelebt wurden“, sagt Heitmann, der von 1959 bis zu seiner Pensionierung als Krankenwagenfahrer und ab 1972 als Chef der Leitstelle im Rettungsdienst arbeitete. Als Rentner war er zudem noch zwölf Jahre lang als Sargträger tätig – bis 2001. „Ich stand in der Leichenhalle immer vorne, direkt am Sarg“, erinnert sich Heitmann, der sich vom Tod nicht einschüchtern lässt.

Geboren wurde er in der Stapenhorststraße in Bielefeld. Dort ging er zur Schule, verbrachte seine Jugend und wurde in der Altstädter Nicolaikirche konfirmiert. Gerade 16 Jahre alt geworden, wurde er am 15. Januar 1945 eingezogen und erlebte in Polen die letzten Kriegswochen mit. „Ich habe alles gut überstanden“, blickt er glücklich zurück.

Enkelsohn vererbt ihm den Computer

Danach lernte er den Beruf des Autoschlossers und war von 1950 bis 1959 als Zigarettenvertreter tätig. Mitte der 1950er Jahre zog es ihn nach Halle, wo er Lore Torlümke kennen lernte. Er zog in ihr Elternhaus, in dem sie bis heute leben, und gründete nach der Heirat 1955 eine Familie. Vier Kinder, vier Enkel und zwei Urenkel folgen. Sie wohnen alle in der Nähe, halten zusammen und geben sich gegenseitig Kraft. Auch in schweren Zeiten wie 2011, als der jüngste Sohn plötzlich starb.

Heitmann verbringt gerne viel Zeit am Computer. „Das habe ich mir alles selbst beigebracht“, sagt er stolz. Sein Enkel habe vor vielen Jahren einmal einen 386er gehabt. „Er wollte ihn aber nicht haben und da habe ich ihn genutzt“, sagt Heitmann, der 1988 und somit noch mitten im analogen Zeitalter in Rente ging. „Ich bin im Internet unterwegs und habe eine Flatrate fürs Telefon und fürs Internet“, sagt der Haller. Am PC verwaltet er seine Adresse und Termine, spielt ein wenig Karten und gestaltet Geburtstagskarten. „Facebook ist nicht mein Ding“, sagt der 90-Jährige.

Von der schweren Krankheit hat er sich gut erholt, dennoch ist er ein Pflegefall, der eine 24-stündige Betreuung erhält. „Ich fühle mich aber wieder sehr wohl“, sagt Heitmann. Er geht spazieren und meistert dabei problemlos die Stufen zur Wohnung im Obergeschoss.

„Ich habe nie Ärger mit jemandem gehabt“, sagt der ehemalige Feuerwehrmann. Wer ihn kennt, könnte sich dies auch kaum vorstellen. „Ich lebe das Leben leicht“, erklärt Heitmann seinen unbeschwerten Alltag. Niemand könne ihm garantieren, dass er 100 Jahre alt werde. Auch nicht seine Zahnärztin, die ihm jüngst noch eine Brücke verpassen wollte. Hätte sie ihm die zehn Lebensjahre versprechen können, hätte er den Eingriff samt Folgekosten gerne akzeptiert. „Aber so muss das ja nicht sein. Mir geht es doch gut.“

Copyright © Haller Kreisblatt 2018
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.