Walter Müller feiert heute seinen 100. Geburtstag

Ekkehard Hufendiek

Im Garten: Walter Müller hat sein Leben lang gearbeitet. Auch heute noch schneidet der 100-Jährige zuhause an der Flurstraße Hecken oder Sträucher. - © Foto: Ekkehard Hufendiek
Im Garten: Walter Müller hat sein Leben lang gearbeitet. Auch heute noch schneidet der 100-Jährige zuhause an der Flurstraße Hecken oder Sträucher. (© Foto: Ekkehard Hufendiek)

Halle. Vier Flaschen Kreuzkümmelschnaps hat Walter Müller zur Feier des Tages für seine Gäste vorbereitet. Darin hat er Kümmel, Kandiszucker und einen Tropfen Weizenkorn zusammengemischt. Jedem schenkt er ein Glas ein und das nicht zu knapp. Beim Zuprosten im Pressevorgespräch lacht er, wie ein junger Bursche. In seiner Gesellschaft fällt das Lachen leicht – es hält offensichtlich jung.

Seine Enkeltochter Svenja Langer bezeichnet ihren Großvater stolz als willensstark und immer aktiv. Jeden Morgen spaziere er einige hundert Meter von seinem Haus an der Flurstraße bis zur Autobahn und zurück. Im vergangenen Jahr habe er sogar die Hecke in Form geschnitten. Ein Foto beweist seinen Tatendrang: Es zeigt ihn mit einer Säge an einem abgeschnittenen Magnolienast.

„Landwirtschaft war das A und O"

Die Arbeit prägt von Kindesbeinen an sein Leben. Aufgewachsen ist Walter Müller in Bronislau auf dem Bauernhof der Eltern. Damals lebten dort 120 Leute. „Landwirtschaft war das A und O", sagt er. Es gibt eine Kirche und eine Schule. Doch das Lernen war zweitrangig: „Wir mussten erstmal mit den Kühen auf die Weide gehen", erzählt er. „Wenn Sie mich nach meinem Beruf fragen: Ich habe keinen", sagt Walter Müller und lächelt.

Walter Müller ist ein Vertriebener. Er wird 1939 Opfer des Hitler-Stalin-Paktes. Denn durch die Vereinbarung der zwei verbrecherischen Diktatoren fällt das kleine Bronislau der Sowjetunion zu, und zwar schon vor dem Polenfeldzug 1939.

Ohnehin sind die Bewohner Galiziens der Willkür zahlreicher Herrscher ausgesetzt. Erst gehört Bronislau bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zur österreichisch-ungarischen Monarchie, danach fällt Müllers Dorf Polen zu, zu Kriegsbeginn wird es der Sowjetunion zugesprochen und schließlich gehört es zur Ukraine.

Doch von seinem Dorf ist heute nichts mehr zu sehen. Schule, Häuser und Bauernhöfe sind verschwunden. Nur die einstige Kirchturmspitze lagert wie ein Mahnmal auf einem benachbarten Friedhof und eine Gedenktafel an einem Autorastplatz erinnert an das einstige Bronislau.

Sein Fluchtfahrrad steht heute ineinem Museum

Walter Müller ist kurz nach dem Kriegsausbruch erst 20 Jahre alt, als er sich mit einigen anderen vor durchziehenden polnischen Soldaten versteckt. Er beschließt zu fliehen, als die Russen kommen. Mit dem Fahrrad und dem Zug schafft er die Reise bis nach Österreich zu seinem Bruder, der dort eine Pfarrstelle hat. Sein Fluchtfahrrad ist heute ein Ausstellungsgegenstand im Donauschwäbischen Museum in Ulm.

Noch im Krieg als ins Russisch dolmetschender Soldat heiratet er mit 24 Jahren 1942 seine Frau Erna. Dafür bekommt er eine Woche Sonderurlaub. Mit ihr bekommt er später zwei Kinder, Dietmar (1943) und Monika (1957). Heute erfreut sich Walter Müller an sechs Enkeln und fünf Urenkeln.

1957 baut er ein Haus an der Flurstraße in Künsebeck. Das sei zu der Zeit wichtiger gewesen, als ein Auto zu besitzen, sagt er. Zur Arbeit fährt er immer mit dem Fahrrad.

„Ich mache alles, was man so machen kann"

Zuerst poliert und beizt er Möbel in einer Steinhagener Fabrik, dann ist angestellt im Dürkopp-Werk und arbeitet später 40 Jahre als Hausmeister bei der Polizei. Ab 1980 reist er 17 Mal als Leiter für die Diakonie Halle mit einer Gruppe nach Baltrum und wird deswegen schließlich zum Ehrenbürger der kleinen Nordseeinsel ernannt.

Außerdem singt Walter Müller 40 Jahre im Männerchor Timken. Bei der Auflösung des Chores ist mit 88 Jahren der älteste Tenor der Gruppe – wenn’s den Chor noch gäbe, würde er vermutlich heute noch singen. 2002 feiert er Diamant-Hochzeit. Viele Jahre hat er zuhause Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben. Zu seinem Arbeitseifer sagt er: „Ich mache alles, was man so machen kann."

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