Kinderlähmung: Warum diese Ärztin aus Überzeugung impft

Detlef Hans Serowy

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Halle. Die heimtückische Infektionskrankheit Polio – auch spinale Kinderlähmung genannt – ist in Deutschland praktisch ausgerottet. Das liegt an der konsequenten Schutzimpfung, die in der Bundesrepublik ab 1962 und in der früheren DDR bereits ab 1960 durchgeführt wurde. Der Weltpoliotag am Sonntag erinnert daran, dass die Krankheit weltweit immer noch Opfer fordert. Obwohl der Impfnutzen bei Polio auf der Hand liegt, gibt es heute eine verbreitete Skepsis gegenüber dem Impfen insgesamt. Dr. Dagmar Müller hält dagegen. Die Kinderärztin aus Halle impft „aus Überzeugung" und berät Eltern in diese Richtung.

„2017 ist in Berlin ein Kind an den Masern gestorben", berichtet die 51-Jährige. Diese hoch ansteckende Virusinfektion könne einen tückischen Verlauf nehmen. Eines von 1.000 betroffenen Kindern erkrankt an einer Gehirnentzündung, die schwere Schädigungen oder den Tod hervorrufen kann. „Sieben bis acht Jahre nach einer überstandenen Masernerkrankung kann die Gehirnentzündung schleichend kommen und das Hirn wie bei bei der Creuzfeld-Jakob-Krankheit massiv schädigen."

„Ich habe meine Tochter Greta genau so geimpft"

Eine konsequente Impfung nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) ist aus Sicht von Dagmar Müller das Mittel der Wahl zur Vorsorge gegen zahlreiche Krankheiten. Bereits Säuglinge werden danach gegen Wundstarrkrampf, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung und weitere Erkrankungen immunisiert. „Ich habe meine Tochter Greta genau so geimpft", betont Dagmar Müller. Das sei ein sehr überzeugendes Argument Eltern gegenüber.

In Deutschland gibt es nämlich keine Impfpflicht. Nur Empfehlungen, und es ist Sache der Eltern, ob sie ihre Kinder impfen lassen oder nicht. „Die Eltern sind heute einer wahnsinnigen Informationsflut ausgesetzt", sagt die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Das verunsichere die Menschen. Dazu sei die Kritik von Impfgegnern im Internet häufig fachlich nicht fundiert. „Viele Eltern glauben Dinge, die medizinisch oft ganz haarsträubend sind."

Kinderärztin Dr. Dagmar Müller aus Halle ist vom Nutzer der Impfungen für Kinder und Jugendliche überzeugt und rät Eltern dazu, die empfohlenen Impfungen auch durchführen zu lassen. - © Foto: Detlef Hans Serowy
Kinderärztin Dr. Dagmar Müller aus Halle ist vom Nutzer der Impfungen für Kinder und Jugendliche überzeugt und rät Eltern dazu, die empfohlenen Impfungen auch durchführen zu lassen. (© Foto: Detlef Hans Serowy)

Dagmar Müller setzt auf Argumente und auf das Gespräch. „Ich habe mit Eltern manchmal zwei oder drei Termine im Vorfeld einer Impfung. Die Arbeit lohnt sich aus Sicht der Medizinerin, denn von 20 Neugeborenen werden anschließend im Schnitt 18 geimpft. Die Hälfte der verbleibenden Impfskeptiker kann Dagmar Müller überzeugen „und der Rest der Kinder wird nicht geimpft", erklärt sie bedauernd.

Von einer umfassenden Impfpflicht wie in Frankreich hält Dagmar Müller nicht viel. „Man muss Eltern eine Verantwortlichkeit lassen" – davon ist sie überzeugt. Die meisten Eltern wüssten die Schutzimpfung zu schätzen und ließen sie durchführen. „Ich habe in den 14 Jahren meiner Praxis in Halle noch keine ernsten Probleme in der Folge einer Impfung gehabt", betont die Ärztin. Es habe Fieber, Ausschlag und leichte allergische Reaktionen gegeben. „Das war zweimal juckender Ausschlag", erinnert sie sich.

Jedes Kind wird vor der Impfung gründlich untersucht

Seit Juni 2004 praktiziert die gebürtige Mönchengladbacherin in der Lindenstadt und seither hat sie rund 3.000 Erstimpfungen durchgeführt. Jedes Kind kommt bei planmäßigem Verlauf zu insgesamt 13 Impfterminen in ihre Praxis. Das summiert sich auf rund 40.000 Termine „Einen Impfschaden hatte ich noch nie", verdeutlicht Dagmar Müller das aus ihrer Sicht geringe Risiko. Trotzdem sei Vorsicht angezeigt, stellt sie klar. Jedes Kind wird vor einer Impfung gründlich untersucht.

Liegt beispielsweise eine Al-lergie gegen Hühnereiweiß vor, dann kann es in Einzelfällen zu einem allergischen Schock beim Impfen kommen. „Impfstoffe werden teilweise auf Hühnereiweiß gezüchtet und können Spuren davon enthalten", weiß die Ärztin. In solchen Fällen wird die Impfung in einer Klinik durchgeführt, damit ein möglicher Schock sofort behandelt werden kann. Ein allergischer Schock sei gut behandelbar, eine Masernerkrankung könne aber tödlich verlaufen.

Dagmar Müller befürwortet übrigens nicht jede Impfung. „Es gibt auch Impfstoffe, von denen ich nicht überzeugt bin, und dann rate ich Eltern auch nicht dazu."

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