Sie spendet ihre Mähne für krebskranke Kinder

2010 entdecken Ärzte bei Lisa Türling Krebs. In der Chemotherapie verliert sie die Haare. Nun spendet sie ihre eigene Mähne für andere kranke Kinder

Uwe Pollmeier

Die langen Haare sind Geschichte: Lisa Türling hat sich im Salon Kolfhaus von Heiko Schreiber die Haare abschneiden lassen. Die 40 Zentimeter schickt sie nun an den österreichischen Verein »Die Haarspender«, die daraus Echthaarperücken für Kinder machen. - © Uwe Pollmeier
Die langen Haare sind Geschichte: Lisa Türling hat sich im Salon Kolfhaus von Heiko Schreiber die Haare abschneiden lassen. Die 40 Zentimeter schickt sie nun an den österreichischen Verein »Die Haarspender«, die daraus Echthaarperücken für Kinder machen. (© Uwe Pollmeier)

Halle. Heiko Schreiber nimmt das Lineal und hält es an den Hinterkopf von Lisa Türling. „Das sind genau 40 Zentimeter", sagt der Mitinhaber des Friseursalons Kolfhaus. Das hölzerne Messinstrument scheint wie gemacht für die Haare der 25-Jährigen – oder besser gesagt: für die ehemaligen Haare. Denn wenige Sekunden später greift Schreiber zu Schere und tut das, was er tagtäglich macht. Er schneidet die Haare ab und diesmal eben gleich auf einer Länge von fast einem halben Meter.

Haare haben einen Wert von 500 Euro

Bevor jetzt Männer mit hoher Stirn entsetzt die Hände über die Platte zusammenschlagen und versuchen, sich das zu raufen, was längst nicht mehr da ist – Türling hat sich diesen Radikalschnitt gut überlegt, sie sieht zudem danach noch genauso gut aus wie vorher und vor allem hat sie es für den guten Zweck getan.

Letzte Vorbereitung: Der Friseur misst noch einmal nach, bevor er die Schere ansetzt. Lisa Türling weiß, was sie tut, und auch ihr Freund kann sich nicht beschweren, schließlich hatte er die Idee zur Spende. - © Uwe Pollmeier
Letzte Vorbereitung: Der Friseur misst noch einmal nach, bevor er die Schere ansetzt. Lisa Türling weiß, was sie tut, und auch ihr Freund kann sich nicht beschweren, schließlich hatte er die Idee zur Spende. (© Uwe Pollmeier)

„Ich gebe meine Haare dem Verein »Die Haarspender« aus Österreich", sagt die junge Frau, die im dritten Semester Soziologie und Erziehungswissenschaften an der Bielefelder Universität studiert. Obwohl sie mit dem Verkauf ihrer seit sieben Jahren gewachsenen Haare auch – so die Schätzung ihres Friseurs – rund 500 Euro hätte verdienen können, entschied sich die Hallerin für die kostenlose Abgabe ihrer Mähne an den spendenfinanzierten Verein aus Wien.

Dieser Verein lässt aus den Haaren Echthaarperücken für Kinder im Alter zwischen vier und 19 Jahren anfertigen, die ihr richtiges Haar krankheitsbedingt verloren haben. Da Echthaarperücken bis zu 3.000 Euro kosten und Krankenkassen nur einen Bruchteil dazu zahlen, können sich viele solch eine Perücke gar nicht leisten. Der Verein finanziert die Anfertigung durch Spenden, so dass die betroffenen Kinder sie kostenlos erhalten.

In der zehnten Klasse kam die unheilvolle Diagnose

Türling weiß selbst nur zu gut, wie man sich gerade als junges Mädchen fühlt, wenn man plötzlich alle Haare verliert. Mit erst 16 Jahren erhielt sie wie aus heiterem Himmel die Diagnose Weichteiltumor im Kniegelenk. „Ich war von heute auf morgen raus aus dem Alltag und konnte nicht mehr zur Schule gehen", erinnert sich Türling.

Cut: An dieser Stelle hat Heiko Schreiber die dunkelblonden Haare abgeschnitten. - © Uwe Pollmeier
Cut: An dieser Stelle hat Heiko Schreiber die dunkelblonden Haare abgeschnitten. (© Uwe Pollmeier)

Es folgten Operationen, Chemotherapien und viele Wochen, die sie geschwächt zu Hause oder auf der onkologischen Station der Kinderklinik in Bethel verbrachte. Der Tumor wurde spät entdeckt, aber noch nicht zu spät. „Zunächst hatten die Ärzte vermutet, dass er bereits gestreut hat, aber das war nicht der Fall", sagt die Mutter einer heute zweieinhalbjährigen Tochter. Die Diagnose traf sie damals hart, schließlich war das doch etwas, von dem man immer nur hört, dass es andere haben. Aber nun hatte sie es. Fast noch ein Kind war sie plötzlich ganz nah mit dem Thema Tod konfrontiert.

„Ich wollte mich nicht zurückwerfen lassen", dachte sie damals. Sie besuchte die 10. Klasse der Realschule und stand kurz vor dem Abschluss. „Ich bekam Hausunterricht, absolvierte die Prüfung und erhielt sogar den Q-Vermerk", sagt die 25-Jährige. Dieser ermöglichte ihr den Besuch des Gymnasiums. Sie machte ihr Abi und engagierte sich für das Kinderkrebsprojekt »Fruchtalarm«. „Dieses wurde von einem Bielefelder Ehepaar gegründet, das seinen Sohn durch Krebs verlor", sagt Türling. Sie habe den Jungen damals in der Klinik kennengelernt.

Heute ist die 25-Jährige kerngesund und niemand sieht ihr den langen Leidensweg an. „Es ist alles gut gegangen, ich laufe auch ganz normal", sagt Türling und blickt auf ihr Knie. Mit ihrer Haarspende möchte sie helfen, dass auch andere Kinder einen Schritt zurück in die Normalität machen können.

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